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Weltweit Bahn frei für das Spektakel
Sportbuzzer Sportmix Weltweit Bahn frei für das Spektakel
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08:45 17.07.2013
Von Stefan Knopf
Alpe d’Huez ist mehr als Radsport, so wie Wimbledon mehr ist als Tennis: Die Klettertour in den französischen Wintersportort gilt als größtes Spektakel der Tour de France. Quelle: imago sportfotodienst
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Hannover

Vor ein paar Jahren, ja, da hätte sich die Nation noch vor dem Fernsehgerät versammelt. Wenn die Tour de France die Berge erreichte, dann war das immer ein Ereignis; auch wer sich sonst nur am Rande für Radsport interessierte, wollte plötzlich mitreden, und die meistgestellte Frage im sommerlichen Deutschland lautete: Wo ist Ulle? Nun ist Jan Ullrich, der Ulle, längst nicht mehr dabei, versunken im Dopingsumpf wie seine Sportart, die weiter verzweifelt um ihre Anerkennung kämpft. Und wer heute Radsport guckt, so hat es den Anschein, der muss sich manchmal schon rechtfertigen. Es sind halt andere Zeiten. Am Donnerstag aber, da darf mit gutem Gewissen hingeschaut und mitgefiebert werden: Am Donnerstag kommt die Tour de France wieder nach Alpe d’Huez; der Weg durch die 21 Serpentinen hinauf in den französischen Wintersportort ist die vielleicht berühmteste Klettertour der Welt. 21 Fakten zu Alpe d’Huez, das mehr ist als Radsport, so wie Wimbledon mehr ist als Tennis und Monte Carlo mehr ist als Formel 1.

-Eine Handvoll Unterkünfte gibt es um das Jahr 1950 herum in Alpe d’Huez, als die Hoteliers auf eine Schnapsidee kommen, wie es auf den ersten Blick scheint. Der Wintersportort soll Etappenort der Tour de France werden. Die Hoteliers zahlen den Organisatoren der Rundfahrt einen Haufen Geld, die sich überzeugen lassen und das Feld im Jahr 1952 erstmals die inzwischen berühmten 21 Kehren hinaufschicken. Vollends überzeugt scheinen die Veranstalter aber nicht zu sein: 24 Jahre dauert es, bis die Tour de France zurückkehrt.

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-Seit 1976 taucht Alpe d’Huez regelmäßig im Tour-Plan auf. Morgen kommt der Tross zum 28. Mal in den Wintersportort.

-Im Sommer ist Alpe d’Huez wie ausgestorben - wenn nicht die Tour de France vorbeischaut. Kerngeschäft ist der Wintersport. Heute gibt es in dem Retortenort Unterkünfte mit rund 32 000 Betten.

-Der Italiener Fausto Coppi ist 1952 erster Tagessieger in Alpe d’Huez. Auslöser für seine entscheidende Attacke gegen seinen französischen Konkurrenten Jean Robic ist angeblich ein Missverständnis: Als Coppi am Straßenrand ein Schild mit der Aufschrift „Huez“ erspäht, wähnt er sich kurz vor dem Ziel und tritt an. Tatsächlich liegt der Ort Huez unterhalb von Alpe d’Huez, und das Ziel ist rund fünf Kilometer entfernt. Coppi hält dennoch durch.

-Coppi gewinnt 1952 auch die Tour, und das bleibt über Jahrzehnte hinweg einmalig. Ein Etappensieg in Alpe d’Huez und der spätere Gesamtsieg, das ist sonst nur noch Carlos Sastre 2008 gelungen. Lance Armstrong schaffte das Kunststück 2001 und 2004, hat die Erfolge inzwischen aber wegen Dopings verloren.

-Die erste Klettertour nach Alpe d’Huez 1952 ist zugleich die erste Bergankunft in der Geschichte der Tour de France. Etappen über die höchsten Berge Frankreichs gibt es zwar schon länger, doch das Ziel lag bis dahin noch nie auf einem Gipfel.

-Heute fahren die Radprofis auf gut ausgebauten Asphaltstraßen, die Ende des 19. Jahrhunderts noch Trampelpfade für Maulesel waren. Einst befanden sich nicht weit von Alpe d’Huez Silberminen, der Abbau begann im 12. Jahrhundert.

-Wer sich über die Straße nach Alpe d’Huez schlängelt, den begleitet ein Countdown. Jede der 21 Serpentinen ist rückläufig nummeriert und den Etappensiegern gewidmet. Los geht’s in der ersten Kurve mit der Nummer 21 und Fausto Coppi und Lance Armstrong, die letzte Kehre vor dem Ziel trägt die Nummer 1 und den Namen Giuseppe Guerini.

-Sechs Profis haben Alpe d’Huez zweimal als Erster erreicht: Joop Zoetemelk, Hennie Kuiper, Peter Winnen, Gianni Bugno, Marco Pantani und Armstrong.

-Sechsmal stehen in den ersten zehn Jahren niederländische Fahrer auf dem Siegertreppchen, Alpe d’Huez wird „der Berg der Holländer“. Der letzte Sieg eines Niederländers liegt allerdings bereits 24 Jahre zurück (Gert-Jan Theunisse, 1989).

-2004 feiert Alpe d’Huez eine weitere Premiere: Erstmals findet auf der Rampe mit seinen 21 Kehren ein Zeitfahren statt. Es gewinnt der im Ansatz geständige Doper Armstrong vor dem im Ansatz geständigen Doper Ullrich.

-Einen deutschen Etappensieger gibt es nicht. Ullrich wird 1997, 2001 und 2004 Zweiter, Dietrich Thurau erlebt 1977 eine herbe Niederlage. Nach 15 Tagen im Gelben Trikot verliert er die Gesamtführung in den Alpen. Thurau kämpft, doch nach Alpe d’Huez verausgabt er sich total. Auf den letzten Metern stürzt er sogar und sitzt später weinend im Ziel.

-1986 kämpfen zwei Mannschaftskollegen um den Etappensieg und den Gesamtsieg: Titelverteidiger Bernard Hinault und Greg LeMond beharken sich wie zwei Erzrivalen. Hinault, der seinem Kollegen eigentlich helfen soll, beschleunigt immer wieder, aber der Amerikaner lässt sich nicht abschütteln. Am Ende rollen beide Arm in Arm über den Zielstrich. Hinault wird zum Tagessieger erklärt, LeMond gewinnt die Tour.

-1990 wird Alpe d’Huez endgültig zum Spektakel. Die Etappe in den Skiort ist die erste, die das französische Fernsehen live in voller Länge überträgt.

-Das Fernsehen liebt Alpe d’Huez wegen der grandiosen Kulisse, und 2001 gibt es dort ein bemerkenswertes Schauspiel zu bestaunen. Armstrong mimt erst den Leidenden, dann blickt er Ullrich ins Gesicht, tritt wie ein Wilder in die Pedale und rast davon. Der Amerikaner gewinnt mit rund zwei Minuten Vorsprung, und es beginnen tiefschürfende Analysen über seinen Fahrstil im Vergleich zu dem des Deutschen. Das Wort Doping spielt keine Rolle.

-Es gibt steilere Anstiege als den Weg nach Alpe d’Huez, und es gibt längere. Die Kombination aber macht diese 21 Kurven so einzigartig. 13,8 Kilometer mit durchschnittlich 7,9 Prozent Steigung, an der steilsten Stelle sind es 14,8 Prozent. Vom Ort Bourg-d’Oisons auf 720 Metern geht es hinauf auf 1850 Meter. Unterwegs gibt es keine flache Stelle, keine Gelegenheit zum Durchschnaufen. Gleich auf dem ersten Kilometer begrüßt der Berg die Fahrer mit einer Steigung von 10,4 Prozent.

-Bei seinem Etappensieg 1997 stellt Marco Pantani einen Rekord auf, der bis heute Gültigkeit hat. Für die 13,8 Kilometer benötigt er 37:35 Minuten. Wohlgemerkt: Als er die Rampe am Fuß des Berges erreicht, hat der Italiener bereits knapp 200 Kilometer in den Beinen. Als Armstrong 2004 das Zeitfahren gewinnt, das direkt am Fuße der 21 Kehren beginnt, benötigt der Amerikaner 37:36 Minuten.

-Nicht nur für die Profis ist Alpe d’Huez eine Herausforderung. Auch Hobbyfahrer wollen wissen, wie es sich anfühlt, sich hier einmal hinaufzuwinden. Offizielle Statistiken gibt es nicht, schätzungsweise suchen aber jeden Sommer knapp 1000 Amateure die Herausforderung. Nicht jeder kommt an, ohne abzusteigen.

-Wer Alpe d’Huez live erleben möchte, muss früh anreisen. Bereits drei bis vier Tage, bevor der Tour-Tross anrollt, sind die Plätze entlang der Straße mit Zelten und Wohnmobilen vollgestellt, und die Organisatoren riegeln die Strecke ab. Zugelassen sind dann nur noch Fahrzeuge mit Akkreditierung. Beim Zeitfahren 2004 sollen eine Million Menschen am Berg gestanden haben.

-Das Chaos am Berg ist auch für die Fahrer nicht ohne Risiko. Vor allem im unteren Teil der Strecke sind die Straßen mit Menschenmassen verstopft, sodass die Profis den Streckenverlauf nur ahnen können. Erst im letzten Moment springen die aufgeputschten Fans zur Seite und geben den Blick auf die Strecke frei. Ein übermütiger Hobbyfotograf hätte Giuseppe Guerini 1999 beinahe den Etappensieg gekostet, als er den Italiener einen Kilometer vor dem Ziel vom Rad rempelte.

-Auch diesmal, im Jahr der 100. Auflage, wollen die Tour-Organisatoren das maximale Spektakel. 42 Kehren sollen es sein: Erstmals müssen die Fahrer am Donnerstag zweimal hinauf nach Alpe d’Huez. Nach der ersten Durchfahrt geht es über den 1999 Meter hohen Col de la Sarenne und in einem Bogen wieder zurück.

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