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Regional Wenn der Sportler in die selbst gestellte biografische Falle tappt
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20:31 24.11.2010
DOG-Herbstforum in der IGS Geismar: Hendrik Faure (Asklepios-Klinikum Göttingen), Rainer Hald (DOG Südniedersachsen), Antje Dresen (Uni Mainz), Petra Reußner (DOG Südniedersachsen), Mischa Kläber (TU Darmstadt), Michael Ahrens (IGS) und Frank Sickora (DOG Südniedersachsen, v. l.).
DOG-Herbstforum in der IGS Geismar: Hendrik Faure (Asklepios-Klinikum Göttingen), Rainer Hald (DOG Südniedersachsen), Antje Dresen (Uni Mainz), Petra Reußner (DOG Südniedersachsen), Mischa Kläber (TU Darmstadt), Michael Ahrens (IGS) und Frank Sickora (DOG Südniedersachsen, v. l.). Quelle: Heller
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In der vollbesetzten Aula der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule, in der sich vor allem IGS-Oberschüler eingefunden hatten, referierten der Mediziner Hendrik Faure, Chefarzt der Abteilung Akutpsychiatrie des Asklepios-Fachklinikums Göttingen, sowie die Sportsoziologen Antje Dresen von der Uni Mainz und Mischa Kläber von der Technischen Universität Darmstadt zum Thema „Doping und Sport – Drogen und Sucht als gesamtgesellschaftliches Problem“.

In seiner Einführung unterstrich der Bezirksgruppen-Vorsitzende und Vorstand der Sparkasse Göttingen, Rainer Hald, das Motto des Sports habe sich mit Beginn der Olympischen Spiele der Neuzeit 1896 von „Dabei sein ist alles“ in „Schneller, höher, weiter“ verwandelt – was zum Doping verführe. Der Sport als Spiegelbild der Leistungsgesellschaft: „Vor lauter Leistung und Performance bleibt auch bei der Bank oftmals die an Menschen orientierte Beratung auf der Strecke“, sagte Hald selbstkritisch.
Der Mediziner Faure begann seinen Vortrag mit einem Power-Point-Bild, das die Politiker Guido Westerwelle und Wolfgang Thielbörger (beide FDP) beim Biertrinken zeigt. Trocken-humorig wies der Arzt auf die Gefahren und die teilweise gesellschaftliche Akzeptanz von Drogenkonsum hin. Bereits Richard Wagner habe laut seines Hausmädchens indischen Hanf geschnüffelt – nicht nur wegen des Asthmas, es habe ihm auch beim Komponieren geholfen. Seine Musik klinge ja stellenweise auch ein bisschen wie Techno, merkte Faure unter dem Gelächter der Zuhörer an.

Alkoholmissbrauch habe bei unter 18-Jährigen sprunghaft zugenommen, berichtete der Mediziner, der die Vorbildrolle von Politikern wie Angela Merkel (abgebildet beim Schnapstrinken) und Christian Wulff (mit einem großen Glas Bier vor sich) unterstrich. „Wenn der Bundespräsident mit einem Eimer Bier herumrennt, darf man sich nicht wundern, wenn seine Untertanen ihm nacheifern.“

Den zielführenden Aspekt, der Drogenkonsum von Doping unterscheidet, nahm die Sportsoziologin Dresen unter die Lupe. Doping ist Ausdruck einer wettbewerbsorientierten Erfolgsgesellschaft, lautet ihre These, der Spitzensport beeinflusse sich dabei wechselseitig mit den Bereichen Medien, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Werde ein Dopingsünder ertappt, profitierten davon allerdings in erster Linie die Medien, die dann etwas zu schreiben hätten. Dopingmittel seien im Spitzensport eine „Mehrzweckwaffe, um Risiken zu bewältigen“. Erfolgsdruck, Schritt halten mit den Konkurrenten, Anerkennung – beim Doping liege kein individuelles Fehlverhalten vor, es handele sich um ein Strukturproblem.

Dresens Kollege Kläber beleuchtete zum Abschluss die Fitness-Studio-Szene als Bestandteil des Freizeitsports und „Massenphänomen westlicher Industrienationen“, in denen Mediziner als „Steigbügelhalter“ fungieren und Doping zur Sucht werde. Bodybuilder seien die „Doping-Avantgarde“, aber auch Kunden von Gesundheitssport-Studios seien gefährdet. Je größer die Identifikation über Fitness, desto größer die Anfälligkeit für Doping.Der Sportler tappe in die „biografische Falle“, es würden schließlich Tierarzneien und Betäubungsmittel konsumiert: Doping als Sucht. Kläber forderte, die Dopingdebatte müsse sich verstärkt auf den Breitensport konzentrieren. IGS-Lehrer Michael Arents etwa beobachtet etwa seit „zwei bis drei Jahren“, dass immer mehr seiner Schüler ins Fitnessstudio gehen – und sehr schnell viel Muskelmasse aufbauen.

Von Eduard Warda