Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Weltweit „Manche sind anständig, die Mehrzahl nicht“
Sportbuzzer Sportmix Weltweit „Manche sind anständig, die Mehrzahl nicht“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:58 30.08.2013
Professor Fritz Sörgel zählt zu den profiliertesten deutschen Wissenschaftlern, die dem Doping im Sport den Kampf angesagt haben. Quelle: CAS
Anzeige
Hannover

 Doping in Deutschland von 1950 bis heute: Mit diesem Thema insbesondere auf die „alte Bundesrepublik“ bezogen beschäftigt sich am kommenden Montag der Sportausschuss des Deutschen Bundestages. Forschungen der Humboldt-Universität Berlin und der Universität Münster belegen nicht nur den Konsum leistungssteigernder Mittel im westdeutschen Sport, sondern auch die Duldung und teilweise sogar Förderung der Dopingforschung von staatlichen Stellen. Die HAZ hat mit dem Anti-Doping-Kämpfer Fritz Sörgel über dieses Forschungsvorhaben und den heutigen Stand der Dopingproblematik gesprochen.

Herr Professor Sörgel, welche Erkenntnisse bringt eine Studie über Dopingkonsum in der Vergangenheit für den heutigen Kampf gegen Sportbetrug?
Sie bestätigt, dass sich nicht viel geändert hat und dass manche immer noch nicht begriffen haben, wo man beispielsweise in einem Anti-Doping-Gesetz ansetzen muss. Und sie zeigt, wie Politik und Sport einander schon immer gebraucht haben. Zudem gibt sie einen Einblick, wie Sportfunktionäre und leider auch Sportwissenschaftler operieren. Solche Zustände gab es schon in die Antike, sie sind nach heutigen gesellschaftlichen Standards einfach abstoßend.

Bietet die Studie aus Berlin und Münster für Sie überraschende Ergebnisse bezüglich der Dopingvergangenheit in Westdeutschland?
Etwa 90 Prozent des Inhaltes waren schon vorher bekannt, nur verstreut in verschiedenen Quellen. Jetzt ist alles in einem Dokument zusammengefügt, das hilft bei Recherchen. Einige Erkenntnisse, wie etwa die Verstrickungen des Dopinganalytikers Manfred Donike, waren in der Tat neu und für mich als Bioanalytiker schockierend. Und zusammen mit den Zeitzeugeninterviews ist ein wichtiges Zeitdokument entstanden, das ein nicht sehr appetitliches Sittenbild des Sports zwischen 1950 und 1990 zeichnet. Schade, dass die Zeit nach 1990 nicht auch aufgearbeitet wurde, da war ja richtig was los, schon wegen der Einführung des Epos in die Medizin im Jahr 1988.

Sörgel:

"Viele neue Dopingmittel beschafft man sich auf kriminelle Weise."

Sind Anabolika, Amphetamine, Wachstumshormone und auch Epo tatsächlich die Dopingmittel, die am häufigsten konsumiert werden?
Ja. Lediglich die Amphetamine spielen derzeit nicht die ganz große Rolle wie vor der Anabolikazeit. Zudem gehören zu den Klassikern Eigenblutdoping als immer noch probates Mittel zur Leistungssteigerung und Diuretika zum Verschleiern einer Dopingeinnahme.

Welche Weiterentwicklungen gibt es beim Sportbetrug? Ich denke da an Designerdoping, Gendoping, Veränderungen von Mitteln durch Gentechnik.
Die größte Kreativität dürfte es im Bereich der Designerdopingmittel geben, analog zu den Designerdrogen, die derzeit den Drogenmarkt überschwemmen. Dabei gilt als eine wichtige Eigenschaft im „Design“ eines Dopingstoffes, dass die chemische Veränderung nicht leicht nachweisbar sein sollte. Viele neue Dopingmittel versucht man auch bei in Entwicklung befindlichen Arzneimitteln zu entdecken und beschafft sich diese auf kriminelle Weise. Die Veränderung menschlichen Erbmaterials, also die „Gentherapie“, ist derzeit noch nicht die große Gefahr. Dort bringt man neue Gene ein oder tauscht für den Sportler nicht optimale aus.

Wieso spielt die Gentherapie derzeit noch keine Rolle, sie wäre doch eine fast ideale Dopingform.
Das ist richtig, aber erst muss mal die Medizin das Kunststück fertig bringen, das genetische Material gefahrlos und dauerhaft in die menschlichen Zellen einzubringen. Den Forschern, die daran arbeiten, geht es in erster Linie um den Nobelpreis und nicht um Sportmedaillen – Gott sei Dank. Den Begriff Gendoping finde ich unglücklich und irreführend, weil sich der Laie eben die „Gentherapie“ darunter vorstellt. Viele Arzneistoffe, Dopingmittel wie „normale“ Arzneistoffe wirken über eine Beeinflussung der Genaktivität, oft Gendoping genannt. Unter den Begriff „Gendoping“ fallen mir dann einfach zu viele Stoffe.

Sind die Kontrolllabore so ausgestattet, dass sie neue Dopingmittel nachweisen können?
Die guten Labore sind oft nahe am Geschehen. Aber ohne Hinweise aus der Sportlerszene oder auch der pharmazeutischen Industrie haben die Betrüger immer einen kleinen und manchmal auch einen größeren Vorsprung. Die pharmazeutische Industrie kooperiert heute sehr gut mit uns Dopingforschern, weil sie verständlicherweise kein Interesse daran hat, dass ihre wertvollen Arzneimittel durch Dopinggerüchte einen schlechten Ruf bekommen.

Welche Chancen bieten Blutprofile im Anti-Doping-Kampf?
Die zuverlässige Entdeckung von Doping im Bereich aller direkten Blutmanipulationen, wie Eigenblutdoping oder Epo-Doping, kommt heute ohne diese Methoden nicht mehr aus. Das sollte Standard sein, auch wenn sich der mächtige Deutsche Fußball-Bund derzeit mit Händen und Füßen dagegen wehrt. Warum eigentlich?

Sörgel:

"Wenn sich Freizeitsportler zunehmend mit Medikamenten zuschütten, zahlt die medizinischen Folgen die Gemeinschaft der Krankenversicherten."

Lohnt es sich, auf lange Sicht dem Doping den Kampf anzusagen? Oder ist dieser Kampf gar nicht zu gewinnen, wie es Lamine Diack, Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes, behauptet hat?
Wer dopt, verschafft sich einen Vorteil und betrügt. Unter dieser Voraussetzung sollte ein Sportfunktionär nicht öffentlich die Waffen strecken. Er bestätigt aber dennoch ein Prinzip, das es seit Urzeiten gibt: Der Mensch will sich gegenüber Konkurrenten immer einen Vorteil verschaffen. Manche machen das anständig, die Mehrzahl nicht. Und Sportler sind halt auch nur Menschen.

Welche Konsequenzen – insbesondere für die Gesundheit der Konsumenten – hätte eine Freigabe von Doping?
In der Pharmakologie ist einer der wichtigsten Kernsätze, dass von einem Medikament, das keine Nebenwirkungen hat, auch keine Hauptwirkung zu erwarten ist. Für die Freigabe von Dopingmitteln heißt das: Hat ein Stoff eine leistungssteigernde Wirkung, greift er so fundamental in den normalen Ablauf des Körpers ein, dass bei vielen Herz, Leber, Niere, Lunge und Blut bildende Organe geschädigt werden bis hin zum Tod. Allerdings gibt es keinen Automatismus, dass Doper früh sterben. Damit beruhigt sich offenbar mancher Konsument von verbotenen Mitteln sowohl im Hochleistungs- als auch Freizeitsport. Leider. Für die Gesellschaft im Ganzen ist der im Breitensport zu beobachtende Narzissmus aber ein Riesenproblem. Wenn sich Freizeitsportler zunehmend mit Medikamenten zuschütten zahlt die medizinischen Folgen die Gemeinschaft der Krankenversicherten.

Das spräche dann dafür, Doping zu verbieten.
Eine Freigabe des Dopings wäre bei der jetzigen Form der Organisation des Sports jedenfalls fatal. Dort sind talentierte Jugendliche im gleichen Umfeld tätig wie Multimillionäre. Die Tatsache, dass in vielen Sportarten heute schon Jugendliche auf Dopingmittel untersucht werden, zeigt doch, dass die Seuche anscheinend schwer aufzuhalten ist. Deshalb plädiere ich für eine Abtrennung des Hochleistungssports in Bereichen, in denen er sich zum Zirkus auswächst. Es gibt eine Entwicklung zur „Red-Bullisierung des Sports“ durch riskante Sportarten oder -events, die den Tod mit einkalkulieren. Dort kann man sich, abseits vom Sport im engeren Sinne, dann eigene Regeln mit Dopingfreigabe geben. Es ist und bleibt aber heuchlerisch, wenn das Publikum einerseits „Muskelmonstern“ oder in ferner Zukunft mal genetisch veränderten Wesen zujubelt, aber anderseits sich in Umfragen mehrheitlich gegen Doping ausspricht.

Sörgel:

"Man darf nicht vom Verband erwarten, dass er seine Vorzeigesportler dem Anti-Doping-Kampf opfert."

Kann der Sport das Dopingproblem überhaupt in den Griff bekommen? Oder wäre aus der Sicht des Wissenschaftlers nicht eine Anti-Doping-Gesetzgebung vonnöten?
Man muss einfach mal die Aufgaben eines Sportverbandes sehen – die Förderung des Sports und auch der Schutz der Sportler. Jede Dopingaffäre stört da nur und muss entweder vertuscht oder eben klein geredet werden. Man darf nicht vom Verband erwarten, dass er seine Vorzeigesportler dem Anti-Doping-Kampf opfert. Und wenn die Besten gesperrt sind, führt dieses ja auch zu finanziellen Einbußen bei der Sportförderung und dem Verlust von Fernsehgeld. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) fällt wegen einer analogen Interessenslage als Korrektiv ebenfalls aus. Und ein Innenministerium, das süchtig nach Medaillen ist, gängelt die Nationale Anti-Doping-Agentur (NADA) oder führt diese regelmäßig vor, bis die zahnlos ist. Das jüngste Beispiel gab es in der vergangenen Woche, als die NADA unter Druck ein völlig unwirksames Anti-Doping-Programm des Deutschen Fußball-Bundes schlucken musste. Wir brauchen eine unabhängige NADA und die Jurisprudenz, um die immer schlimmer werdenden Auswüchse des Sportzirkusses zu verhindern.

Was muss also getan werden?
Da wünscht man sich, dass der energische und integre Chef der amerikanischen Anti-Doping-Agentur, Travis Tygart, für ein paar Monate eingeflogen wird und die Verbände antanzen lässt, um diese zu einem wirksamen Anti-Doping-Kampf zu veranlassen. Ziel Nummer 1 muss daher sein, der NADA Unabhängigkeit von der Politik und den Sportverbänden zugleich zu verschaffen. Denn sonst kann auch ein Travis Tygart nichts machen, wie man vor wenigen Wochen bei seinem Auftreten im Sportausschuss des Bundestages gesehen hat. Er wirkte weichgespült. Nachdenken muss man sicher auch über die Art und Weise, wie man den „Aufsichtsrat“ der NADA zusammenstellt. Und eben ein Anti-Doping-Gesetz beschließt, das seinen Namen verdient. Die vorliegenden Entwürfe sind ein erster Versuch, aber auch nicht mehr und teilweise an den Realitäten vorbeigehend. Da müssen sich alle an der Gesetzgebung Beteiligten mal richtig anstrengen, denn sonst werden die Gesetzesvorlagen leicht gekippt. Die Sportverbände und vor allem der DOSB haben ihre im Verharmlosen bestens erfahrenen Juristen schon längst in Stellung gebracht.

Professor Fritz Sörgel...

...zählt zu den profiliertesten deutschen Wissenschaftlern, die dem Doping im Sport den Kampf angesagt haben. Der 62-Jährige leitet seit 1987 das Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP) in Nürnberg-Heroldsberg. Zuvor studierte er Pharmazie in Frankfurt, dort promovierte er auch, und Medizin in Nürnberg. Erstmals in Kontakt mit der Dopingproblematik kam Sörgel 1999 als Gutachter für die Staatsanwaltschaft Tübingen, dabei ging es um das vermeintliche Beimischen des Wirkstoffes Nandrolon in die Zahnpasta des Langstreckenläufers Dieter Baumann.

Sörgel bezweifelte die Behauptung Baumanns, weil mit der vermeintlich präparierten Tube die Urinwerte des Leichtathleten nicht zustande gekommen wären. Zuletzt äußerte sich der Nürnberger Wissenschaftler kritisch über das Anti-Doping-Programm des Deutschen Fußball-Bundes. Dieser will zwar neben Urin auch Blut künftig auf unerlaubte Mittel hin untersuchen, verzichtet aber auf die Anlage von Blutprofilen der Spieler, anhand derer Veränderungen des Blutbildes über einen längeren Zeitraum nachgewiesen werden können. Sörgel wurde 2007 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Interview: Carsten Schmidt

Weltweit Triathlon am Maschsee - Ein Rennen ist nicht genug

Jan Raphael aus Hannover startet am Sonnabend gleich zweimal beim 7. Maschsee-Triathlon. Beim Rennen der Männer – und auch beim Rennen der Frauen über dieselbe Distanz – wird zugleich der neue deutsche Meister im Triathlon ermittelt.

31.08.2013

Nach Angelique Kerber und Sabine Lisicki hat auch Philipp Kohlschreiber bei den US Open die dritte Runde erreicht. Seinen nächsten Gegner hat er in New York schon einmal geschlagen. Roger Federer, Rafael Nadal und Serena Williams hatten es eilig.

30.08.2013

Sebastian Vettel hat mit einer meisterhaften Leistung gleich im ersten Rennen nach der Sommerpause für klare Verhältnisse gesorgt und einen weiteren großen Schritt zum vierten Titeltriumph in Serie gemacht.

25.08.2013