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125 Jahre Göttinger Tageblatt 1989 bis 2014: Schlaglichter auf 25 Jahre Göttinger Stadtgeschichte
Thema Specials 125 Jahre Göttinger Tageblatt 1989 bis 2014: Schlaglichter auf 25 Jahre Göttinger Stadtgeschichte
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16:15 29.08.2014
Fünf Jahre nach dem Tod der Studentin Kornelia „Conny“ Weßmann: Mahnwache 1994. Quelle: Heller
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Göttingen

Um 1990 war Göttingen geprägt von heftigen politischen Konflikten zwischen Vertretern des äußersten linken und rechten Flügels des politischen Spektrums sowie der Polizei. Vor allem die starke linksautonome Szene erwies sich als besonders aktiv und kämpferisch – und das bis weit in die Neunziger hinein.

Grund war der Unfalltod der Studentin Kornelia „Conny“ Weßmann bei einem gewaltsamen Konflikt zwischen rechten „Skins“ und linken „Autonomen“ am 17. November 1989. In „Connys“ Namen und zu ihrem Todestag kam es in den folgenden Jahren immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Linken und Rechten.

„Conny“ wurde zu einer Symbolfigur, einer Ikone der linken Szene. Wie weit das der Persönlichkeit der 24-Jährigen gerecht wurde, und wie ihre Angehörigen dazu standen, wird nur die Wenigsten interessiert haben.

Einen Abschied, der zugleich einen Neuanfang der besonderen Art bedeutete, brachte der 12. Juni 1992. An diesem Tag verabschiedete sich mit einem Großen Zapfenstreich die Panzergrenadierbrigade 4 aus Göttingen und räumte die Zietenkaserne.

„Auf Zieten“

Bis zum Zweiten Weltkrieg hatte es in der Stadt fünf Kasernen, ein großes Militärlazarett und das Heeresverpflegungsamt am Hagenweg gegeben. Hinzu kamen der Fliegerhorst in Grone und die Artilleriekaserne in Weende.

Mit dem Abzug der Panzergrenadiere endete die Geschichte der Garnisonsstadt Göttingen, und es wurde ein neues Kapitel in der Stadtgeschichte aufgeschlagen. Bei allen Nachteilen eröffnete der Abzug auch große Chancen. Bereits 1990 hatte der Musa e. V. – Verein für Musik, Kultur und Jugendpflege – die ehemalige Heeresbäckerei auf dem Gelände des Heeresverpflegungsamtes bezogen und sich dort zu einer der attraktivsten Kultureinrichtungen Göttingens entwickelt.

Auf dem frei gewordenen Gelände der Zietenkaserne entstand jetzt im Miteinander von Wissenschaft und Forschung, jungen Unternehmen und abwechslungsreicher Wohnbebauung ein lebhaftes, noch immer wachsendes Stadtviertel. „Auf Zieten“ ist heute eine der Göttinger Top-Adressen.

Der Völkermord der Nationalsozialisten hatte auch in Göttingen jüdisches Leben und jüdische Kultur vernichtet. Nach dem Krieg blühte die jüdische Gemeinde kurzfristig wieder auf, um 1971 faktisch zu verschwinden. 1994 wagte man einen Neuanfang und erweckte die Gemeinde zu neuem Leben.

Bereicherung des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens der Stadt

Hintergrund waren die vielen Menschen jüdischen Glaubens, die aus der damaligen Sowjetunion nach Deutschland kamen. Seit Beginn des neuen Jahrtausends entwickelten sich auch verschiedene muslimische Gemeinden zu aktiven Elementen des öffentlichen Lebens – allen voran die Ditib-Gemeinde mit ihrer repräsentativen Moschee am Königsstieg. Eine neue produktive Phase im religiösen, kulturellen und gesellschaftlichen Leben Göttingens hat begonnen.

Mit dem Beginn der Bauarbeiten zur Einrichtung des Cinemaxx-Kinos am 12. Dezember 1995 war die endgültige Erhaltung der Lokhalle gesichert. Auf dem ehemaligen Industriegelände westlich des Bahnhofs entstand in den folgenden Jahren ein attraktives Kultur- und Erlebniszentrum mit Kino, Veranstaltungshalle, Volkshochschule und Hotels.

Das Industriedenkmal Lokhalle würde zu einer der großen Attraktionen Göttingens und zu einer wichtigen Bereicherung des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens der Stadt.

Dr. Ernst Böhme ist Leiter des Städtischen Museums Göttingen und des Stadtarchivs Göttingen.