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100 Jahre Ottobock Zeitreise zwischen Historie und Futuring
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Liebe Leserinnen und Leser,

mit dieser Sonderveröffentlichung laden Sie das Göttinger und Eichsfelder Tageblatt zu einer besonderen Zeitreise ein. „100 Jahre Ottobock“ führt in die Vergangenheit und zielt auf die Zukunft. Es geht um die spannende Entwicklung eines Berliner, heute würde man sagen, Start-up-Unternehmens zum Weltmarktführer und dessen Zukunft. Beim Blick zurück stoßen wir auf markante Meilensteine dieser Historie, wo Zeit-, Familien- und Firmengeschichte zwangsläufig eng miteinander verflochten sind, wie zum Beispiel die entschädigungslose Enteignung und deutsche Teilung. 

Dabei wird deutlich, dass ein Prinzip diese Erfolgsgeschichte prägt: Nicht mäkeln, sondern machen. Anders gesagt: unternehmerischer Mut! Der Transformationsprozess der Gegenwart ist kein Widerspruch zur Tradition, sondern er knüpft an den Mut und die Entscheidungsfreude an, wie sie unsere Ottobock-Story immer wieder ausgemacht haben. Feiern wir also das Jubiläum und freuen wir uns auf die Zukunft.

Zu Vergangenheit und Zukunft gehört für mich als gebürtigen Duderstädter auch, eng in die Region Südniedersachsen eingebunden zu sein. Daran wird sich überhaupt nichts ändern. Lokal oder global? Falsche Frage. Die Internationalisierung des Unternehmens hat bei jedem einzelnen Schritt den Standort in Duderstadt und damit zugleich seine Partner vor Ort, im Landkreis, in Niedersachsen und Thüringen, stärker gemacht. Das und die Leistungen der Auslandsgesellschaften in 58 Ländern haben 2018 zum erfolgreichsten Geschäftsjahr unserer 100-jährigen Geschichte werden lassen.

Detaillierte Wirtschaftszahlen überlasse ich an dieser Stelle dem Geschäftsbericht. So wichtig sie sind, die Ökonomie ist nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen steht, was unsere gemeinsame Arbeit für Menschen bedeutet, denen wir durch technologischen Fortschritt ermöglichen, trotz ihrer körperlichen Handicaps ihre Lebensqualität zu bewahren und im Idealfall vollständig zurückzugewinnen – humanistische und christliche Werte sind der Rahmen.

Ich weiß und es freut mich sehr, dass hierin das Hauptmotiv unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter liegt. Egal, ob sie unsere Produkte entwickeln, in den Märkten ausbilden, in der Fertigung herstellen, in unseren Patient Care Zentren bzw. sich bei unseren Kunden einsetzen oder im Logistikzentrum in den richtigen Lkw leiten. Jeder trägt an seiner Stelle zu unserer Erfolgsgeschichte bei. Das gilt auch für unsere Lieferanten aus der Region und jenseits der Landesgrenzen. Danke für Ihren Einsatz!

Unsere Geschichte begann 1919 mit dem bis dahin in diesem Ausmaß unvorstellbaren Versorgungsbedarf der Versehrten nach dem Ersten Weltkrieg. Mein Großvater Otto Bock hat mit seiner hocheffizienten Idee, die Passteilfertigung, die Orthopädietechnik-Branche revolutioniert. 

100 Jahre später steht die technische Orthopädie vor einer disruptiven Transformation der radikalen Digitalisierung. Sie ist eine global relevante Tatsache, vor der wir keine Angst entwickeln sollten, sondern auch sie wieder als Herausforderung an unsere Gestaltungskraft verstehen.

Die einzelnen Schritte des digitalen Fertigungsprozesses Scanning-Checking-Transmitting-Printing insbesondere im Bereich der Prothesensockets, der Cosmetics Covers sowie vieler Orthesendesigns werden die technische Orthopädie und die orthopädische Werkstatt radikal verändern. Mehr Zeit für den Patienten, den Arzt bzw. Therapeuten sowie die Familienangehörigen sind ein wunderbares Ergebnis dieses Veränderungsprozesses, den wir als Chance statt als Bedrohung sehen sollten. 

Die digitale Transformation kommt so oder so. Entscheidend ist, was wir daraus machen. In der Orthetik werden Exoskelette zum größten Wachstumstreiber in der Technischen Orthopädie. Sie mobilisieren Querschnittsgelähmte und MS-Patienten, bringen Patienten nach Schlaganfall wieder zum Stehen und Gehen. Diese technische Revolution ist nur möglich durch die moderne Biomechanik und Messtechnik, dank Mechatronik und Mensch-Maschine-Interfaces. Deutschland nimmt wieder einmal eine führende Rolle ein, diesmal in der Bionik. 

Hinzu kommen völlig neue Geschäftsfelder, auf die wir 2018 mit der Gründung von Ottobock Industrials reagiert haben. In Kooperation mit Volkswagen haben wir das Exoskelett Paexo entwickelt und erfolgreich erprobt, das ohne zusätzliche Energieversorgung in der industriellen Fertigung bei der Überkopfarbeit spürbar entlastet. 

Das ist eine der notwendigen Antworten auf die demografische Entwicklung und den voraussehbaren Fachkräftemangel. Auch in der industriellen Produktion werden Menschen länger im Job bleiben – vorausgesetzt, die Gesundheit spielt mit. Genau das wollen wir unterstützen. Wie groß die hier zu verortende Marktlücke ist, erleben wir anhand zahlreicher Nachfragen von Industrieunternehmen aus dem In- und Ausland, aber auch aus dem Handwerk.

Technologischer Change in der digitalisierten Welt läuft auf Highspeed. Auf der SXSW Tech-Konferenz in Austin im vergangenen Jahr kommentierte die globale Tech-Gemeinde mechatronische Handprothesen wie auch Kniegelenksysteme sowie mechatronische Füße bzw. Knöchelgelenke als die idealen Komponenten für zukünftige Generationen von Cyborgs und Soft Robotics. Solche Gedankenspiele mögen heute noch als verwegen erscheinen. Wahr ist aber, dass die Verschmelzung von Mensch und Maschine nur eine Frage der Zeit sein dürfte. 

Wir dürfen uns dieser Zukunft nicht verschließen, müssen aber selbstverständlich darauf achten, bei aller Begeisterung über die Möglichkeiten des technischen Fortschritts den Respekt vor der Schöpfung nicht zu verlieren. Denn so wie mein Großvater damals als Jungunternehmer in sein Tagebuch notierte, dass die Qualität eines Produktes an dem Nutzen zu bemessen ist, den es dem Menschen bringt, hat unser Unternehmen in seiner 100-jährigen Geschichte immer die Balance zwischen Neugierde für das Neue, Verantwortung und Empathie gewahrt. – Begleiten Sie uns dabei, in diesem Sinne weiterhin Zukunft gemeinsam zu gestalten. Und nun viel Vergnügen bei der Lektüre! 

Ihr Professor Hans Georg Näder

Eine Herzenssache: Danke allen Menschen in der Region, die das Unternehmen, meine Familie und mich so offen und herzlich, verlässlich und vertrauensvoll auf dem Weg in die Zukunft begleiten und begleitet haben! So fühlt und lebt sich Heimat.