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Abgefahren! Abgefahren: Von Duderstadt zur Wehnder Warte
Thema Specials Abgefahren! Abgefahren: Von Duderstadt zur Wehnder Warte
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16:15 11.10.2013
Von Nadine Eckermann
Quelle: Eckermann
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Strecke Duderstadt – Wehnder Warte

Länge:
Rund 15 Kilometer

Geeignet für:
Ebener Untergrund, Anstieg zur Wehnder Warte

Einkehrmöglichkeiten:
Einkehrmöglichkeiten unter anderem in Wehnde, Teistungen, Gerblingerode und Duderstadt

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Wie die Socken in der Waschmaschine. Einfach verschollen. Schuld sind die natürlichen Feinde des Radfahrers: schlecht befestigte Radwege, Autofahrer und Berge. Sie verhindern Tag für Tag, dass Menschen auf ihre Räder steigen. Und erst das Wetter! Regen ist nass, Wind so windig und Sonne so hell! Und wenn es bedeckt ist bei mittleren Temperaturen und Trockenheit, könnte ja jederzeit ein Unwetter aufziehen.

Es gibt wahrscheinlich mehr Gründe nicht Rad zu fahren als Zähne im Ritzel. Der schlimmste von allen: die Konfrontation mit dem inneren Schweinehund. Mit niemandem ficht der Radfahrer solch eisige Duelle aus. Der größte Feind des Schweinehunds ist die Gesellschaft Gleichgesinnter. Doch was, wenn sie fehlen?

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Starten wir ein Experiment: einen Kampf gegen das Böse, Kette um Kette, Schlauch um Schlauch. 15 Kilometer, in denen alle natürlichen Feinde des Radfahrers bezwungen werden müssen.

Theoretisch wäre ein Ausflug mit eingebauter Zitterpartie überall hin möglich. In diesem Fall führt er von Duderstadt über den Kutschenberg durch die Feldmark an Ecklingerode vorbei zum West-Östlichen Tor, dann zur Wehnder Warte und über Teistungen zurück.

Schon der Start bereitet Gänsehaut. Als einsamer Elektro-Radler muss man sich auf alle Eventualitäten gedanklich vorbereiten: Reifendruck? Akkuladung? Trinkflasche? Smartphone? Lauter Dinge, die man vergessen kann. Gruselig! Und dann ziehen auch noch dunkle Wolken auf.

Der sechste Teil der Radfahrserie Abgefahren führt von Duderstadt zur Wehnder Warte. ©Eckermann

Der erste Grund umzudrehen, hat man sich doch aufgerafft, lauert in der Unterführung an den Duderstädter Wallanlagen. Hat es längere Zeit geregnet, steht hier alles unter Schlamm. Gefahr gebannt, weiter zur Minigolfanlage und hinein in den Verkehr. Der Feind auf vier Rädern ist in der Stadt glücklicherweise meist friedlich unterwegs.

Wenn man die Gebäude der Lebenshilfe am Kutschenberg hinter sich gelassen hat, ist Schluss mit Autos. Dann kommt nichts. Gut, einige Bäume stehen am Rand der Felder. Aber wo nichts zu sehen ist, ist man allein mit seinen Gedanken.

Und die drehen sich immer noch um Reifendruck und Trinkflasche. Einige Abwechslung bietet der Kolonnenweg, der zum West-Östlichen Tor führt, einem Mahnmal der innerdeutschen Teilung.

Jetzt wird es wirklich unheimlich

Nach fünf Kilometern steigt die Strecke merklich an. Aber, dem großen Zittern sei Dank, es gibt zu trinken. An den hölzernen Stelen, die sich auf dem Berg gen Himmel recken, bietet sich eine gute Gelegenheit für eine Rast. Allerdings: Die dunklen Wolken verfärben sich langsam in ein verdächtiges Schwarz. Und: War da nicht ein Geräusch?

Also weiter: Alle paar Meter über die Schulter blickend fährt es sich nicht eben sicher. Richtet man den Blick geradeaus, werden die Berge im Umland sichtbar und bald schon der Ort Wehnde. Nach einem kurzen Abstecher zur verschlossenen Kirche führt der Weg zur Wehnder Warte, dem eigentlichen Ziel der Tour.

Die sogenannte Feuerhakenwarte diente von 1430 an dem Schutz der Menschen, ist es einer Infotafel zu entnehmen. Später wurde sie als Wetterwarte genutzt. A propos Wetter: Jetzt wird es wirklich unheimlich. Die Wolken bilden wilde Formationen, kein Mensch ist zu sehen.

Außer dem eigenen Atem erklingt nichts beim Aufstieg über die schmale Wendeltreppe. Oben angekommen macht sich Panik breit: Die Treppe ist der einzige Weg hinauf. Wenn sich jemand in die Tür stellt, schnappt die Falle zu. Die düsteren Gedanken weichen schnell: Zu beeindruckend ist der Blick in die Landschaft.

Der Puls normalisiert sich, die Angst weicht der Faszination für die Einsamkeit. Doch auf dem Rad ist schnell Schluss damit: Die Abfahrt ins nächste Dorf weht alle Gedanken beiseite. In Teistungen angekommen kehrt die Realität langsam zurück. Immerhin gibt es Menschen. Diese bewegen sich auf ihren zwei Beinen, was sie sympathisch macht.

Diejenigen, die hinter dem Ortsschild warten, fahren auf vier Rädern – ohne Rücksicht auf Verluste. Da sind sie wieder: die natürlichen Feinde. Und sie bilden eine unheilvolle Union. Straßenverkehr und Wetter haben ein Komplott geschmiedet, denn nun setzt auch noch Regen ein.

Selbst hier lauert das Grauen

Während die Kälte von innen angreift, attackieren Autos von außen. Zum Glück hat der nächste Ort, Teistungen, einen Radweg. Der Ort rollt sogar den roten Teppich aus, denn hier sind die Bereiche für Radfahrer und Fußgänger farbig markiert.

Passt gut, denn zur Teistungenburg muss man schließlich hochherrschaftlich reisen. Doch selbst hier lauert das Grauen: Der Engel am Eingangstor ist kopflos! Ein Werk des Bösen? Ein Wink des Schicksals?

Nichts wie weg über holpriges Kopfsteinpflaster. Am Fuß der Burg führt ein ebener Radweg am Grenzlandmuseum vorbei zurück nach Duderstadt – wo seltsamerweise die Sonne scheint. Nach 15 Kilometern Geisterbahn jetzt Sonnenschein? Da passt doch irgendetwas nicht ins Bild.

Doch tatsächlich verlaufen die letzten Kilometer zum Start- und Zielpunkt angstfrei. Gar nicht so übel, so eine Gruseltour. Ein bisschen wie Geisterbahn auf zwei Rädern. Wie Horrorfilm mit Schaltung. Das schreit nach einer Fortsetzung. Schalten Sie wieder ein, wenn es heißt: die Rückkehr des Kettenspannermonsters.

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