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125 Jahre Göttinger Tageblatt Folge 9: Die besondere Funktion einer regionalen Tageszeitung
Thema Specials 125 Jahre Göttinger Tageblatt Folge 9: Die besondere Funktion einer regionalen Tageszeitung
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17:04 27.02.2014
Lesepause: Ulrich Windmann freut sich über die Denkanstöße in seiner Tageszeitung. Quelle: Pförtner
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Göttingen

„Nachdem Berlusconi zum dritten Mal geheiratet hat, kann er ja endlich wieder fremd gehen!“, kommentiert Ulrich Windmann eine Meldung auf der Panorama-Seite des Tageblatts. Er beugt sich in seiner Werkstatt über die Arbeitsfläche, auf der er einem Sofa gerade ein neues Polster verpasst hat.

In seiner Pause  breitet er hier auch gern das Tageblatt aus. Windmann hat eigentlich Betriebswirtschaftslehre studiert, sich mit einem Betrieb für Schaumstoff-Schneidetechnik aber noch während des Studiums selbstständig gemacht.

Dass er mit seinem Geschäft erfolgreich war, liegt auch an seiner Pausenlektüre: Seit den Siebzigerjahren inseriert er regelmäßig im Tageblatt – denn: „Wer nicht wirbt, der stirbt“.

Nach Göttingen kam Windmann 1971 für sein Studium. „Als Student in einer fremden Stadt kennt man erst mal nichts und niemanden“, sagt er. Die Tageszeitung sei für ihn auch ein Mittel zur Orientierung in einem neuen Umfeld gewesen.

Den gibt es eben nirgendwo anders

Und: „Eine Möglichkeit, mit meinem Geschäft einen Fuß in den Markt zu bekommen“. Noch heute inseriert er regelmäßig: „Ich merke, dass Kleinanzeigen gut gelesen werden“.

Den redaktionellen Teil einer Zeitung hat Windmann schon als Zwölfjähriger kennengelernt. In seiner westfälischen Heimat Löhne schrieb er für die Jugendseite einer Tageszeitung.  Nicht zuletzt deshalb verfolgt er die Berichterstattung des Tageblatts aufmerksam und kritisch. „Am liebsten lese ich den Lokalteil und das Magazin am Wochenende“.

Windmann grinst. „Täglich komme ich, ehrlich gesagt, gar nicht zum Zeitunglesen.“ Über das Wichtigste aus nationaler und internationaler Politik informiert er sich aber am liebsten über Nachrichtensendungen im Fernsehen. „Überregionale Politik hat man ja abends meist schon gesehen“, meint er.

Eine Tageszeitung überzeuge für ihn deshalb vor allem durch ihren Lokalteil. Den gibt es eben nirgendwo anders. Neben der Information ist Zeitung für Windmann auch ein Mittel zur Integration: „Da wo man lebt, sollte man sich auch integrieren. Dabei hilft eine lokale Tageszeitung“.

Zeitung als ein Mittel zur Aufklärung und Mündigkeit

Auch wenn das Tageblatt dieser Aufgabe aus seiner Sicht gerecht wird, wünscht er sich mehr Platz für Themen aus Wissenschaft und Gesundheit. „Göttingen könnte als Universitätsstadt stärker gewürdigt werden“, sagt er.

Besonders wichtig sind Windmann Angebote für die jüngsten Leser. Die Kinderseite des Tageblatts verfolgt er regelmäßig: „Das Lesen muss Kindern von ihren Eltern interessant gemacht werden!“, fordert er.  „Und man sollte sich nicht immer nur auf die Schule verlassen.“

Die Zeitung als ein Mittel zur Aufklärung und Mündigkeit – das ist für Windmann zentral. „Lesen bedeutet, dass man Themen hat. Mit manchen Leuten habe ich einfach keinen Gesprächsstoff, weil sie sich für nichts interessieren,“ sagt er.

Wer sich mit Windmann unterhält, merkt schnell, dass er an vielen Themen interessiert ist. Und einige davon findet er im Tageblatt. 

Von Jonas Rohde

„Immer über das Tageblatt gefreut“

Von Friedrich Schmidt

Eigentlich war es ein wasserdichter Plan: Zwei treue Leserinnen des Göttinger Tageblatts über ihr Leben und auch ihr Leben mit dem Tageblatt zu befragen. Doch kurzerhand drehen die beiden 90-jährigen „und drüber“ liegenden Damen den Spieß um, und der Antwortenjäger wird zum Antwortengeber.

„Ich sehe keinen Ring an ihren Fingern“, meint Rosmarie Witthuhn. „Oh, was macht man denn in diesem Studiengang?“, erkundigt sich Elisabeth Gertz. Fragen an die beide Frauen zu stellen, die im Wohnstift der Gemeinschaft Deutsche Altenhilfe (GDA) leben, ist zunächst schwer.

Nachdem man aber gerechterweise Informationen über seinen Lebenslauf und zu seiner familiären Situation gegeben hat, erzählen sie bei Kaffee und Keksen über ihr Leben und den Alltag mit dem Tageblatt.

Gertz ist zwar in Göttingen geboren, aber dann umgezogen. Über Hildesheim, Kassel und Herzberg landete sie schließlich wieder in ihrer ursprünglichen Heimat. Sie war Buchhändlerin. „Nachdem Kassel ausgebombt wurde, kam ich bei meiner Großmutter unter.“

Ein Tag mit dem Tageblatt

Gertz selbst habe dann „schüchtern bei der Post“ nach Arbeit gefragt und wurde dann dort für mehrere Jahre beschäftigt. Auch für Bertelsmann habe sie gearbeitet. Witthuhn ist gebürtige Münsteranerin. Sie ist stolz auf ihre Kinder. In Kanada, Karlsruhe und Göttingen lebt der Nachwuchs.

Während Witthuhn das erzählt schlägt sie auch gleich vor, dass das Tageblatt eigentlich mal über die Tischlerei ihres Sohnes berichten könne, „weil das doch die Leute in der Stadt interessiert“. In dem Familienbetrieb hat sie lange gearbeitet.

Und wie sieht nun ein Tag mit dem Tageblatt aus? Gertz steht früh morgens auf und holt die Zeitung in ihr Apartment, welche fast immer direkt vor ihrer Tür hängt und liest zunächst nur die Überschriften. Im weiteren Tagesverlauf erledigt sie Hausarbeiten und geht anderen Beschäftigungen nach, um sich später der Zeitung noch intensiver zu widmen.

Nicht nur das Magazin und der Lokalteil seien für sie wichtig, sondern auch der Sport. „Ich schimpfe auch beim Fußball“, meint sie und berichtet gleich über den Sieg des Hamburger Sportvereins gegen den Fußballclub aus Dortmund am vergangenen Wochenende.

Nachrichten am Bildschirm lesen

Außerdem löst sie gerne die Rätsel und liest den Roman in der Zeitung. „Da können sie dito schreiben“, wirft Witthuhn ein und übt gleich Kritik. Im Vergleich zu Tageszeitungen aus anderen Städten ist das Tageblatt zu dünn, meint Witthuhn. Das sollte geändert werden.

Aber wenn sie mal ihre Kinder besucht oder etwas länger unterwegs ist, lässt sie sich das Tageblatt nachschicken. Schließlich will sie informiert sein, was in der Heimat passiert. Dem pflichtet Gertz, die gerne reist, bei: „Ich habe mich immer über das Göttinger Tageblatt gefreut.“

Witthuhn ärgert sich zum Schluss ein wenig über  die Internetpräsenz des Tageblatts und meint, dass sie ihrem Kind in Kanada oft nichts Neues Berichten kann, weil es „die Nachrichten an seinem Bildschirm liest“.

In der nächsten Folge geht es um ein Buch, das zum 25. Jubiläum des Tageblatts herausgegeben wurde.

Bei Kaffee und Keksen: Elisabeth Gertz (links) und Rosmarie Witthuhn. © Heller