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Alles über die Bombe „Das hat ja keiner jemals geglaubt“
Thema Specials Alles über die Bombe „Das hat ja keiner jemals geglaubt“
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11:51 02.06.2010
In der Sporthalle des Max-Planck-Gymnasiums: Auch gehbehinderte Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Quelle: Heller

„Ich möchte Sie alle über den aktuellen Stand informieren. Fakt ist: Die Bombe ist explodiert.“ Als er dann noch hinzufügt, dass Menschen zu Schaden gekommen sind, geht ein Raunen durch die Menge. Viele halten sich vor Schreck die Hand vor das Gesicht. Ein kleines Mädchen fängt an zu weinen. Lediglich der Hinweis, dass es „keine Gebäudeschäden“ gegeben habe, kann die Menschen wieder etwas beruhigen. „Bitte bleiben Sie in Ruhe hier und machen es sich so gemütlich wie möglich“, sagt Reibrandt.

Bis zu diesem Zeitpunkt haben die Frauen, Kinder und Männer genau das versucht, auch in der Turnhalle des Max-Planck-Gymnasiums, dem zweiten Ausweichquartier. Sie haben sich eingerichtet in ihren Zufluchtsstätten. Die Kinder spielen mit Luftballons des DRK, Helfer verteilen Getränke und kümmern sich in Ruheräumen um die Alten und Kranken. Nachbarn unterstützen und beruhigen sich gegenseitig. Kinder spielen mit ihren Haustieren.
So wie die sechsjährige Sarah, die ihre Meerschweinchen Flecki und Laura in einer kleinen Box dabei hat. „Ich bin wegen der Bombe hier“, sagt Sarah am frühen Abend, und sie weiß in diesem Moment wahrscheinlich nicht, wie Recht sie damit hat. Sie kümmert sich ohnehin mehr um ihren Pullover, denn „das eine Meerschweinchen hat mich gerade angepinkelt“.

Auch Christa Riefer-Bley und Heidi Heins, die Tür an Tür in der Pfalz-Grona-Breite wohnen, nehmen die Evakuierung anfangs gelassen hin. „Wir sind mit dem Bus gekommen, das hat alles funktioniert“, erzählt Christa Riefer-Bley und bringt damit auf den Punkt, was viele an diesem Abend, der so geordnet und ruhig begonnen hat, erzählen: Alles läuft reibungslos.

Die Evakuierung war tatsächlich geordneter abgelaufen als die erste vor einigen Tagen. Die Betroffenen wurden gut informiert, das sagen viele an diesem Abend. Selbst die Durchsagen der Lautsprecherwagen seien lauter und deutlicher gewesen, versichert eine Frau. Feinheiten nur, aber sie wirken. Die gute Vorbereitung beruhigt, gibt Sicherheit, vor allem den Älteren.

Es ist jetzt 21 Uhr, die Dämmerung bricht herein vor der Heinrich-Heine-Schule. Drinnen sitzt immer noch die 65-jährige Christa Riefer-Bley und sagt: „Angst? Nein, die habe ich nicht.“ Obgleich es schon beunruhigend gewesen sei, als bei der ersten Bombe ein Hubschrauber über ihrem Haus kreiste und sie von nichts wusste. „Das hat mich an die Bombennächte in Berlin erinnert“, sagt sie. „Das ist schon irrwitzig“, ergänzt ihre Nachbarin Heidi Heins, die über einen Stecker im Ohr Radio hört. „Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich mich im Krieg voller Angst im Keller unter einer Bank verkrochen habe. Und jetzt sitze ich auf einer Bank in einer Turnhalle – und wieder wegen einer Bombe.“ Ansonsten sei die Evakuierung aber nicht schlimm, ergänzt sie dann und schaut in ihr Rätselheft. Immer wieder fasst sie an den Stecker in ihrem Ohr. Ihre Nachbarin blättert in einer Zeitschrift. 21.25 Uhr, noch gut drei Stunden, bis sie wieder nach Hause können.

Etwa fünf Minuten später erschüttert ein lauter Knall die Innenstadt. Die Menschen in der Heinrich-Heine-Schule bekommen von all dem nichts mit. Erst die Ansage von Axel Reibrandt bringt Klarheit – und erschüttert die Menschen zutiefst. „Au weia“, entfährt es Christa Riefer-Bley. „Und die Leute“, fragt Heidi Heins aufgeregt, „was ist mit den Leuten?“ Immer wieder drückt sie den Stecker in ihr Ohr, „aber die reden von Köhler“, sagt sie. Und dann sagt sie etwas, was wohl viele in diesem Moment denken: „Das hat ja keiner geglaubt, das so etwas jemals passieren würde.“
Viele Menschen fragen, wie es nun weitergeht, doch Axel Reibrandt schüttelt den Kopf. Er kann nicht mehr sagen. „Wir bleiben bis zur Entwarnung hier“, sagt Uwe Katzer-Schlösser. Eine Stunde später wird immer wahrscheinlicher, dass einige Evakuierte in dieser Nacht nicht mehr nach Hause zurückkehren können.

Von Andreas Fuhrmann

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