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00:15 11.10.2013
Von Carsten Schmidt
„Wenn einige buhen, nehme ich das als Kompliment“: Sebastian Vettel muss sich auf dem Weg zum vierten Weltmeistertitel in Folge mit dem Missmut der Formel-1-Fans auseinandersetzen. Quelle: dpa
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Suzuka

Was ist denn bloß los in der Formel 1? Sebastian Vettel macht nach dem Sieg beim Großen Preis von Südkorea einfach „blau“ oder „hängt die Eier in den Pool“, wie er selbst es der Konkurrenz vorgehalten hat. Wo ist denn seine Arbeitswut geblieben, die er selbst in jenem Wellen schlagenden Zitat postuliert hatte? Oder will Vettel mit dem vermeintlichen Lockerlassen zwischen den Rennen weg von dem „Maschinen“-Image und auf menschlicher Sympathieebene punkten?

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Vettels Blaumachen ist tatsächlich genauso ernst zu nehmen wie das plötzliche Lob seines Rivalen Lewis Hamilton. Der Brite im Mercedes hatte gemerkt, dass er mit seinen Nadelstichen gegen den deutschen Weltmeister und dessen Können überzogen hatte, und rudert nun zurück, um nicht als schlechter Verlierer dazustehen. Und der Weltmeister selbst hat einfach nur 48 Stunden lang keine Termine, flog aber nach Japan und bezog dort sein neues Quartier, um sich auf den Großen Preis in Suzuka am Sonntag einzustimmen. Und keine Angst: Heute hat der Hesse schon wieder einen Public-Relation-Termin in einer Autofabrik in Yokohama.

Immerhin sorgen solche verbalen Scharmützel zwischen Hamilton und Vettel, in die sich wahlweise auch noch Hamiltons Mercedes-Kollege Nico Rosberg oder Vettels Dauerrivale Fernando Alonso (Ferrari) einschalten, für eine gewisse Kurzweil in einer sportlich langweiligen Formel-1-Saison. Der Titelverteidiger, der aus dem südhessischen Heppenheim stammt, führt mit 77 Punkten Vorsprung die Fahrerwertung an. Er gewann zuletzt vier Rennen in Folge und kann in Suzuka schon zum vierten Mal in Folge Weltmeister werden, wenn er gewinnt und Rivale Alonso auf dem 9. Rang hängen bleibt.

Diese fehlende Spannung frustriert Motorsportfans, nicht nur die Anhänger Alonsos. Vettel wurde angesichts seiner Überlegenheit bei den jüngsten Siegerehrungen ausgebuht, wobei der Deutsche zunächst versuchte, die Missfallensbekundungen kühl wegzustecken. „Wenn einige buhen, nehme ich das als Kompliment, sie sind neidisch, weil wir gewinnen vor jedem, zu dem sie halten“, sagte er nach dem Rennen in Singapur.

Doch sein Red-Bull-Teamchef Christian Horner kennt seinen Vorzeigefahrer: „Natürlich sagt er, dass es ihn nicht trifft, aber er ist auch nur ein Mensch.“ Und Vettel vermutet, dass die Pfiffe nicht nur seinem Rennstall und dessen Überlegenheit gelten. Der Hesse spürt, dass er bestenfalls Respekt gewinnen kann, aber keine Zuneigung. Und das liegt nicht nur daran, dass der Sportfan, egal in welcher Disziplin, dazu neigt, sein Herz dem Außenseiter zu schenken.

Vettels Siegesserie erinnert längst an die Dominanz seines legendären Landsmanns Michael Schumacher, der sieben WM-Titel zwischen 1994 und 2004 gewinnen konnte. Doch die privat guten Freunde trennt einiges in der sportlichen Beurteilung: Schumacher galt zwar als eiskalter und zuweilen auch rüpelhafter Fahrer, aber auch als begnadeter Entwicklungshelfer eines Rennautos. Er wechselte als zweimaliger Weltmeister zu Ferrari und nahm vier Jahre ohne Titel in Kauf, um die „Scuderia“ zur einmaligen Erfolgsserie von 2000 bis 2004 zu führen.

Vettel dagegen gilt als „Red-Bull-Geschöpf“. Er wird seit 2004 vom österreichischen Getränkehersteller unterstützt und erhielt 2007 das erste Stammcockpit bei Toro Rosso, einem Red-Bull-Ableger. Seit 2009 fährt er für den österreichisch-britischen Rennstall, der dem Deutschen ein perfektes Paket bereitstellt inklusive eines Rennwagens, dessen Entwicklung der „Design-Guru“ Adrian Newey leitet. Aus dieser Konstellation gab es stets Zweifel an der fahrerischen Klasse des Deutschen. Noch im vergangenen Jahr hieß es, dass Alonso der weitaus bessere Mann auf der Rennpiste sei, aber mit dem Ferrari eben ein nicht konkurrenzfähiges Fahrzeug besitze.

Natürlich ärgern Vettel solche Vorhalte – und auch zu Recht. Der Deutsche hat sich seit 2009 permanent weiterentwickelt. Unterliefen ihm zu Beginn seiner Karriere noch manche taktischen Fehler im Rennen, so fährt er gerade in diesem Jahr präzise und zuverlässig wie ein Uhrwerk. Diese Fehlerlosigkeit ist hart erarbeitet, insofern liegt in Vettels „Eierhänge“-Äußerung ein Körnchen Wahrheit.

Selbst die technische Revolution 2014 mit der Einführung von 1,6-Liter-V6-Turbomotoren braucht Vettel nicht zwangsläufig auszubremsen. Newey hat bisher auf nahezu jede Regeländerung die Antwort mit der Entwicklung eines schnellen Autos gefunden. Und der Weltmeister fühlt sich geborgen bei Red Bull – eine gute Voraussetzung für weitere Erfolge.

Doch der harte Arbeiter wird gerade im sich gern glamourös gebenden Formel-1-Geschäft wenig geschätzt. Zumal Vettel – wie langweilig – mit seiner Schulfreundin (!) in einem Schweizer Dorf lebt. Aktuelle und frühere Kollegen zeigen sich dagegen gern in der Boxengasse mit prominenten Partnerinnen, die ihr Geld als Schauspielerinnen oder Models verdienen. Und Hamiltons Beziehungsturbulenzen mit Nicole Scherzinger bescheren der Formel 1 eher Schlagzeilen als ein immer wiederkehrender Sieger ohne Allüren.

(mit: dpa)

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