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Europawahl 2014 Arbeitsmarkt Europäische Union: Arbeiten als Göttingerin in Frankreich
Thema Specials Europawahl 2014 Arbeitsmarkt Europäische Union: Arbeiten als Göttingerin in Frankreich
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19:18 13.05.2014
Von Britta Eichner-Ramm
Arbeitsplatz in Frankreich: Sartorius-Mitarbeiterin Tanja Savosin mit einem Kollegen.
Arbeitsplatz in Frankreich: Sartorius-Mitarbeiterin Tanja Savosin mit einem Kollegen. Quelle: EF
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Göttingen/Aubagne

EU-Bürger haben das Recht, sich in jedem Mitgliedsstaat selbstständig zu machen oder eine Arbeitstätigkeit aufzunehmen. Das sagt die EU-Freizügigkeitsrichtlinie.

Viele Deutsche sorgen sich vor einer Zuwanderungswelle in die deutschen Sozialsysteme – vor allem durch Bürger aus Rumänien und Bulgarien, denn die bis Ende 2013 geltenden Beschränkungen sind seit Jahresbeginn außer Kraft.

Die Freizügigkeit in der EU ist jedoch keine Einbahnstraße. Auch deutsche Staatsbürger gehen ins EU-Ausland, um dort ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Wie viele Göttinger wo dauerhaft arbeiten, darüber gibt es keine Statistik. Und auch wie viele Südniedersachsen von ihren Arbeitgebern in europäischen Dependancen entsendet werden, wird etwa von der Agentur für Arbeit nicht erfasst.

Tanja Savosin, eine junge, ledige Göttingerin, ist seit Anfang November vergangenen Jahres für Sartorius in Aubagne in Frankreich beschäftigt. Das Göttinger Unternehmen hat sie für ein Jahr dorthin entsendet. Bereits Anfang 2013 sei sie schon einmal für drei Monate in der Stadt östlich von Marseille gewesen, sagt die 30-jährige Industriemeisterin für Chemie. In Aubagne arbeitet sie als technische Assistentin.

Alle drei bis vier Monate nach Göttingen

„Die Entsendung stellt eine Sonderkategorie der Arbeit im Ausland dar“, erklärt Beate Raabe von der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Arbeitsagentur. Denn: „Im Grunde wird hier die Beschäftigung beim alten Arbeitgeber fortgesetzt.“

Auch bei Tanja Savosin ist das der Fall. Und so bekam die 30-Jährige vor ihrem Umzug nach Frankreich Unterstützung von Sartorius. „Ich denke, wenn man gut organisiert ist, ist so ein Umzug auch kein Problem. Im Großen und Ganzen ist es nicht anders als in Deutschland“, meint Savosin, die versucht, zusammen mit ihrem Hund alle drei bis vier Monate nach Göttingen zu kommen.

Dennoch gelte es im Vorfeld einiges zu beachten. „Natürlich die Steuern“, sagt sie und ergänzt: „Man muss sich rechtzeitig beim Finanzamt melden.“ Gänzlich reibungslos verlief der Arbeitsplatzwechsel bei der jungen Göttingerin in dieser Hinsicht dann aber doch nicht.

„Ich habe erst in Frankreich mitbekommen, dass ich mich nicht abgemeldet habe. Sartorius hat sich um alles gekümmert“, schickt sie den Dank an ihren Arbeitgeber.

Skepsis vieler Deutscher

Während sie in Frankreich arbeite, bleibe sie in Deutschland sozial- und krankenversichert. Da aber ihre Krankenkassenkarte in Frankreich nicht gelesen werden könne, schildert sie ihre Erfahrung, „bekommt man vom Arzt eine Rechnung, die man dann nach Deutschland schickt. Danach wird gerechnet und nach den deutschen Vertragssätzen erstattet“.

Wie lebt es sich in Frankreich, einem der Gründungsländer der Europäischen Union? Savosin: „Es ist schwer, ohne Sprachkenntnisse für längere Zeit ins Ausland zu gehen. Ich komme sehr gut mit Englisch weiter, versuche aber so schnell wie möglich Französisch zu lernen.“

Ressentiments verglichen mit der Skepsis vieler Deutscher etwa auf Arbeits-Zuwanderer aus osteuropäischen Ländern, habe sie in Frankreich nicht erfahren, sagt sie. „Ich wurde sehr herzlich aufgenommen.“

Savosin wurde in Kasachstan in einem Dorf geboren und wuchs auch dort auf. Sei sei froh, dass ihre Eltern den Schritt gewagt hätten, nach Deutschland zu gehen: „Mein Lebensstandard hat sich, seitdem ich in Deutschland bin, deutlich verbessert.“

„Europa ist für mich die Europäische Union“

Auf die Frage, was ihr Europa bedeutet, sagt die 30-Jährige: „Europa ist für mich die Europäische Union.“ Sie habe viele Freunde und Bekannte in den Ländern, die Europa beigetreten sind. Deren Meinung sei unterschiedlich. „Für junge Leute haben sich die Tore für Studium und Arbeiten geöffnet“, so Savosin weiter.

Ein Vorteil, den auch sie gerade nutze – „ohne Probleme in einem anderen Land studieren, arbeiten und deren Sprache, Mentalität kennenlernen“.

Aber die junge Göttingerin benennt auch Nachteile, die Europa mit sich bringe. Für viele sei der Lebensstandard teurer geworden, das Gehalt aber gleich geblieben. Manche seien der Meinung, es gebe in Europa zwei Klassen, „die Reichen und Mächtigen und die anderen“. Und das Gefühl, je mehr Länder der EU beitreten, um so mehr würden die Reichen und Mächtigen wachsen.

Eines steht für die zurzeit in Frankreich arbeitende Göttingerin fest: „Ich weiß noch nicht wo, aber ich werde wählen gehen.“

Arbeiten im EU-Ausland

Wer im Ausland arbeiten möchte, sollte sich vorab informieren, rät Beate Raabe von der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung der Arbeitsagentur (ZAV). Möglich ist das beispielsweise auf der von den öffentlichen Arbeitsverwaltungen der EU gemeinsam betriebenen europäischen Informationsplattform.

Darüber hinaus unterstütze die ZAV Arbeitnehmer bei der Suche nach Arbeitsplätzen im Ausland und informiert über Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen. Über die Voraussetzungen bei der Entsendung durch einen deutschen Arbeitgeber informiert das Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

gturl.de/EU-Arbeit
gturl.de/ZAV-Infos
gturl.de/Entsendung

Die Serie

1. EU-Parlament
2. Agrarpolitik lokal
3. Verbraucherschutz
4. EU in der Kritik
5. Arbeitsmarkt EU
6. EU-Gelder in Göttingen