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Weltweit Marathon in Hannover: Lasst sie laufen!
Sportbuzzer Sportmix Weltweit Marathon in Hannover: Lasst sie laufen!
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16:36 04.05.2013
Von Gabriele Schulte
„Das ist wie Werbung, die man sonst kaufen müsste“: Marathon-Städte wie Hannover profitieren vom positiven Image des Laufens und von den Livebildern, die künftige Touristen anlocken. Quelle: Herzog
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Hannover

Der achtjährige Martin starb, als er am Ziel auf seinen Vater wartete. Bei jedem Marathon ist das einer der ganz großen Momente, das Einanderfinden im Zielraum, der Moment, in dem die Läufer jubeln „Ich habe es geschafft“ und Ehemann, Freundin, Sohn oder Mutter aufatmen „Es ist alles gut gelaufen“.

So haben sie auch an jenem Montag in Boston im Zielraum nach einander Ausschau gehalten, voll Spannung, voll Stolz, voll guter Laune. Dann haben zwei Bomben den kleinen Martin und zwei junge Frauen getötet, haben 16 Menschen Gliedmaßen weggerissen, fast 200 an Körper und Seele schwer verletzt. Die Bomben von Boston haben ein Sportereignis in eine Tragödie verwandelt. Zumindest in diesem Jahr liegt über allen nachfolgenden Läufen ein Schatten.

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Und trotzdem: Auch an diesem Wochenende machen sich in Hannover wieder Tausende Marathonläufer auf den Weg. „Jetzt erst recht“, sagen sie. Sie könnten auch gar nicht anders. Gegen alle Widerstände anlaufen, das ist das zweite Wesen des Langstreckenläufers.

Schon zum zweiten Mal hat Boston die Marathon-Welt verändert. Das erste Mal war 1967: Die Amerikanerin Kathrine Switzer mischte sich als Mann getarnt unter die Teilnehmer. Frauen waren auf Langstrecken nicht zugelassen. Erst 1972 durfte Switzer als Frau starten.

Das zweite Mal schrieb Boston Marathon-Geschichte an diesem 15. April, als die Brüder Zarnajew mit selbst gebauten Bomben ein Massaker anrichteten. Es hätte auch bei einem Jahrmarkt passieren können. Doch es traf den Langstreckenlauf. „Wir haben den Marathon in die Luft gesprengt“, sollen die Attentäter nach der Tat dem Fahrer des von ihnen gekaperten Autos gesagt haben. Tatsächlich klingen bei „Marathon“ nun nicht mehr nur Ausdauer, Leistungsbereitschaft, Disziplin, Spaß und Weltoffenheit an. Sondern auch Angst. Der ehemalige Eliteläufer Roger Robinson, Ehemann der legendären Katherine Switzer, sprach am Tag des Attentats von der „verlorenen Unschuld“ des Marathons. Wird jetzt alles anders?

An diesem Wochenende ertönen allein in Deutschland Startschüsse zu Marathons in Hannover, auf Helgoland und in Heilbronn, in Bitterfeld, im rheinischen Windhagen und im schwäbischen Welsheim. Weltweit in Salzburg und Genf, ­Toronto und Cincinnati... Das wird im Gedenken an Boston geschehen. Schon an den beiden vergangenen Wochenenden haben Veranstalter von Roanoke (Virginia) bis Hamburg dem Lauf Schweigeminuten vorangestellt. Es soll dem Terror nicht gelingen, den Sportfesten dauerhaft das Unbeschwerte zu nehmen.

Der Boom des Laufsports, der so gut zum Gesundheits- und Anti-Aging-Trend passt, dürfte weitergehen. Zwar verzeichnet der Hauptlauf vielerorts rückläufige Teilnehmerzahlen - von Kultveranstaltungen wie in New York, London und Berlin abgesehen. Doch rund um den Marathon wurden beliebte Nebenwettkämpfe etabliert, auf die der Glanz der „Königsstrecke“ abstrahlt: Halbmarathon, 10-Kilometer-Lauf, Staffelmarathon, Kinderlauf, Nordic Walking.

Seit den achtziger Jahren beschert die Joggingwelle Sportartikelherstellern und -verkäufern, Laufseminaranbietern und Hobbyzeitschriften ein gutes Geschäft. Seit damals entwickelten sich auch die bis dahin kaum beachteten Marathonläufe zum öffentlichen Ereignis. Vor einem Jahr kam eine Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums zu dem Ergebnis, dass 19 Millionen Deutsche mehr oder weniger regelmäßig laufen. Längst nicht alle sind Wettkämpfer; sie schätzen die Bewegung in der Natur, den entspannten Trabrhythmus, das fast meditative Alleinsein oder das gesellige Miteinander. Öffentliche Vorbilder gibt es viele: Joschka Fischer, Margot Käßmann, Tom Buhrow, Markus Lanz, um nur einige zu nennen.

Vom positiven Image des Laufens profitieren auch die Städte, in denen ein Marathon stattfindet. Teilnehmer und Angehörige geben in Hotels, Gaststätten und Geschäften oft über mehrere Tage Geld aus - im Marathon-Mekka Berlin ist von einem jährlichen Einnahmeplus von 60 Millionen Euro die Rede. In diesem Jahr bietet erstmals auch die Hannover Tourismus GmbH Übernachtungen zu Sonderkonditionen an. „Das wird sehr gut in Anspruch genommen“, sagt Sprecherin Julia Sellner, unter anderem von Besuchern aus Skandinavien, den Niederlanden, Spanien. Marathonläufer gelten als reisefreudig. Unter ihnen sind überdurchschnittlich viele - zahlungskräftige - Manager und andere Akademiker.

„Gold wert“ sind auch die Übertragungen im Fernsehen, sie können zukünftige Touristen locken. Seit 2011 zeigt der NDR Livebilder aus der Luft über Hannover, nicht nur von afrikanischen Spitzenläufern, sondern auch von Sehenswürdigkeiten wie Sprengel Museum und Zoo. In diesem Jahr führt die Strecke auch durch die Eilenriede und am neuen Schloss entlang - auf Wunsch auswärtiger Teilnehmer.

„Das ist wie Werbung, die man sonst kaufen müsste“, sagt Stadtsprecher Udo Möller, selbst Marathonläufer. Gern präsentiert sich die Stadt als „Sportstadt“ und öffnet ihr Rathaus für Teilnehmerinformation und Toilettennutzung. Sie hofft wieder auf ein „großes Straßenfest“ mit begeisterten Zuschauern und engagierten ehrenamtlichen Helfern, auf eine Gemeinschaft, die auch das Wirgefühl der Bewohner stärkt. Straßensperrungen und Müllsammlung werden im Übrigen vom Veranstalter getragen. Dieser holt sich das Geld von Sponsoren und Teilnehmern. Marathonläufer in Hannover zahlen 47 bis 60 Euro, je nach Anmeldezeitpunkt.

Warum nehmen sie es überhaupt auf sich, monatelang bei Wind und Wetter zu trainieren, um 42,195 endlos erscheinende Kilometer zu laufen? Es ist nicht nur „die Herausforderung, mal an die Grenzen zu gehen“, wie Hannover-Marathon-Läuferin Astrid Körner es formuliert. Es ist das von extremen Höhen und Tiefen geprägte Erlebnis einer Lebensreise: Momente, in denen nur aufgeben möglich scheint, gilt es immer neu zu überwinden. Als Lohn gibt es Gänsehaut, Stolz und Euphorie - ausgelöst auch von den Menschen am Straßenrand, die noch den Langsamsten anfeuern und jeden als Helden feiern. Wie schnell die Pein dann vergessen ist, macht ein beliebter Läuferspruch deutlich: Der Schmerz geht, der Stolz bleibt.

HAZ-Redakteurin Gabriele Schulte schnürt seit 24 Jahren regelmäßig die Laufschuhe. Seit 2006 hat sie sechs Städte auf der Marathonrunde erkundet: Berlin, Münster, Hannover, Hamburg, New York und Wien.