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Fit & Gesund Vielfältige Angebote: Erste Hilfe in Göttingen
Thema Specials Fit & Gesund Vielfältige Angebote: Erste Hilfe in Göttingen
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19:27 13.03.2019
„Nur der, der nicht hilft, macht etwas falsch“: Viele Menschen haben Angst, Erste Hilfe zu leisten.
„Nur der, der nicht hilft, macht etwas falsch“: Viele Menschen haben Angst, Erste Hilfe zu leisten. Quelle: Johanniter-Unfall-Hilfe
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Göttingen

 Einmal Erste-Hilfe-Kurs zum Führerschein und dann nie wieder. Das ist die Erfahrung, die Ausbilder der großen Hilfsorganisationen im Raum Göttingen häufig machen.

„Gerade bei der Ersten Hilfe ist es aber besonders wichtig, dass die lebensrettenden Handgriffe ins Gedächtnis eingebrannt sowie im Notfall sofort abrufbar sind und leicht von der Hand gehen. Mehr als zwei Jahre sollte ein Erste-Hilfe-Kurs nicht zurückliegen“, sagt Maike Müller, Sprecherin beim Regionalverband Südniedersachsen der Johanniter-Unfall.

Doch die Realität sieht anders aus. Das weiß auch Melanie Wollradt, Ausbildungsleiterin beim Arbeiter-Samariter-Bund: Die meisten Menschen würden die Kurse nur dann freiwillig besuchen, wenn das Thema durch Situationen, in denen Erste Hilfe-Wissen nötig gewesen wäre, wieder „näher in den Interessenpunkt“, erklärt Wollradt.

Herz-Lungen-Wiederbelebung im Erste-Hilfe-Kurs. Quelle: Pförtner

80 Prozent kommen aus beruflichen Gründen

Sabrina Kohls, Leiterin Ausbildung bei den Maltesern, schätzt das rund 80 Prozent der Teilnehmer aus beruflichen Gründen an den Kursen teilnehmen. So sei es für Ersthelfer in Betrieben durch die Berufsgenossenschaft verpflichtend, alle zwei Jahre einen Kurs zu belegen. „Bei Autofahrern reicht immer noch ein Erste-Hilfe-Kurs ein Leben lang aus“, bemängelt Markus Schiffer, beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Göttingen für die Breitenausbildung zu ständig.

Wollradt ergänzt, dass aber auch viele Menschen gebe, die sich ehrenamtlich engagieren und sich dadurch auch mit dem Thema Erste Hilfe befassten – etwa Übungsleiter, Freiwilligen Feuerwehren, Ehrenamtliche im Rettungsdienst oder Katastrophenschutz und Besuchshundeteams.

Allein das DRK biete pro Jahr zwischen 600 und 800 verschiedene Kurse rund um die Erste Hilfe. Bis zu 7000 Teilnehmer kämen zum DRK, erklärt Schiffer. Das Team der ehren- und hauptamtlichen Ausbilder bestehe beim DRK aus 30 Personen, zum festen Kern gehörten 12, 13 Personen.

Erste Hilfe: 40 Prozent treuen sich nicht

Wie dringend eine gute Ausbildung in Erste Hilfe ist, belegt Müller mit Zahlen. So würden in Deutschland jährlich mehr als 50000 Menschen einen Herz-Kreislauf-Stillstand erleiden. Doch einer bundesweiten Forsa-Umfrage von 2018 im Auftrag der großen Hilfsorganisationen zufolge, trauten sich 40 Prozent der Deutschen nicht zu, in einem Notfall Erste Hilfe zu leisten. Fast 80 Prozent von ihnen begründeten dies mit ihrer Angst, etwas falsch zu machen oder die Situation zu verschlimmern.

112: Die Nummer für den Notfall. Quelle: dpa-Zentralbild

Erinnerung verblasst

Bei Angelika Hontscha und Jens Kolk liegt der bislang letzte Erste-Hilfe-Kurs deutlich mehr als zwei Jahre zurück. „24 Jahre“, sagt Hontscha etwas betreten. „Zwölf“, sagt Kolk. Beide haben sich am Mittwoch beim DRK zum Betriebshelfer in der Ersten Hilfe ausbilden lassen. Beide haben sich freiwillig gemeldet. Kolk berichtet, dass er schon zwei Mal als Ersthelfer Menschen in Not geholfen hat. Hontscha muss einräumen, dass ihre Erinnerung an damals Gelerntes verblasst ist. „Die stabile Seitenlage ging aber früher anders, oder?“, fragt sie.

„Nur der, der nicht hilft, macht etwas falsch.“

Schiffer bestätigt Hontscha Beobachtung. „Heute vermitteln wir die Maßnahmen so einfach, wie möglich.“ So soll den Teilnehmer die Angst, Erste Hilfe leisten zu müssen, genommen werden. „Jeder kann helfen“, sagt Schiffer. „Egal wie, es ist immer richtig. Nur der, der nicht hilft, macht etwas falsch.“ Selbst die einfache Ansprache an die Person könne helfen. Wichtig sei, dass überhaupt geholfen wird. „Sobald einer stehen bleibt, um zu helfen, kommen weitere Helfer hinzu“, berichtet Schiffer aus seiner Erfahrung.

Die eintägigen Erste-Hilfe-Grundkurse sind bei allen Hilfsorganisationen ähnlich aufgebaut: Zu den neun Unterrichtseinheiten gehört unter anderem Notfallsituationen erkennen, die Gefahren einschätzen und die richtigen Maßnahmen ergreifen. Die wichtigsten lebensrettenden Maßnahmen, etwa stabile Seitenlage und Herz-Lungen-Wiederbelebung, werden vermittelt.

Crashkurs mit den Maltesern

Seit einiger Zeit bieten die Malteser in Göttingen Crashkurse an, berichtet Kohls. Der Zuspruch für die vierstündigen Kurse sei sehr gut. Es gehe darum, Basiswissen, aber Interesse an der Hilfe zu vermitteln. Entstanden sei das Angebot, wegen vermehrter Nachfrage in den vergangenen Jahren.

Die vier großen Hilfsorganisationen bemängeln, dass Erste Hilfe nicht schon viel früher an Kindertagesstätten und Schulen gelehrt wird. „Wir möchten dieses wichtige Thema daher noch viel stärker in unserer Gesellschaft verankern und schon bei den Jüngsten ansetzen“, sagt Müller. Daher hätten der ASB, die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft, das DRK, die Malteser unter Federführung der Johanniter ein neues Konzept mit dem Titel „Von Herzensrettern und Lebensrettern“ entwickelt, mit dem schon Kinder und Jugendliche an das Thema Herz-Lungen-Wiederbelebung herangeführt werden sollen. Damit sollen Kinder und Jugendliche schon in jungen Jahren befähigt werden, Erste Hilfe zu leisten. „Dieses Konzept möchten wir demnächst auch im Bereich Göttingen anbieten“, kündigt Müller an.

Erste Hilfe in den Unterricht

„Erste Hilfe gehört in den Schulunterricht“, sagt Kohls. Sie müsste entsprechend in den Lehrplänen verankert werden. Schiffer nennt etwa die USA als Vorbild. In Deutschland würden entsprechende Vorstöße immer an der Finanzierung scheitern. Auch, so ein weiterer Vorstoß der Organisationen, sollte auch für Autofahrer ein Auffrischkurs alle zwei bis vier Jahre verpflichtend werden.

Hier finden sich die Kursangebote der Göttinger Organisationen

Die vier großen Hilfsorganisationen bieten verschiedene Kurse an – vom Grundlehrgang bis zu Kursen, die auf bestimmte Zielgruppe, etwa Kinder und Senioren, abgestimmt werden können.

gturl.de/drk

gturl.de/johanniter

gturl.de/asb

gturl.de/malteser

Ausbilder gesucht

Das DRK sucht für seine Erste-Hilfe-Kurse noch ehrenamtliche Ausbilder. Interessierte können sich an Markus Schiffer unter Telefon 0551 / 3990353 oder per E-Mail an m.schiffer@drk-goe-nom.de wenden.

Von Michael Brakemeier