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125 Jahre Göttinger Tageblatt Digitale Fotografie hält Einzug in die Göttinger Tageblatt-Redaktion
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17:12 01.05.2014
Von Katharina Klocke
Tageblatt-Fotografie im Jahr 1984: Bernd Beuermann fotografiert Bauarbeiter. Quelle: EF
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Göttingen

„Nein, wir können Ihnen keinen Papierabzug zuschicken, nur eine Datei per E-Mail.“ Solch eine Auskunft müssen Tageblatt-Fotografen seit langem nicht mehr geben.

Vor 25 Jahren hielten die digitalen Kameras Einzug in die Redaktion. Mittlerweile ist die Digitalfotografie so selbstverständlich, dass niemand mehr nach einem Papierfoto verlangt. Die Arbeit in der Redaktion hat sich dadurch radikal verändert.

Bernd Beuermann war seit 1980 Fotograf beim Tageblatt und von 1991 an Ressortleiter der Fotografie, bis er 2006 ausschied und sich selbstständig machte. Heute arbeitet der 56-Jährige als Unternehmensberater im Bereich visuelle Kommunikation und bietet Seminare für Fotografie und Bildbearbeitung an.

Zeitgleich beim Tageblatt angefangen

Etwa zeitgleich startete Hannelore Pohl nach ihrer Ausbildung als Fotolaborantin ihren Werdegang bei der Lokalzeitung. In der Redaktion des Göttinger Tageblattes ist die 62-Jährige mittlerweile für die elektronische Bildbearbeitung zuständig.

Vor dem Digitalzeitalter waren eine Menge Arbeitsschritte nötig, um Fotografien ins Blatt zu bringen. Der Fotograf lieferte nach seinen Terminen die Filmspulen ab, Pohl entwickelte die Negative. Fotograf und Redakteur trafen die Auswahl für die Positiventwicklung und legten den Bildschnitt fest.

Für die Produktion mussten die Aufnahmen anschließend in einer anderen Abteilung reproduziert werden. „Bei Nachlegern spät abends“, erinnert sich Beuermann. Später kam ein Scanner hinzu, mit dem die Bilder direkt ins Redaktionssystem eingepflegt werden konnten.

Filmstreifen im dunklen Labor

Pohl erinnert sich an noch nicht entwickelte Filmstreifen, die im abgedunkelten Labor zu Boden fielen und trotz hartnäckigen Herumtastens verschwunden blieben. Beuermann erzählt von der Dienstreise mit einem schreibenden Kollegen in die Sowjetunion, bei der ein Text über einen Hilfstransport weder telefonisch noch per Fax oder Fernschreiber an die Redaktion übermittelt werden konnte.

„Wir haben das schließlich über Funk einem deutschen Funker diktiert, und der hat die Geschichte zum Tageblatt weitergeschickt.“ Die mitgebrachten Filme waren nach der Entwicklung allesamt körnig, weil die schützende Bleitüte beim Durchleuchten „mit der russischen Brutalanlage“ an der Grenze nicht standgehalten hatte.

Redaktionsromantik – „eine schöne Zeit“, meint Pohl. „Ohne Aktualitätsdruck war das ein entspanntes Arbeiten“, sagt auch Beuermann. Und trotzdem: Als die ersten alltagstauglichen Digitalkameras auf den Markt kamen, konnte er „es kaum abwarten“. Der Fotograf setzte sich dafür ein, dass auch beim Göttinger Tageblatt die Fotografie digital wurde.

Nicht der Tod der Fotografie gewesen

„Das ist der Tod der Fotografie“, prophezeite ein Kollege. Beuermann, mittlerweile Ressortchef „Imaging“, war anderer Ansicht – auch wenn der Umgang mit dem neuen Medium zunächst alles andere war als ein Kinderspiel. So waren etwa die räumlichen Ausmaße des ersten „Digital Camera Systems“ beträchtlich:

Neben der eigentlichen Kamera mussten große Koffer mit technischer Ausstattung geschleppt werden. „Wie bei den Ghostbusters. Wir hatten drei oder vier davon. Die wogen acht Kilo. Und die Blei-Gel-Akkus waren dauernd leer.“

Gewöhnungsbedürftig auch der Umgang mit Dateien statt Papierfotos: Einen falschen Befehl in den Computer eingegeben, und die Bilder waren unwiderruflich gelöscht. „Das ist uns mal bei einer Weihnachtsausgabe passiert“, berichtet Pohl. Aber die Umstellung gelang, „das war Pionierarbeit“, sagt Beuermann noch heute über diese Zeit. Die Kameras wurden kleiner. Und die digitale Fotografie erwies sich aus Sicht ihres Fans Beuermann als revolutionär.

Distanzen besser zu bewältigen

Die neuen Techniken ermöglichten in größerem Maße aktuelle Berichterstattung über große Distanzen hinweg: „Es war gar kein Problem, von einer Reise nach Israel mit der Bundestagsabgeordneten Rita Süßmuth aktuelle Bilder aus Israel zu übermitteln.“

Nicht den Tod der Fotografie habe die Digitalfotografie verursacht, „sondern auf das Medium wie ein Jungbrunnen gewirkt. Sie hat die crossmediale Nutzung für eine Zeitung und viele andere Menschen möglich gemacht“.

Pohl denkt ein wenig sehnsüchtig an die Zeit des Fotolabors, der Negative und Papierbilder zurück. Beuermann aber hat das analoge Zeitalter weit hinter sich gelassen. Schließlich sei die Fotografie durch die Digitalisierung, durch das Internet und auch soziale Netzwerke wie Facebook zum Leitmedium geworden. „Eine tolle Entwicklung“, sagt er. Nicht nur für die Medienbranche, sondern auch für seinen eigenen beruflichen Hintergrund.