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Regional „Rassismus nicht mehr so offensichtlich“
Sportbuzzer Sportmix Regional „Rassismus nicht mehr so offensichtlich“
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18:31 04.11.2011
Transparent im Uni-Hörsaal: Die Fans des RSV Göttingen 05 hassen Faschismus. Quelle: Heller
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Göttingen

„Sie lehnen bestimmte Menschengruppen rigoros ab“, deshalb passe der Begriff „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ besser. Der Fußball biete durch Rivalitäten auf dem Platz und unter den Fangruppen Andockpunkte, die von Neonazi-Gruppen und Parteien ausgenutzt werden würden. Ihre Meinung zum Rechtsextremismus klar zum Ausdruck brachten die vielen anwesenden Fans des RSV 05, die ein großes Banner mit der Aufschrift „Love RSV 05 – hate facism“ im Hörsaal befestigten. 150 Zuhörer hatten sich eingefunden, weshalb ein Umzug in einen größeren Hörsaal notwendig wurde.

Rassismus ist heute nicht mehr so offensichtlich wie früher“, erläuterte der in Rostock geborene Autor dreier Bücher, die sich alle mit dem Thema Rechtsextremismus im Fußball befassen. Offen zur Schau gestellte Sympathie für das Dritte Reich sei in Stadien selten. Vielmehr würden die Symbole kodiert und seien auf Trikots oder Flaggen nur für Eingeweihte und Gleichgesinnte erkennbar.

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Mit Bildern und Beispielen arbeitete Blaschke in seinem Vortrag die teils perfide Rekrutierungstaktik heraus. So organisiere Neonazi Tommy Frenck in der thüringischen Kleinstadt Hildburghausen Grillfeste, Konzerte, Kundgebungen und Vorträge. In seinem Fußballverein SG Germania führe er Jugendliche an die Kameradschaftsszene heran, um als Mitglied des Kreistages von ihrer Unterstützung zu profitieren.

Ein weiteres Beispiel sei die Unterwanderung der Anhänger von Lokomotive Leipzig, erläutert Blaschke. Nach der Insolvenz des Klubs hätten Neonazis beim finanziellen Wiederaufbau des Vereins geholfen und im Zuge dessen dort Wähler für die NPD rekrutiert. Hausverboten werde mit Plakatbussen auf öffentlichem Grund vor dem Stadion, Facebook-Profilen und der Teilnahme an sozialen Netzwerken begegnet. So könnten sich die Gruppen noch schneller organisieren. Das Zugehörigkeitsgefühl, das die Szene biete, sorge dafür, dass sich Jugendliche überhaupt erst auf diese einlassen, weiß der Autor. Meist stammten sie aus zerrütteten Familienverhältnissen und hätten soziale Probleme.

Schwierig sei die Situation für die Medien, da „jede Art von Publicity der rechten Partei nutzt“. Deshalb helfe eine „nüchterne Art, zu berichten“ mehr, als zu dämonisieren, meint Blaschke. Sanktionen gegen bestimmte Fans sollten „einzelfallabhängig“ ausgesprochen, „kluge Fanprojekte weiter gefördert und öfter in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden“.

Die Ausschreitungen im DFB-Pokal vor knapp zwei Wochen sieht Blaschke, Sportjournalist des Jahres 2009, nicht als Anlass, an eine Form von eskalierender Gewaltspirale zu glauben: „Gewalt unter Fußballfans gab es immer und wird es weiter geben.“ Leider werde zumeist nur dann berichtet, wenn etwas Schlimmes passiert.

Von Tobias Christ