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100 Jahre Ottobock 30 Jahre technischer Dienstleister der Paralympics
Thema Specials 100 Jahre Ottobock 30 Jahre technischer Dienstleister der Paralympics
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Paralympics
Wojtek Czyz (l) und  Heinrich Popow bei den Paralympischen Spielen in London. Quelle: dpa
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Damit sich die Athleten vollkommen auf ihre sportlichen Leistungen konzentrieren können, übernahm Ottobock für alle Teilnehmer kostenlos den technischen Service. Mit Mut, Entschlossenheit und Inspiration etablierte sich Ottobock in den folgenden drei Jahrzehnten als einer der wichtigsten Partner des weltweiten Behindertensports. Von den Sportlern werden die Techniker meist liebevoll „die Böcke“ genannt. Was einst mit einem Vier-Mann-Team und einem provisorischen Zelt als Werkstatt begann, ist in den vergangenen 30 Jahren zu einer gewaltigen technischen und logistischen Herausforderung geworden. Bei den Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro arbeiteten 77 technische Dienstleiter, darunter Orthopädie-Mechaniker, Rollstuhl-Experten und Schweißer in zwei Schichten zum Wohle der Athleten und der Chancengleichheit. Vor seinen 14. Spielen als technischer Dienstleister der Paralympics hatte Ottobock zwei Container mit 18 Tonnen Werkstattausrüstung und rund 15 000 Ersatzteilen per Schiff an die Copacabana verschickt. In Seoul waren 1988 etwa 3000 Athleten aus 61 Nationen am Start. Die Tribünen waren bis auf die Eröffnungsfeier weitgehend spärlich besetzt. Im Sommer 2012 erlebte die paralympische Bewegung die bisher erfolgreichsten Spiele. Mehr als 2,7 Millionen Eintrittskarten wurden für London 2012 verkauft, während des zwölftägigen Events war es kaum möglich, sich noch Tickets an den Tageskassen zu sichern. Trotz großer Bedenken ebbte das Interesse bei den Spielen 2016 in Rio de Janeiro nicht ab. Die Menschen am Zuckerhut ließen sich nach anfänglicher Zurückhaltung von den Wettkämpfen und ihren Protagonisten begeistern. So sorgten sie für eine weitere Erfolgsstory und die vielleicht fröhlichsten Spiele.

77 Techniker sorgen für optimale Versorgung

Dass die Sportler medizintechnisch optimal versorgt waren, dafür trugen sowohl in London als auch in Rio gut 77 Techniker Verantwortung. Das Ottobock-Konzept sah bei den Großveranstaltungen eine Zentralwerkstatt im Paralympischen Dorf und mehr als zehn SatellitenWerkstätten an den Austragungsorten vor. Es hat sich bewährt. Somit wird es in ähnlicher Form auch bei den Spielen 2020 in Tokio zum Einsatz kommen. Der Vertrag mit dem japanischen Organisationskomitee ist unterschrieben. Zudem ist Ottobock seit 2005 weltweiter Partner des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC). Die gegenseitige Wertschätzung ist sehr hoch. Mit dem ehemaligen IPC-Präsidenten Sir Philip Craven pflegt Ottobock-Chef Hans Georg Näder ein freundschaftliches Verhältnis. Mehrmals trug Näder als Fackelläufer das paralympische Feuer durch die Austragungsstädte. Paralympics ohne Ottobock sind schwer vorstellbar, denn es gibt nur wenige Konkurrenten, die so ein Mammutprogramm leisten können. „Das Vertrauen ist groß. Selbst unser härtester Mitbewerber Össur stellt uns Material für Reparaturen zur Verfügung“, betonte Näder während der Spiele in Rio. Mit Blick auf die Entwicklung sagte er: „Seoul 1988 war Krankensport. 28 Jahre später können wir ohne Übertreibung sagen, dass die Paralympics die besseren Olympics sind. Ich bin sehr stolz, dass mein Team und ich einen gewissen Anteil daran haben. Unser Paralympics-Engagement hat stark auf die Marke Ottobock gestrahlt.“ Dass sich die Spiele auch medial immens entwickelt haben, freut nicht nur Näder. Über die Spiele 1988 in Seoul berichtete das Fernsehen in Deutschland acht Minuten im ZDF-Gesundheitsmagazin. Über die Spiele in London gab es täglich Live-Berichte. „Die Paralympics und die Olympischen Spiele werden jetzt in einem Atemzug genannt“, betonte Näder nach den Spielen 2012 in London. Der Ottobock-Chef macht keinen Hehl daraus, dass das Engagement seines Unternehmens mehr ist als reines Sponsoring: „Die Paralympischen Spiele sind auch ein emotionales Engagement für uns. Sie sind Teil unserer DNA.“

Globales Netzwerk

Um den stetig gewachsenen Anforderungen gerecht werden zu können, greift Ottobock auf sein globales Netzwerk zurück. Das fängt bei der Sprache an, um mit den Athleten interagieren zu können. Zuletzt deckte das Technik- und ServiceTeam 26 verschiedene Sprachen ab. Um Athletinnen aus dem arabischen Raum helfen zu können, ist es zum Beispiel wichtig, dass Orthopädie-Mechanikerinnen im Team sind. Ottobock kann auf Niederlassungen in mehr als 50 Ländern und auf Exportkontakte in über 145 Staaten zurückgreifen. Die Entwicklung der Paralympics verlief in den vergangenen 30 Jahren allerdings keineswegs kontinuierlich. Es gab auch Spiele, bei denen die Belange der Behindertensportler in den Hintergrund gerieten. Die Paralympics waren wieder nur ein Anhängsel an die Olympischen Spiele, und ihnen wurde weder organisatorisch noch medial Interesse entgegengebracht. Als mahnendes Beispiel gelten dafür die Spiele in Atlanta 1996. Dass die Paralympics für viele Teilnehmer trotz Material- und LogistikSchlacht mehr sind als der reine Kampf um Medaillen, bekommen besonders die Techniker in den Werkstätten hautnah mit. Legendär ist etwa die Geschichte vom mongolischen Bogenschützen Baatarjav Dambadondog. In seiner Heimat versorgt der Bogenschütze Menschen mit Prothesen. Auch seine eigene hat er selbst gebaut und dabei improvisiert. Oft fehlt es an Material. In Peking wollte er den Service der allen Athleten offenstehenden Werkstatt in Anspruch nehmen. Doch eine Reparatur der Prothese erschien den Orthopädie-Technikern wenig aussichtsreich. Sie bauten ihm lieber eine neue. Wenige Tage später besuchte Baatarjav wieder die Werkstatt – mit Gold um den Hals. Er ist der erste mongolische Athlet, der bei den Paralympics eine Goldmedaille gewonnen hat. Seitdem prägt sein Konterfei sogar eine mongolische Münze. 2020 werden „die Böcke“ in Tokio wieder alles für die Chancengleichheit der Sportler geben. Und somit auch dafür sorgen, dass sich solche Geschichten wie die des Bogenschützen Baatarjav Dambadondog wiederholen und sich die Menschen für den Behindertensport begeistern können.

Botschafter und Mutmacher

Martina Caironi aus Italien

Bei einem Motorradunfall hat Martina Caironi 2007 ihr linkes Bein verloren. Sport half der Italienerin, die 1989 zur Welt gekommen ist, während der Reha. 2010 begann sie ihre sportliche Karriere. Bei den Paralympischen Spielen 2012 in London holte sie über 100 Meter Gold. Im darauffolgenden Jahr wurde sie Doppel-Weltmeisterin im Weitsprung und über 100 Meter. Ihren Weltrekord über 200 Meter in der Klasse T42 unterbot sie dreimal in einem Monat und gewann Gold bei der Weltmeisterschaft in Doha. Ihren Weltrekord über 100 Meter stellte sie mit 14,61 Sekunden auf. 2016 konnte Caironi in Rio ihren paralympischen Titel über 100 Meter verteidigen und gewann zusätzlich Silber im Weitsprung. Ihre persönliche Bestleistung im Weitsprung, 4,72 Meter, schaffte sie während der Weltmeisterschaft in London 2017. Trainiert von Davide Gamberini übertraf sie ihren Rekord mehrfach. Bei der Para Leichtathletik Europameisterschaft in Berlin 2018 holte die Linguistin, die fünf Sprachen spricht, mit 4,91 Metern Gold. Gold bekam sie zudem über 100 Meter.

Johannes Floors aus Deutschland

Im Krankenbett hat sich Johannes Floors entschlossen, das Sportabitur zu machen. 16 Jahre war er damals alt. Der Deutsche, der 1995 zur Welt gekommen ist, hatte sich beide Unterschenkel amputieren lassen. Aufgrund eines Gendefekts war er ohne Wadenbeine und mit deformierten Füßen zur Welt gekommen. Mit Prothesen Sport zu treiben, hat sein Leben verändert. Der 1,80 Meter große Sportler absolvierte zum Abitur erfolgreich einen Triathlon. Floors war zunächst Schwimmer, gewann 2010 Medaillen bei der Junioren WM, bevor er zur Leichtathletik wechselte. Mit der Staffel holte er Gold bei den Paralympics 2016 in Rio de Janiero. „Ein Gänsehaut-Moment“, erinnert er sich. In der Europarekordzeit von 46,67 Sekunden gewann er bei der Para WM in London 2017 Gold. Sein nächstes Ziel: Einzelgold bei den Paralympics in Tokyo 2020. Beruflich will der gelernte Orthopädietechniker den Bachelor in Maschinenbau machen. Als Botschafter will er junge Menschen nach Amputationen motivieren. Floors: „Das Leben geht weiter.“

Alicja Fiodorow aus Polen

Für Sport begann sich Alicja Fiodorow (Jahrgang 1985) mit 13 Jahren zu interessieren. Die Polin, deren linker Arm verkürzt ist, begann Ende der 90er-Jahre mit dem Wettkampfsport. Zunächst spielte sie Tischtennis. Später konzentrierte sie sich unter Trainer Jacek Szczygieł auf Leichtathletik. Die Läuferin gab ihr internationales Debüt 2004 bei den Paralympischen Spielen in Athen, wo sie im 400-Meter-Sprint Bronze holte. 2006 wurde sie bei den IPC-Weltmeisterschaften im niederländischen Assen Weltmeisterin über die gleiche Distanz. Bei den Paralympischen Spielen in Peking 2008 bekam sie Silber über 200 Meter und Bronze über 100 Meter. Bei den Paralympischen Spielen in London 2012 sicherte sie sich Silber über 200 Meter und Bronze über 400 Meter. Und in Rio 2016 waren es zweimal Silber über 100 und 200 Meter. Alicja Fiodorow, die mittlerweile in Danzig Sport und Erziehung studiert, sagt: „Ich setze mir jeden Tag neue Ziele und hoffe, am nächsten Tag noch ein bisschen besser zu sein. Ich freue mich immer auf das Training.“

Panfeng Feng aus China

An Kinderlähmung ist Panfeng Feng im Alter von sieben Monaten erkrankt. Das Leben des 1989 geborenen Chinesen nahm im März 2000 eine Wendung, als eine Gruppe paralympischer Sportler Fengs Schule besuchte. Sie weckten das Interesse des Jungen an Rollstuhltennis. Die Trainingsmöglichkeiten waren allerdings herausfordernd. In dem Schuppen, in dem die Tischtennisplatten standen, kletterten die Temperaturen im Sommer auf mehr als 40 Grad Celsius. Im Winter dagegen sanken sie unter den Gefrierpunkt. Obwohl sich der Junge Frostbeulen an Händen und Füßen holte, ließ er sich nicht beirren. Als Peking 2008 Gastgeber der Paralympischen Spiele war, durfte der Sportler (Klassifizierung: TT3) für die Volksrepublik antreten. Er holte Gold im Einzel und Bronze im Team. Bei den Paralympischen Spielen in London 2012 siegte er im Herren-Tischtennis für China mit je einer Goldmedaille im Einzelwettkampf und im Team. Das Gleiche gelang ihm bei den Paralympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro.

Samantha Kinghorn aus Großbritannien

Sie würde nie wieder laufen können, erfuhr die 14-jährige Samantha Kinghorn nach einem Unfall auf dem elterlichen Bauernhof in Scottish Borders – trotz Luftrettung und sechsmonatiger Rehabilitation. Während der Reha nahm die Schottin, die 1996 geboren wurde, an den Spielen für Querschnittsgelähmte der Stoke-Mandeville-Klinik teil. Bald darauf bekam sie ihren ersten Rennrollstuhl und wusste: „Das ist mein Ding.“ Drei Wochen später wurde sie beim London Mini-Marathon Zweite. In der Rennklasse T53 nahm sie 2014 für Schottland an den Commonwealth Games-Heimspielen teil. Anschließend hatte sie ihr Debüt in Großbritannien bei den IPC European Championships mit Gold über 100, 400 und 800 Meter. Die 19-Jährige, die von Red Star AC trainiert wird und deren Heimatverein TSV Bayer 04 Leverkusen ist, reist heute um die Welt, um Rennen zu fahren. Die Sportlerin, die sich für einen Aktivrollstuhl aus Karbonfasern entschieden hat, motivierte Hunderte Schüler in Schottland und traf führende Politiker.

Daniel Dias aus Brasilien

Daniel Dias, Jahrgang 1988, ist Brasiliens erfolgreichster Sportler des vergangenen Jahrzehnts. Bei den IPC-Schwimm-Weltmeisterschaften 2006 im südafrikanischen Durban holte er drei Gold- und zwei Silbermedaillen. Noch mehr Erfolg hatte er bei den Paralympischen Spielen 2008 in Peking, wo er neun Medaillen gewann, davon viermal Gold – mehr als jeder andere Teilnehmer. Bei den IPC-Schwimm-WM 2010 in Eindhoven räumte er acht Gold- und eine Silbermedaille ab. In London 2012 gewann er sechs weitere Titel, alle in Weltrekordzeit. Mit dem Schwimmen hat Dias, der mit Fehlbildungen an Armen und Beinen zur Welt kam, als 16-Jähriger begonnen. Er hatte seinen Landsmann Clodoaldo Silva 2004 bei den Paralympischen Spielen in Athen gesehen. Innerhalb von zwei Monaten erlernte er die vier Schwimmstile. Zwei Jahre später nahm er in Durban an seinem ersten internationalen Wettkampf teil.