Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
125 Jahre Göttinger Tageblatt Die Alexanderstiftung zeichnet seit 25 Jahren journalistische Arbeiten aus
Thema Specials 125 Jahre Göttinger Tageblatt Die Alexanderstiftung zeichnet seit 25 Jahren journalistische Arbeiten aus
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:02 08.08.2014
Von Jörn Barke
Groner Landstraße 9: Eine Reportage über den Wohnkomplex wurde 2014 mit dem Alexanderpreis gewürdigt. Quelle: Heller
Anzeige
Göttingen

Aus dem breiten Strom der Artikel, die in den Zeitungen und Zeitschriften Südniedersachsens erscheinen, die besonderen herauszufischen: Das ist das Ziel der Alexanderstiftung. Seit 25 Jahren vergibt sie als journalistische Auszeichnung den Alexanderpreis und würdigt damit besonders gelungene Arbeiten.

Der jährlich verliehene Preis nimmt Texte in den Blick, die sich mit der „Vergangenheit der Stadt Göttingen und ihres Umfeldes“ befassen.“ Die Artikel sollen, so sagt es die Satzung, „wahrheitsgetreu und aktuell“ sein, „fast vergessene oder bisher übersehene Themen aufgreifen“ und allgemeinverständlich geschrieben sein.

Die Stiftung geht zurück auf den Journalisten Wolfgang Alexander. Mit seinem Tod erlosch seine Familie. Sein Vermögen brachte er in eine Stiftung ein, die nach der Familie benannt wurde und eben die Erforschung der Vergangenheit von Göttingen und Umgebung zum Ziel hatte.

Alexander wurde 1926 in Pommern geboren. Er volontierte bei der Hannoverschen Presse und kam Ende der 1950er-Jahre als freier Journalist nach Göttingen. Für das Göttinger Tageblatt war er vor allem als Gerichtsreporter aktiv. 1971 wurde er Redakteur in der Lokalredaktion.

Umgang mit Kollegen und Freunden

Seine Gerichtsreportagen, so schildert es sein damaliger Kollege Sebastian Rübbert, seien von einer feinen Ironie durchzogen gewesen, die auch den Umgang mit Kollegen und Freunden gekennzeichnet habe. Weithin bekannt sei sein umfangreiches Kriminalistik-Archiv gewesen.

Doch dann fand Alexander beim Tageblatt noch eine ganz neue Bestimmung: Ab 1977 war er für die 1974 ins Leben gerufenen Göttinger Monatsblätter verantwortlich, einer ständigen Beilage des Göttinger Tageblatts. Sie widmete sich geschichtlichen Themen aus der Region, die zur neuen großen Leidenschaft von Alexander wurden.

Er bearbeitete nicht nur eingehende Texte, sondern verfasste auch immer wieder selbst welche, so etwa über die Geschichte Nikolausbergs, über Edith Stein oder Caroline Michaelis. Zum Arbeitsgebiet der regionalen Geschichte baute Alexander ebenfalls mit großer Beharrlichkeit ein umfangreiches Archiv auf.

1981 verabschiedete sich der Journalist nach einer Erbschaft in den Ruhestand. Als die Monatsblätter 1984 aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt wurden, war das für Alexander eine herbe Enttäuschung. Diese trug sicher dazu bei, dass er mit einer Stiftung die Erforschung der Vergangenheit der Region fördern wollte.

Tod im Jahre 1988

Alexander überlebte die Monatsblätter nur um wenige Jahre: Der eingefleischte Junggeselle, der schon Jahrzehnte zuvor bei einem Mopedunfall zwischen Göttingen und Bovenden ein Bein verloren hatte und seitdem mit einer schlichten Unterschenkel-Prothese leben musste, starb im Januar 1988 an Magenkrebs.

Der erste Alexanderpreis wurde bereits zwei Jahre später vergeben, im Februar 1990. Seitdem sind 110 Artikel über historische Themen mit dem Preis gewürdigt worden, denn jedes Jahr wurde mindestens ein erster bis dritter Preis verliehen. Manchmal wurden sogar mehrere zweite oder dritte Plätze vergeben.

Die ausgezeichneten Texte nahmen ganz unterschiedliche historische Themen in den Blick. So wurden unter anderem Artikel über die Geschichte der Heilsarmee in Göttingen, über einen Großbrand in Duderstadt 1911 oder über den 1752 geborenen Göttinger Professor Johann Friedrich Blumenbach ausgezeichnet.

Deutung von „Vergangenheit“

Die Texte der Preisträger befassten sich mit dem aus Adelebsen stammenden Erfinder des G-Punkts, Ernst Gräfenberg, oder mit der Göttinger Ehrenbürgerin Hannah Vogt. Sie zeichneten die Geschichte des Göttinger Symphonie Orchesters, der Göttinger Kinos oder der Partnerschaft mit der Stadt Thorn nach.

Der Begriff „Vergangenheit“ wurde dabei je nach Jury durchaus großzügig ausgelegt. Es konnte auch eine sehr junge Vergangenheit sein – oder schlicht ein hervorragender Artikel, der das redaktionelle Alltagsgeschäft überstrahlte. So konnte Ulrich Hunger mit dem in der „Zeit“ erschienenen Text „Hamsterdrama zu Göttingen“ punkten, in dem er süffisant aufbereitete, wie eine Gruppe von Nagern drohte, ein universitäres Renommier-Bauprojekt zum Scheitern zu bringen.

Eine Reportage über die ersten Tage einer Aussiedler-Familie im Grenzdurchgangslager Friedland wurde ebenso prämiert wie ein Artikel über das Karl-May-Archiv in Göttingen.

Diese Weite des Blicks ermöglicht mitunter reizvolle Konstellationen: Bei der Jubiläumsveranstaltung im Februar dieses Jahres wurden Preise an zwei Journalisten verliehen, die sich mit zwei ganz unterschiedlichen Göttinger Gebäuden befasst hatten: mit dem Wohnblock Groner Landstraße 9 und dessen Entwicklung zum sozialen Brennpunkt auf der einen Seite und mit der wechselhaften Geschichte der Villa mit der Adresse Merkelstraße 3 auf der anderen Seite.

Stammgast bei Preisverleihung

Als Platzhirsch in Göttingen zählt das Tageblatt zu den Stammgästen bei den Preisverleihungen. Doch auch Texte aus  dem Berliner „Tagesspiegel“, der Braunschweiger Zeitung und – wie oben erwähnt – der „Zeit“ wurden bereits ausgezeichnet. Texte aus dem Regionalmagazin Regjo oder dem Stadtmagazin 37 wurden ebenfalls schon gewürdigt.

Für die Jubiläums-Preisverleihung hatte der Vorsitzende der Alexanderstiftung, Jens Wortmann, einmal nachgerechnet: Bislang wurden 68 000 Euro Preisgeld an 78 Preisträger für 110 Preise ausgeschüttet.

Aus den Zahlen ergibt sich, dass es eine Reihe von Preisträgern gibt, die gleich mehrfach ausgezeichnet wurden. Dazu zählen die aktuellen oder früheren Tageblatt-Redakteure Jörn Barke, Jürgen Gückel, Matthias Heinzel, Katharina Klocke, Michael Schäfer, Erik Westermann und auch Chefredakteurin Ilse Stein.

Eine Zeitung mit einer langen Geschichte sollte eben auch die Geschichte ihrer Region im Auge behalten.