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Weltweit "Anti-Doping-Regeln waren eine stumpfe Waffe"
Sportbuzzer Sportmix Weltweit "Anti-Doping-Regeln waren eine stumpfe Waffe"
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15:51 27.09.2011
"Doping in Deutschland": Eine Dopingstudie entlarvt 1976 als Jahr der Zäsur im Doping. Quelle: dpa
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Berlin

Das Olympia-Jahr 1976 stellt nach Meinung von Forschern eine Zäsur in der westdeutschen Dopinggeschichte dar. "Zahlreiche Trainer, Sportwissenschaftler und Funktionäre waren nach Montreal in Dopingvorgänge verwickelt. Daran gibt es keine Zweifel", sagte der Historiker Marcel Reinold von der Universität in Münster am Dienstag. "Montreal war eine Zäsur: Der Staat kommt rein", erklärte der 31-Jährige bei der Präsentation von Zwischenberichten zur Studie "Doping in Deutschland" in Berlin.

Doping sei Mitte der 70er Jahre erstmals als "strukturelles Problem" erkannt worden. Sportärzte waren in einer "Dilemma- Situation", die Bundesregierung geriet in "Rechtfertigungsnöte", meinte Reinold. So habe das Bundesministerium des Innern (BMI) 1976 für die "dubiose Aktion Luft-Klistier" - westdeutschen Schwimmern wurde zur Leistungssteigerung Luft in den Darm gepumpt - 250 000 D-Mark bewilligt. Der vom BMI verwaltete Spitzensport-Etat hat sich zwischen 1960 (2 Mio. DM) und 1972 (23,5 Mio. DM) mehr als verzehnfacht, berichtete Projektleiter Professor Michael Krüger.

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Formell seien nach 1976 zwar "bestimmte Bedingungen in Anti-Doping-Regeln verankert" worden, aber das war "eine stumpfe Waffe", erklärte Reinold. In einigen "besonders belasteten Verbänden hat man das praktisch nicht sehr ernst genommen".

"Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft und Sporteliten befürworten schon vor 1976 den Anabolika-Einsatz", stellte Reinolds Kollege Erik Eggers von der Berliner Humboldt-Universität als Fazit seiner Forschungen zur Periode von 1972 bis 1977 fest. "Trainer und Funktionäre befürworten den Anabolika-Einsatz." Bei den deutschen Hallen-Meisterschaften der Leichtathleten 1974 in München wurden zehn Sportler getestet. "Einer ist geflüchtet. Sechs von neun Athleten waren dann positiv auf Anabolika", berichtete Eggers.

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), der die Studie initiiert hat, drängt auf die praktische Umsetzung der Forschungsergebnisse. "Aus den Fehlern der Vergangenheit wollen wir Lehren für die Gegenwart und Zukunft ziehen", kündigte DOSB-Vizepräsidentin Gudrun Doll-Tepper an.

"Lückenlose Aufklärung" forderte DOSB-Generaldirektor Michael Vesper. "Wenn einzelnen Personen ein Fehlverhalten nachgewiesen wird, die noch leben, ist das ein Thema für die Steiner-Kommission. Die Person muss gehört werden, und dann wird es eine Entscheidung geben", sagte er am Dienstag. "Vor der Frage nach Konsequenzen steht allerdings der Abschlussbericht, auf den wir warten." Vesper rechnet im kommenden Jahr mit der Endversion.

Die zum Teil brisanten Ergebnisse der Studie "Doping in Deutschland" werden Ende Oktober im Präsidium des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) diskutiert werden. "Dann müssen wir auch fragen: Wie ist Daume damals mit den Erkenntnissen umgegangen?", erklärte Doll-Tepper. "Wir haben ja ein umfangreiches Daume-Archiv in Frankfurt."

Die "staatlich subventionierten Anabolika-Forschungen" sind nach 1970 beim Sportmediziner Joseph Keul in Freiburg "konzentriert" worden, fanden die Historiker Eggers und Projektleiter Giselher Spitzer heraus. "Zu NOK-Präsident Willi Daume bestand lange ein Vertrauensverhältnis, ihm ließ Keul sogar Interna zur Anabolika-Praxis zukommen", stellte Spitzer fest.

"Das Fehlen eines Gegensteuerns Daumes werten wir als billigende Mitwisserschaft, zumal Daume viele Unterlagen zum Doping erhielt und den Problembereich schon früh kennengelernt haben musste", heißt es in dem Bericht. Daume war von 1961 bis 1992 Chef des Nationalen Olympischen Komitees (NOK); er starb 1996.

dpa

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