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125 Jahre Göttinger Tageblatt Folge 3: Sybil Gräfin Schönfeldt - eine Tageblatt-Volontärin der 50er-Jahre
Thema Specials 125 Jahre Göttinger Tageblatt Folge 3: Sybil Gräfin Schönfeldt - eine Tageblatt-Volontärin der 50er-Jahre
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16:06 23.01.2014
Von der Tageblatt-Volontärin zur Grand Dame des Journalismus: Die promovierte Germanistin, Kunsthistorikerin und Autorin Sybil Gräfin Schönfeldt. Quelle: picture alliance/ dpa/dpaf
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Ich habe gelesen, dass Sie in Bochum geboren wurden und unter anderem in Nassau an der Lahn, Berlin und Göttingen aufwuchsen. Nach Südniedersachsen sind Sie über Umwege gekommen?
Ich bin dort hingekommen, weil meine Großeltern dort lebten. Ich bin sozusagen mutterlos aufgewachsen, weil meine Mutter bei meiner Geburt gestorben ist, und das war 1927. Dann hat die Familie gesagt, was völlig richtig ist: Sie soll nach Göttingen kommen. Göttingen ist größer, da sind bessere Schulen und außerdem findet sie da mehr Freundinnen.

Beides ist richtig gewesen. Albanischule, Lyzeum, und Freunde, mit denen ich heute noch – sofern sie noch leben – verbunden bin. Es war eine schöne Zeit. Wir haben in der Herzberger Straße gewohnt. Wir Kinder sind immer in den Molkengrund und in die Lange Nacht am Hainberg gegangen. Am Todeshügel – einer Lichtung im Wald – sind wir im Winter Ski gefahren.

Auf den Tennisplätzen wurde damals Wasser gesprüht, so dass wir dort Schlittschuh laufen konnten.Wurms (Gustav Wurm war Gründer des Tageblatts) wohnten in der Merkelstraße. Ich telefoniere immer noch mit dem Sohn von Theo Wurm.
 

Eine prägende Zeit?
Alle Erlebnisse der ersten beiden Lebensjahrzehnte sind nicht nur prägend, sondern auch die, an die man sich immer wieder erinnert. In meinen Studienjahren bin ich manchmal verspottet worden: Da gab es damals dieses Lied von einer französischen Sängerin „A Göttingen, à Göttingen.“ Barbara.

Immer, wenn ich sagte: „In Göttingen ist das aber so“, dann bekam ich als Antwort „A Göttingen, à Göttingen“. Aber so viele Leute kommen aus Göttingen, haben in Göttingen studiert, sind in Göttingen gewesen.
 

Sie haben in Göttingen, dann in Heidelberg, Hamburg und Wien studiert. Wie sind Sie zurück zum Göttinger Tageblatt gekommen?
Ich hatte in Wien zu Ende studiert und bin dort 1951 promoviert worden. Wien war natürlich wunderbar. Aber Sie konnten, wenn Sie irgendeine Art von Ehrgeiz hatten, in Wien nichts anfangen. Es gab noch keine vernünftigen Zeitungen, nur die Besatzungsblätter. Ich hatte einfach gefragt: Gibt`s bei Euch nicht irgendetwas, wo ich anfangen kann?

Ich schrieb einem Chefredakteur – noch nicht wissend, wie man Geschäftsbriefe schreibt – mit grüner Tinte: „Lieber Herr Sowieso,...“. Der muss sich totgelacht haben. Und der schrieb dann eben auch etwas spöttisch wieder: „Ja, können gerne bei uns als Volontär anfangen, sofern Sie wissen, was eine halbfette Venus ist.“

Das wusste ich zufällig („Venus“ ist ein Begriff aus der Typografie bezeichnet eine Schriftfamilie, „halbfett“ bezeichnet deren Strichstärke) und sagte, das ist der Befehl, irgendwo ein Volontariat zu machen, damit ich Drucken und Setzen und Ähnliches lerne. Dann habe ich in Göttingen zuerst bei unseren Freunden Ruprecht angerufen, ob ich bei ihnen in der Druckerei anfangen könnte.

Und die haben gesagt, „Das ist Quatsch, bei uns kannst Du gar nichts lernen. Ruf doch mal bei Wurms an.“ Und Viktor Wurm war dann so freundlich zu sagen „Ja, natürlich kannst Du kommen. Es gibt ein Zeilenhonorar, aber mehr nicht.“
 

Das ist aber noch die Redaktion in der Prinzenstraße gewesen?
Ja, natürlich. Andruck nachts um zwei. Gegenüber war eine Kneipe, als Lehrling musste man natürlich immer rüber laufen und das Bier für die Setzer und die Redakteure holen, die den Andruck leiteten. Das war wirklich noch Dampfzeitalter.
 

Wie lange ging das dann?
Ich glaube, ein Vierteljahr. Dann bin ich im Frühjahr nach Hamburg gefahren, und wusste nicht nur, was eine vollfette Venus war, sondern konnte sogar Linotype tippen. Die Redaktionen waren ja in diesen ersten Jahren nach der Währungsreform klein.

Die Hälfte waren wiedergekehrte Emigranten – wenigstens bei der „Zeit“ und den Zeitungen, bei denen ich gearbeitet habe. Die andere Hälfte waren so junge Leute wie ich. Mehr Männer als Frauen. In der „Zeit“ gab es die Ika Meerfeld,  eine Redakteurin von der „Jungen Dame“ aus der Ullstein-Vorkriegszeit in Berlin.

Das war das einzig weibliche Wesen. Dönhoff (Marion Gräfin Dönhoff, Chefredakteurin der „Zeit“) kam dann später. Kinderthemen wurden an uns weibliche Wesen gegeben. Kinder, Kinderbücher, Kinderprobleme.  Bei diesen Themen versucht man unaufhörlich, etwas zu bewirken – manchmal habe ich an etwas ein halbes Jahr gesessen. Und was mich immer geärgert hat – ohne eine Reaktion.
 

Sie wären aber nicht so bekannt geworden, wenn auf Ihre Geschichten nicht auch Reaktionen gefolgt wären.
Es gibt da eine Geschichte, die ich bei einem Starfriseur in Paris erlebt habe, bei „Alexandré“: In rosa Tücher gehüllt saß ich auf einem Stuhl und ließ mich frisieren. Es war ein Nachmittag, an dem lauter kleine, alte, dickere Damen mit schütterem Haar da waren. Ich erlebte, wie dieser Frisör seinen Ruhm verdient hatte.

Die Damen sahen zuerst aus, wie die Katze, die ins Wasser gefallen ist. Und als sie fertig waren, hatten sie ein volles, wunderschönes Frisurengebilde. Die Sache ging so aus: Nach zwei Stunden hat mein Mann mich abgeholt und mich zwar fast nicht mehr erkannt, aber ich habe nicht sehr viel mehr gezahlt, als hier in Hamburg. Ich habe dann darüber geschrieben.

Dieses Stück  – „Sinfonie in Rosa“, oder so ähnlich – ist das am meisten nachgedruckte Stück, das ich je geschrieben habe. Aus Spaß geschrieben. Und all meine Herzblutgeschichten, da hat sich höchstens der Professor gemeldet, den ich vergessen hatte, zu interviewen. Aber das darf einen nicht verdrießen (lacht).

An welchen „Dauerbrenner“ erinnern Sie sich noch?
Ich habe auch bei euch, beim Tageblatt, etwas geschrieben, das bis zum heutigen Tage nachgedruckt wird. Es war kurz vor Weihnachten – im Oktober hatte ich das Volontariat angefangen – und ich sollte die Kinderseite machen, eine Weihnachtsgeschichte. Also schrieb ich den Bäckerengel. Ein bisschen ausführlicher, weil ich ja Zeilenhonorar haben wollte (lacht).

Das habe ich dann später umgeschrieben und zu einem Bilderbuch gemacht. Und es gibt keine Weihnachtsanthologie, in der nicht der Bäckerengel steht. Ursprung: im Göttinger Tageblatt.

Wie ging ihre Karriere dann weiter?
Ich war zuerst Redakteurin hier in Hamburg, hab dann geheiratet und als ich das zweite Kind erwartete, da war mir völlig klar: Ich muss die Redaktion verlassen. Ich hab`s mit einer Träne im Knopfloch gemacht. Und dann muss man Themen haben, die man vom Schreibtisch aus ohne große Recherchen oder Reisen erledigen kann.

Ich habe also Fortsetzungsromane bearbeitet für den Stern und Leserbriefe. Ich bin „Frau Barbara“ gewesen. Höchst lehrreich für einen Journalisten – so lernt er seine Leser kennen. Bei der „Constanze“ hat das eine Kollegin gemacht, und dann haben wir uns immer gegenseitig angerufen und gefragt: Wie entscheidet ihr denn in so einem Fall?

Weiß ich auch nicht, ich frag mal die anderen, war dann manchmal die Antwort. Das ist im Grunde genommen Übereinkunft – Konvention. Wie machen es alle? Ist das richtig? Dann kann man es akzeptieren. Ist es überholt, dann sagt man: Nein, wir machen das jetzt so. Das ist das Geheimnis des richtigen Benehmens. Das man sich überlegt: Ist etwas vernünftig, hat es noch Sinn?

Man assoziiert Konvention ja immer mit Etikette oder mit etwas Starrem.
Es ist natürlich bei denen starr, die immer am selben Fleck bleiben. Die Alteingesessenen  sagen: Das haben wir immer so gemacht. Wer neu dazu kommt, überlegt, ob er es auch so machen soll.

Wie beurteilen Sie die aktuellen Entwicklungen in der Branche? Onlineredaktionen, der Trend, sehr viel lokaler zu arbeiten...
Dass der Trend zum Sublokalen geht, ist ja ganz klar. Diese Schwatz-Ebene von „Ich weiß alles“ verlangt von uns (Journalisten) ja eigentlich nach Geschichten, die völlig anders sind. Die eine Dichte haben, die dieses „Ich weiß alles“ eben nicht bieten kann. Und die auch zuverlässiger sind.

Es gibt nichts, was die Welt so verändert hat, wie die elektronischen Medien. Es gibt ein davor und ein danach. Und ich schreibe immer noch mit Papier und Bleistift (lacht).

Ich habe gelesen, dass Sie stets mit einem weißen Bleistift schreiben – die Sie wohl sammeln? Wie sind Sie auf das Sammeln weißer Bleistifte gekommen? Stimmt das?
Man könnte sagen, es ist ein ästhetischer Zufall gewesen. Ich habe eine grüne, hölzerne, chinesische Lackschale von einer Großtante geerbt, in der die weißen Bleistifte, die ich hatte, sehr schön aussahen. Das war der Anfang, der sich dann selbstständig machte. Plötzlich bringen einem die Leute weiße Bleistifte mit. Reiner Zufall.

Ich schreibe gern mit dem Bleistift – manchmal mit dem weißen, manchmal mit einem anderen. Aber in meiner Sammlung ist auch weißer Bleistift von Gebhards Hotel in Göttingen dabei.

Sie haben das Pressewesen einen ziemlich langen Abschnitt begleitet. Wie empfinden Sie, dass sich die Zeitung sich entwickelt hat?
Ich finde, dass eine Tageszeitung zum Alltag eines Städters dazugehört. Wenn man in einer Stadt wie Hamburg oder Göttingen lebt, muss man wissen, was um einen herum passiert: welche Straße gesperrt ist, was es im Theater gibt und so weiter. Man erfährt ja sonst auch nie alles, was in der Stadt los ist.

Es hilft einem, seinen Alltag zu gestalten. Und es gibt einem immer die Möglichkeit, weiterzugehen. Zeitungsnachrichten sind nichts Endgültiges – abgesehen davon, dass sie sich am nächsten Tag widersprechen. Es sind freie Nachrichten – mit denen kannst du machen, was du willst. Du kannst dich auf anderen Kanälen weiter informieren.

Oder man kann anfangen, seine eigene Meinung zu überdenken – was das Allerbeste wäre (lacht). Tageszeitung ist etwas Unverzichtbares – nicht, weil ich selbst Journalistin bin. Sondern weil es einfach ein Teil des urbanen Lebens ist. Sie ist die Stimme der Stadt. Jede Zeitung verändert sich mit ihren Lesern.

Wir wären ja blöd, wenn wir gegen unsere Leser anschrieben. Wir müssen mit den Augen unserer Leser die Welt betrachten und ihnen diese Welt anders erklären. Für mich ist es gar keine Frage, dass es Zeitungen immer geben wird – weil man sie braucht. Wie weit das online geht, wird sich zeigen.

Das Interview führte Nina Winter

Sybil Gräfin Schönfeldt widmet ihrer Kinder- und Jugendzeit in Göttingen die ersten Kapitel ihres Buches „Hoffen auf das Bessere: Vom langen Weg in eine neue Zeit. Eine Familiengeschichte”, erschienen im Sagas-Verlag, ISBN: 978-3-944660-00-4, 19,99 Euro.

Zur Person

Sybil Gräfin Schönfeldt, geboren am 13. Februar 1927 in Bochum, volontierte 1952 in der Tageblatt-Redaktion.

Dann führt sie für die neugegründete Frauenzeitschrift „Constanze“ Interviews, schreibt  für „Die Zeit“, den „Stern“, die „Süddeutsche Zeitung“, das „Hamburger Abendblatt“, die „Petra“ und „Essen und Trinken“.

In den 70er Jahren gründet sie gemeinsam mit Jochen Steinmayr das „Zeit-Magazin“.  Als Buchautorin avancierte sie  zu Deutschlands Etikette-Expertin.

win

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