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125 Jahre Göttinger Tageblatt Das Göttinger Tageblatt in der Zeit des Nationalsozialismus
Thema Specials 125 Jahre Göttinger Tageblatt Das Göttinger Tageblatt in der Zeit des Nationalsozialismus
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17:52 22.08.2014
Nach der Machtergreifung: Uniformierte Göttinger Studenten marschieren am 1. Mai 1933 durch die Weender Straße. Quelle: Städtisches Museum
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Göttingen

„Was die Besten unseres Volkes seit einem Jahrzehnt erträumt, für was mit blutigen Opfern sie gelitten und gestritten haben, das ist jetzt endlich Wirklichkeit geworden. Das Dritte Reich, das Reich der Reinheit und der Gerechtigkeit, der völkischen Gemeinschaft im wahrhaft nationalen und sozialen Sinne, steht unter unseres Führers Obhut festgefügt im Ring der Völker.“

Damit beginnt das Göttinger Tageblatt seinen „Neujahrsgruß an unsere Leserschaft“ zur Jahreswende 1933/34. Und zu den „Besten“, die „seit einem Jahrzehnt“ für die Ziele des Nationalsozialismus gelitten und gestritten hatten, zählte die Zeitung sich natürlich auch selbst.

Der Neujahrsgruß fährt fort: „Mit Stolz erfüllt uns, daß gerade in diesen Spalten seit über einem Jahrzehnt für dieses große Ziel tatkräftiger als in irgendeiner anderen Zeitung und unbeirrt von allen Anfeindungen für dieses Ziel gekämpft, gestritten und – geopfert worden ist.“

Dr. Viktor Wurm (1898-1972), seit seiner Münchner Studienzeit 1922 Mitglied der NSDAP, war 1924 Chefredakteur des GT geworden und konnte zu Recht 1934 behaupten, dass die Zeitung unter seiner redaktionellen Verantwortung „seit einem Jahrzehnt“ zu den maßgeblichen Förderern der nationalsozialistischen Bewegung gehörte.

Verbot des GT

Mit einer Auflagenzahl von 15 000 im Jahre 1932 bei einer Bevölkerungszahl von rund 47 000 erreichte das GT den breitesten Leserkreis unter den örtlichen und regionalen Tageszeitungen. Seit seiner Gründung im Jahre 1889 bekannte es sich zu einer ausgesprochen nationalen Gesinnung und identifizierte sich nach 1918 zunächst weitgehend mit den Zielen der DNVP.

Viktor Wurm

Einen gesteigerten Nationalismus verband das GT mit antisemitischen Ansichten und Gegnerschaft zum parlamentarischen Parteienpluralismus der Weimarer Republik. Dass die  republikfeindliche Haltung in den frühen zwanziger Jahren und dann die explizit NS-freundliche Haltung unter dem Chefredakteur Viktor Wurm wiederholt zum zeitweiligen Verbot des GT führten und ihm eine ganze Serie von Prozessen eintrugen, waren die „blutigen Opfer“, die der Neujahrsgruß 1933/34 stolz herausstrich.

Um die Göttinger Leserschaft konkurrierte das GT vor allem mit der 1923 gegründeten bürgerlich-national ausgerichteten Niedersächsischen Morgenpost, die 1930 eine Auflage von 14 000   Exemplaren hatte; durch Aufkauf und Verschmelzung mit dem GT konnte diese Konkurrenz 1931 aufgelöst werden.

Weiterer ernstzunehmender Mitbewerber um die Gunst des bürgerlichen Publikums war die Göttinger Zeitung (GZ), die – linksliberal orientiert – sich für die Weimarer Republik und die verfassungstreue Deutsche Demokratische Partei (seit 1930 Deutsche Staatspartei) einsetzte. Mit einer Auflage von 10 700 Exemplaren im Jahre 1932 war die GZ politisch wie wirtschaftlich fühlbarer Konkurrent des GT.

„Fanfare“ als Kampfblatt der Nationalsozialisten

Deutlich geringer als das Verbreitungsspektrum dieser Zeitungen war das des Volksblatts, das sich als Kampforgan der SPD verstand, einerseits gegen die „Bürgerlichen“, andererseits gegen die KPD gerichtet, bei einer Auflage von 7000 (1932). Der Rote Stürmer der republikfeindlichen KPD erreichte im bürgerlich geprägten Göttingen keine Leserschaft von nennenswerter Größe.

Das andere ebenfalls radikal republikfeindliche Presseorgan war die Fanfare mit dem Untertitel „Nationalsozialistisches Kampfblatt für Göttingen und Umgebung“ und wurde in der Druckerei des GT, die die Brüder Viktor und Theo Wurm gemeinsam leiteten, produziert – eine der Fördermaßnahmen des Tageblatts für die nationalsozialistische Bewegung.

Weitere wirtschaftliche Fördermaßnahmen waren der kostenlose Druck politischer Werbung für die NSDAP und redaktionell vor allem durchgängig die krasse Verharmlosung des alltäglichen SA-Terrors.

Die Parteigängerschaft mit den Nationalsozialisten schützte das GT allerdings nicht davor, dass die NSDAP im Mai 1933 mit den Göttinger Nachrichten ein „Amtliches Organ für Stadt und Landkreis Göttingen“ ins Leben rief, mit einer Startauflage von 18 500 Exemplaren. Nach heftigen juristischen und publizistischen Auseinandersetzungen konnte sich das GT schließlich gegenüber dieser Konkurrenzgründung behaupten und 1935 mit der Übernahme der Göttinger Zeitung seine Position auf dem Göttinger Zeitungsmarkt deutlich stärken.

Berichterstattung nach der Machtergreifung

Angesichts der betont NS-freundlichen Haltung des Tageblatts verwundert es nicht, dass in seiner Berichterstattung nach der Machtergreifung des 30. Januar 1933 Information und explizite Parteinahme für die nationalsozialistische Politik unmittelbar und untrennbar miteinander verwoben sind – vielfach signalisieren schon die Formulierung der Schlagzeilen und der Umfang der Beiträge die starke Sympathie für das NS-Regime und seine Göttinger Repräsentanten.

So organisierten die Göttinger Nationalsozialisten nach Berliner Vorbild am 31. Januar ebenfalls einen „Fackelzug für Reichskanzler Adolf Hitler“.

Der ausführliche Bericht des GT am folgenden Tag hat stellenweise einen geradezu hymnischen Charakter: „Der Fackelzug war aber mehr, als nur sichtbarer Ausdruck des Sieges der nationalen Revolution: er war ein überwältigendes Zeugnis für die Tatsache, daß dieses seit 14 Jahren zur erbärmlichen Knechtsgesinnung erzogene, von innen und außen unterdrückte und entehrte Volk sich dennoch aus aller Not und Schmach noch einmal gläubig und hingabebereit erheben konnte“ – Propaganda statt Berichterstattung.

Protest gegen Beurlaubung

Die durch das Schriftleitergesetz vom Oktober 1933 geforderte „politische Zuverlässigkeit“ im Sinne des NS-Regimes war für das GT eine längst selbstverständlich und aus Überzeugung geübte Praxis.

Als der Göttinger Physiker und Nobelpreisträger James Franck im April 1933 aus Protest gegen die Beurlaubung von sechs jüdischen Professoren zurücktrat, berichtete die Göttinger Zeitung ausführlich über seine Begründung für diesen Schritt, während das Göttinger Tageblatt“ die Stellungnahme von 42 namentlich genannten Göttinger Dozenten veröffentlichte, die in Francks Schritt – so die Überschrift des GT – einen „Sabotageakt der innen- und außenpolitischen Arbeit der nationalen Regierung“ sahen und auf beschleunigte „notwendige Reinigungsmaßnahmen“ an den Universitäten hofften.

Über die Bücherverbrennung auf dem Albani-Platz am 10. Mai 1933, eine Aktion der Universität, berichtet das GT unter der Schlagzeile „Burschen heraus – Die Kundgebung wider den undeutschen Geist“ auf nahezu einer ganzen Seite mit langen Paraphrasen der verschiedenen Propagandareden.

Die zur Verbrennung aufgehäuften Schriften bezeichnete das GT als einen „Berg von Unrat und Ungeist, der den läuternden Flammen übergeben werden soll […] der Ungeist, der Schmutz, die Gemeinheit sinkt in sich zusammen“.

Antisemitismus in Leitartikeln

Den NS-Führerkult um Adolf Hitler praktizierte das GT weit über das Maß hinaus, das durch die Gleichschaltung der Presse seit Oktober 1933 vorgegeben war. Zum „45. Geburtstag des Volkskanzlers“ erschien das GT am 20. April 1935 mit einem verherrlichenden Kommentar auf der Titelseite und einem ganzseitigen Beitrag mit den Abschnitten „Adolf Hitlers Lebenswerk – Ein Rückblick auf die Kampfjahre – Der Sieg des Glaubens und der Zuversicht – Ein Gelöbnis unwandelbarer Treue – Heil dem Führer!“

Der Rassenantisemitismus und die antijüdischen Maßnahmen werden in Leitartikeln und Jahresrückblicken des Chefredakteurs Viktor Wurm durchgängig gerechtfertigt. Im Jahresrückblick vom 31. Dezember 1938 begrüßte er – sieben Wochen nach der Niederbrennung der Synagoge und den massiven Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung – ausdrücklich den „seit dem Jahre 1933 eingeschlagenen Weg zu einer endgültigen und totalen Lösung der Judenfrage“.

Nicht nur bei der „totalen Lösung der Judenfrage“ identifizierte sich das GT mit dem NS-Regime, sondern auch bei der Propaganda vom „Totalen Krieg“.

In seinem Leitartikel zum Jahresausklang 1942 schreibt Viktor Wurm: „Heute muß jeder Deutsche von der Erkenntnis durchdrungen sein, daß dieser neue Weltkrieg ein Entscheidungskampf über Sein oder Nichtsein des ganzen Volkes ist und daß in dieser Lage das Einzelschicksal sehr wenig bedeutet gegenüber der Existenzforderung der ganzen Nation.“

Engpässe und Mangelversorgung

Damit war der Leitspruch der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“: „Du bist nichts – dein Volk ist alles“ zum ideologischen Erklärungsmuster und zur Durchhalteparole angesichts der wirtschaftlichen Engpässe und Mangelversorgung des militärisch bereits verlorenen Krieges abgewandelt.

Am 17. April 1943 erschien die letzte Ausgabe des Göttinger Tageblatts, ehe die Zeitung kriegswirtschaftlich bedingt und entsprechend der parteilich gewollten Vereinheitlichung der Presselandschaft mit der nationalsozialistischen Südhannoverschen Zeitung zusammengelegt wurde.

Sechseinhalb Jahre später konnte das GT unter der Leitung der Brüder Theo und Viktor Wurm und einem Teil des alten Redaktionsstabs neu erscheinen – Viktor Wurm wurde 1956 mit der „Adenauer-Medaille“ und 1958 mit dem Verdienstkreuz Erster Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet, zwei Jahre später erhielt Theo Wurm, seit 1921 Geschäftsführer und Mitherausgeber des GT, ebenfalls das Verdienstkreuz Erster Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Von Peter Aufgebauer