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Regional Udo Steiner spricht Recht in Streitfällen des deutschen Profifußballs
Sportbuzzer Sportmix Regional Udo Steiner spricht Recht in Streitfällen des deutschen Profifußballs
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20:51 11.04.2014
Hat Sorge um die Chancengleichheit im deutschen Fußball: Udo Steiner. Quelle: Hinzmann
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Göttingen

Konkret sind die Instanzen mit Urteilen zum MSV Duisburg (Lizenzverweigerung) und zu Dynamo Dresden (Pokalsperre wegen Fan-Ausschreitungen) in Erscheinung getreten.

Fälle, die bei ihm vor dem Fußball-Schiedsgericht landen, kämen eher selten vor, und das habe seinen Grund: „Einen Konflikt zwischen dem Verband und Vereinen schätzt man nicht so sehr. Das ist wie ein Streit in der Familie“, sagt Steiner, der am Donnerstag im Rotary Club Göttingen einen Vortrag zum Thema Sport und Medien gehalten hat.

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Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband

Steiner, dessen Bruder Wolfgang viele Jahre HNO-Chefarzt am Göttinger Uni-Klinikum war, zählt zu den Gründungsvätern des deutschen Sportrechts. Dafür erhielt der Jurist, der von 1995 bis 2007 dem Bundesverfassungsgericht angehörte, das große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband.

Das Sportrecht sei mittlerweile eine gut etablierte wissenschaftliche Disziplin, sagt Steiner, Universitäten, vor allem aber auch große Kanzleien beschäftigten sich damit. „Da geht es um die Nachfrage. Wo das Geld ist, da ist der Jurist“, sagt Steiner süffisant.

90 Prozent aller Streitfälle würden im deutschen Profifußball vom Sportgericht abgedeckt, unterstreicht Steiner. Es folge das Bundesgericht, und erst dann werde das Schiedsgericht angerufen.

Aufsehenerregend war 2012 das Urteil zur sogenannten 50+1-Regel, nach der Investoren nicht die Stimmenmehrheit in Kapitalgesellschaften von Proficlubs innehaben dürfen. Dagegen geklagt hatte 96-Boss Martin Kind, das Schiedsgericht hielt an der Regelung fest.

Sorge über Bundesliga-Zukunft

Der ehemalige Handballer und Tischtennisspieler blickt mit einiger Sorge der Bundesliga-Zukunft entgegen. „Die Finanzierungsunterschiede sind gewaltig“, sagt er im Hinblick auf die Bayern-Dominanz. „Bisher war man immer Stolz auf eine ausgewogene Spielqualität, dass jeder gegen jeden gewinnen und verlieren konnte. Das hat sich geändert, und auf absehbare Zeit werden Klassenunterschiede bleiben.“

Möglicherweise könnten eine andere Verteilung der Fernsehgelder und die Bestimmungen des Financial Fairplay der Uefa Abhilfe schaffen.

Ein anderes Thema, das ihn zuletzt in seiner Eigenschaft als interessierter Jurist beschäftigt hat, war das Phantom-Tor von Stefan Kießling, zumal der Schiedsrichter Felix Brych an Steiners Lehrstuhl in Rosenheim Doktorand war. Nach wie vor stehen sie in Kontakt und spielen auch in der Fakultätsmannschaft Fußball.

„Das Urteil des Sportgerichts, die Tatsachenentscheidung zu bestätigen, war unvermeidbar“, sagt Steiner. Allerdings handele es sich um einen Grenzfall, der in Richtung Unerträglichkeit geht. Eine Torlinientechnik, ist der Jurist sicher, wird kommen, auch wenn sich der deutsche Fußball wohl wegen der hohen Kosten („Ein paar 100 000 Euro für jeden Verein“) zunächst dagegen entschieden hat.

Dreifachbestrafung unverhältnismäßig

Schließlich müsse sich Deutschland auch international orientieren. Genauso wie bei der Dreifachbestrafung für eine Notbremse, die Steiner als unverhältnismäßig erachtet. Sein Kampf dagegen habe ihm von Kollegen bereits viel Spott eingebracht.

Als Vorsitzender der Anti-Doping-Kommission des DOSB hat er sich kürzlich auch mit dem Fall Sachenbacher-Stehle beschäftigt. „Das hat den deutschen Sport erschüttert, zumal der deutsche Anti-Doping-Kampf als effektiv und verantwortungsbewusst gilt“, sagt Steiner. Zu Recht zögen hier harte Sanktionen wie Sperre und finanzielle Strafen.

Der Vater von vier Kindern, in Bayreuth geboren und in Erlangen aufgewachsen, ist Mitglied des 1. FC Nürnberg, ein „Clubberer“. Die Mitgliedschaft sei bei Juristen immer auch „ein Nachweis für Milieunähe“, sagt Steiner augenzwinkernd.

Er selbst trägt den Club jedoch im Herzen, räumt ihm allerdings schlechte Chancen im Abstiegskampf ein. Ein gleichzeitiger Aufstieg von Fürth, von Nürnbergern als Vorort verspottet, wäre „ein wunder Punkt“. Da hört sie dann auf, die Unparteilichkeit des Udo Steiner.

Von Eduard Warda