Keine Renaissance der alten Volksparteien-Zeit - Bundestagswahl in Göttingen: Keine Lust auf Party – GT - Göttinger Tageblatt
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Bundestagswahl 2013 Bundestagswahl in Göttingen: Keine Lust auf Party
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17:50 23.09.2013
Quelle: ne
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Göttingen

Vor vier Jahren schien sich der Verschleiß der beiden früheren Großparteien und der Beginn eines weit ausfransenden Parteiensystems mit mehreren mittelgroßen politischen Formationen unmissverständlich anzukündigen.

2013 indes scheint dieser Trend bereits gebrochen. Die Sozial- und Christdemokraten, ihre Kandidaten Thomas Oppermann und Fritz Güntzler legten im Stadtgebiet wieder ordentlich zu. Währenddessen verloren Grüne und FDP, Linke und Piraten recht deutlich. Die 1,83 Prozent, welche der Freie Demokrat, Lutz Knopek, in Göttingen erhielt, illustrieren auf lokaler Ebene das ganze Desaster des parteipolitischen Liberalismus.

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Gerd Nier von den Linken und selbst der in diesen Tagen viel gescholtene Jürgen Trittin von den Grünen hielten sich zwar noch bemerkenswert wacker, aber büßten eben doch Anteile ein. Wer am Sonntag kurz vor 22 Uhr eine Stippvisite zur Wahlparty der Grünen im Café Inti unternehmen wollte, musste unverrichteter Dinge wieder abdrehen.

Stühle bereits hochgestellt

Den Grünen war alle Lust auf eine übermütige Fete vergangen. Die Stühle waren bereits hochgestellt, die Gitter vor der Lokalität heruntergelassen. Schon um 19 Uhr herum hatten auffällig viele Gäste „das Café mit ausdruckslosen Gesichtern“ verlassen, wie hernach kolportiert wurde.

Auch und vielleicht gerade in der Grünen-Hochburg Göttingen wird der 22. September 2013 als trauriges Datum in die Annalen der Partei eingehen. Ähnlich übel gelaunt dürften am Sonntagabend die Piraten die Trends und Hochrechnungen der Wahlforschungsinstitute betrachtet haben.

Studentische Milieus galten als Humus und Ferment des zwischenzeitlichen Piraten-Aufstiegs. Nun sind sie in der niedersächsischen Universitätsstadt, wo dergleichen Milieus zuhauf anzufinden sind, bei kläglichen 2,55 Prozent gelandet, wirken infolgedessen mehr wie eine Sekte als eine noch halbwegs ernstzunehmende Kleinpartei.

Mentalität in Merkel-Deutschland

Zu den unzweifelhaft erfreulichen Ergebnissen gehört, dass die NPD einen weiteren Rückgang zu verzeichnen hat, mit 0,46 Prozent der Stimmen in Göttingen keinen nennenswerten Resonanzboden findet.

Die vorangegangene Ausdehnung des Parteiensystems war ein Reflex auf die neue gesellschaftliche Vielfalt der letzten drei Jahrzehnte. Aber zugleich ließ sich – nicht zuletzt als Folge dieser forcierten Pluralität – erkennen, dass eine wachsende Zahl der Bürger ein zu hohes Maß an Unübersichtlichkeit auch nicht schätzte.

Das ist schließlich die Mentalität schlechthin in Merkel-Deutschland: Der Alltag ist anstrengend, vor allem komplex genug; da soll die Politik nicht auch noch nerven, soll die Bürger vielmehr in Ruhe lassen. Und irgendwie verspricht man sich, auch in Göttingen, Stabilität und Entlastung eher von den erfahrenen, seit Jahrzehnten zum angestammten Inventar gehörenden Volksparteien als von den oft schrilleren „Kleineren“.

Zuletzt kaum diskutiert

So jedenfalls ist die mehrheitliche Stimmung in diesem Herbst 2013. Aber gerade Göttingen zeigt – und Universitätsstädte nehmen oft gesellschaftliche Zukunftsentwicklungen vorweg –, dass wir keineswegs vor einer umstandslosen, gar strahlenden Renaissance der guten alten Volkspartei-Zeit stehen. Grüne, FDP, Linke, Piraten und AfD kommen im Stadtgebiet zusammen immerhin auf knapp 37 Prozent der Stimmanteile.

Und ob die neue AfD bei bescheidenen 3,45 Prozent der Zweitstimmen verharren wird, ist nicht ausgemacht. Über Europa, die politische Tektonik und Probleme der Währung in der Union, wurde zuletzt kaum diskutiert, auch nicht in der Stadt, die Wissen schafft.

Das wird sich rasch und denkbar kontrovers ändern. Interessant jedenfalls ist, dass die Partei des Professors Bernd Lucke in Göttingen durchschnittlich stark in sozial eher schwachen Wohnvierteln gewählt wurde – aber auch dort, wo sich Wohlstand und formal hohe Bildung konzentrieren.

Von Franz Walter

Zur Person

Der Göttinger Parteienforscher, Professor Franz Walter (57), ist Leiter des Instituts für Demokratieforschung an der Göttinger Universität. Walter arbeitet derzeit unter anderem an dem Projekt „Umfang, Kontext und die Auswirkungen pädophiler Forderungen in den Milieus der Neuen Sozialen Bewegung / Grünen“ – ein Auftrag der Grünen.

Ein altes Göttinger Parteiprogramm aus dem Jahr 1981 brachte auch Spitzenkandidat Jürgen Trittin kurz vor der Wahl in Erklärungsnot.