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Doppelter Abi-Jahrgang Unternehmer wollen die Gunst der Stunde nutzen
Thema Specials Doppelter Abi-Jahrgang Unternehmer wollen die Gunst der Stunde nutzen
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12:43 19.11.2010
Von Hanne-Dore Schumacher
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In sieben bis acht Jahren, so rechnet Petermann, werden Führungskräfte in seiner Firma das Rentenalter erreicht haben, und dann will er vorbereitet sein. Im ersten und zweiten Lehrjahr erfahren die jungen Leute alles über den Großhandel, im dritten Lehrjahr dann machen sie den Betriebswirt Bachelor an der Göttinger Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie. Mit dieser Ausbildung können sie ins mittlere Management gehen und Abteilungsleiter bei Lünemann werden, kalkuliert Petermann. Für ihn ist es eine Investition in die Zukunft und Vorbeugung gegen den drohenden Fachkräftemangel. Lünemann zählt 90 Mitarbeiter, davon aktuell 13 Auszubildende.

Die Sartorius AG wird im kommenden Jahr ihre Ausbildungszahlen von 23 auf 36 deutlich erhöhen. Das habe vor allem mit den Wachstumsplänen des Unternehmens zu tun, erklärt Pressesprecherin Petra Kirchhoff. Die jungen Leute, die man jetzt in die Ausbildung hole, würden frühestens 2014 fertig. „Dann brauchen wir sie“, kündigt Kirchhoff an. Sicher beschäftige man sich auch mit dem demographischen Wandel, das Unternehmen habe jedoch immer reichlich Bewerber. Die Abiturientenfülle im nächsten Jahr führe bei Sartorius auch zu keinem Verdrängungsprozess. „Wir schauen genau, ob die jungen Leute für den entsprechenden Beruf geeignet sind“, erklärt Kirchhoff. Dabei sei der Schulabschluss nicht allein ausschlaggebend. Sartorius bildet in zwölf Berufen aus und bietet acht Studiengänge für das Studium im Praxisverbund an.

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) hat im Frühjahr zum Thema doppelter Abi-Jahrgang eine Umfrage unter Betrieben gemacht. Die Antworten, so berichtet der Göttinger IHK-Chef Martin Rudolph, seien sehr positiv gewesen. 30 Prozent der Betriebe wollten mehr ausbilden, wollten die Chance des doppelten Abitur-Jahrgangs nutzen, um einem Facharbeitermangel vorzubeugen. Rein zahlenmäßig sieht Rudolph kein Problem. Den schätzungsweise 5000 zusätzlichen Abiturienten, die eine Lehre anstrebten, müssten mit 7000 Realschülern weniger aufgerechnet werden. „Da entsteht kein Problem“, ist sich Rudolph sicher. Eine Konkurrenz zwischen Hauptschülern und Gymnasiasten gebe es ohnehin nicht. Wichtig sei, so der IHK-Geschäftsführer, dass unter den Abiturienten keine Panik entstehe. Die starken Ausbildungsbetriebe seien gut vorbereitet, alle anderen Firmen habe man seit Monaten und in etlichen Veranstaltungen für das Thema sensibilisiert.

Längere Planungszeiträume im Personalbereich, empfiehlt Clemens Freiherr von Wendt den Unternehmern in der Region. Der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Mitte denkt an Zeiträume von fünf bis zehn Jahren unter Berücksichtigung der geburtenschwachen Jahrgänge und in Hinblick auf einen zu erwartenden Mangel an Fachkräften. Abiturienten sollte die Wirtschaft helfend begleiten in eine positive Berufswelt, mehr Praktika zur Verfügung stellen und an Jobbörsen teilnehmen, rät der Jurist. Die doppelte Bewerberzahl 2011 biete die Chance, sowohl qualitativ als auch quantitativ im Personalbereich zuzulegen.

„Das ist unsere große Chance“, sagt Katja Thiele-Hann, Kreishandwerksmeisterin der Kreishandwerkerschaft Südniedersachsen. Durch die größere Bewerberzahl habe das Handwerk die Möglichkeit, Talente für sich zu gewinnen. Für ihren eigenen Betrieb sieht sie die Gelegenheit, Führungskräfte auch weiter aus den eigenen Reihen rekrutieren zu können. Nicht nur Bäcker und Konditoren sind unter den 45 Auszubildenden des Weender Unternehmens. Auch die Lehre zum Lebensmitteltechniker oder Industriekaufmann bietet Thiele an. Dass die Abiturienten abspringen könnten, sobald sie einen Studienplatz gefunden haben, glaubt Thiele-Hann nicht. „Wenn sich junge Leute wohl fühlen und Selbstbestätigung bekommen, dann bleiben sie der Firma treu,“ zeige die Erfahrung. Auch Verdrängung der Haupt- und Realschüler durch die Gymnasiasten befürchtet Thiele-Hann nicht. Sie hätten andere Fähigkeiten und würden auch weiterhin in den Betrieben gebraucht.