Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttinger Zeitreise 60 Jahre Christuskirche Göttingen
Thema Specials Göttinger Zeitreise 60 Jahre Christuskirche Göttingen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:04 12.12.2013
Von Jörn Barke
Wahrzeichen auf dem Egelsberg: der Turm mit der markanten Bekrönung. Quelle: Tageblatt-Archiv
Anzeige
Göttingen

In den Jahren darauf folgten weitere evangelisch-lutherische Kirchenneubauten, so die Corvinuskirche im Ostviertel, die Christophoruskirche in Weende, die Stephanuskirche in Geismar, die Kreuzkirche in der Südstadt, die Thomaskirche auf dem Leineberg und die Jonakirche in Grone. Die Bethlehemgemeinde baute ein Gemeindehaus, in dem Gottesdienste gehalten werden.

Die Gründe für die Errichtung neuer Kirchen ähnelten sich: Neue Stadtviertel entstanden, die Einwohnerzahl war durch den Zustrom von Flüchtlingen und Vertriebenen enorm gewachsen. Die Kirche wollte – diese Auffassung wurde auch von Stadtsuperintendent Hans Wiesenfeldt vertreten – für die Menschen wohnortnahe, übersichtliche Gemeinden schaffen.

Neue Kirchengemeinde

Im Zuge dieser Entwicklung entstanden in der Weststadt neue Kirchengemeinden, die aus der Innenstadtgemeinde St. Marien herauswuchsen. Auf dem Egelsberg wirkte dabei zunächst auch Pastor Bruno Benfey, der 1936 wegen seiner jüdischen Vorfahren von den Nationalsozialisten aus St. Marien vertrieben worden und nach Kriegsende dorthin zurückgekehrt war.

Im Oktober 1951 wurde die Friedenskirchengemeinde als erste evangelisch-lutherische Gemeinde seit der Reformation gegründet. Das ebenfalls von Diez Brandi entworfene Gemeindehaus auf dem Hagenberg wurde am 25. Dezember 1951 eingeweiht. Die umgekehrte Reihenfolge gab es bei der Christusgemeinde:

Sie wurde erst im April 1954 gegründet, also einige Monate nach der Weihe der Kirche. 55 Entwürfe waren für das Gebäude eingegangen. Die Aufgabe war, eine schlichte und bewusst evangelische Kirche zu schaffen, in der auch Gemeinderäume untergebracht sein sollten. Den Zuschlag erhielt schließlich der Architekt Diez Brandi.

Schock-Dias zu Weihnachten

Bei der Grundsteinlegung am 28. September 1952 wurde eine Urkunde eingemauert, die den Namen der Kirche begründet.

Darin heißt es, „dass in unserer Zeit, in der das deutsche Volk und die Welt noch unter den Nachwirkungen des Krieges leiden, Ost und West sich  mit Misstrauen gegenüberstehen, die Scheidelinie zwischen den Weltmächten mitten durch unser Volk läuft und Verwirrung und Ratlosigkeit bei manchen hoffnungsvollen Ansätzen weithin herrschen, mehr als je das Wort der Heiligen Schrift gilt: ‚Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.‘“

Am 13. Dezember 1953 weihte Landesbischof Hanns Lilje die Kirche. Kanzel, Altar, Taufstein und Gemeinde befinden sich in der Kirche im gleichen Raum unter dem gleichen Kreuz; es gibt keinen gesonderten Altarraum. Dadurch hat die Gemeinde allerdings im Gottesdienst eine große Wand vor sich. Deswegen wurde sie von dem Künstler Hellmuth Uhrig mit Bildern zu biblischen Motiven bemalt. Der Kirchenraum selbst kann als großer Gemeinderaum genutzt werden, weitere Räume befinden sich im Turmbereich.

Mit uraltem Fahrad durch die Gemeindegebiete

Die kirchliche Aufbauarbeit in der Christuskirchengemeinde leistete Gründungspastor Hans Helweg. Er setzte Akzente in der Jugend- und Friedensarbeit, später betreute er auch den neu entstehenden Stadtteil auf dem Leineberg. Mit einem uralten Fahrrad durchquerte er sein Gemeindegebiet.

Nach 20 Jahren Aufbauarbeit ging er 1974 in den Ruhestand. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Charakter der Jugendarbeit schon deutlich verändert. Unter anderem durch die stärker aufkommenden Massenmedien und die 68-er-Bewegung kam es zu anderen Interessen und Lebensstilen bei den Jugendlichen. „Viele junge Menschen“, erinnerte sich später der benachbarte Friedenskirchenpastor Gerhard Mercker, „suchten nichts anderes als kirchliche Räume für ihre Discoabende.“

In der Christusgemeinde wird mit neuen Formen experimentiert: Die Mitternachtsmette 1969 wird in der Art eines politischen Nachtgebets gestaltet. Dabei werden Schock-Dias von der Ermordungen von Indianern in Südamerika gezeigt. Nicht allen Besuchern gefällt das: Einige verlassen den Gottesdienst.

Trennung

1968 wurde die Thomaskirchengemeinde auf dem Leineberg von der Christusgemeinde getrennt. Aus der Friedensgemeinde heraus entstand schließlich die Bethlehemgemeinde auf dem Holtenser Berg. Dass von diesen vier Gemeinden nur die Christuskirche mit einem „echten“ Kirchenbau, die anderen mit Gemeindezentren starteten, folgte zum Teil auch dem Trend der Zeit, bestätigte aber auch das Bild von der nicht auf Rosen gebetteten Weststadt.

Ende der 1980er-Jahre gehörten zur Christuskirche etwa 4000 Mitglieder. Die Gemeinde war mit den neuen Stadtteilen alt geworden: 1954 waren in der Christuskirche 146 Jugendliche konfirmiert worden, 1988 nur noch 18. Die Seniorenarbeit bekam mehr und mehr Gewicht.

Kopflose Kirche

2000 erhielt die Christuskirche ein neues Südfenster, das nach einem Entwurf des Künstlers Wilhelm Buschulte gestaltet ist. 2005 verlor der Kirchturm seinen markanten Kopf: Die marode Holzkonstruktion samt Bekrönung wurde mit einem Kran abgenommen.

Zugleich war der Turm sanierungsbedürftig. Durch schadhafte Stellen im Beton drang Wasser ein, so dass die Stahlmatten innen rosteten.

Saniert wurde der Turm dann erst im Sommer 2011. Zuletzt war sogar ein Bereich um den Turm abgesperrt worden, weil kleinere Betonteile heruntergefallen waren. Im Zuge der Sanierung erhielt die Kirche ihr Wahrzeichen zurück: In einem feierlichen Akt wurde im November 2011 eine neue Holzkonstruktion auf das Turmdach gesetzt. Einige Tage später folgte die Bekrönung mit Hahn, Kreuz, Wetterfahne und Kugel. Die alte, marode Turmspitze, die seit der Abnahme auf dem Rasen vor der Kirche gestanden hatte, wurde abtransportiert.

Heute hat die Gemeinde rund 2100 Mitglieder. Eine Besonderheit ist der lebendige Adventskalender, der derzeit wieder gefeiert wird, heute um 19 Uhr bei Familie Fellert. Egelsberg 13. Zur Gemeinde gehört ein Kindergarten, der direkt an der Kirche liegt. Ihr 60-jähriges Bestehen feiere die Gemeinde im nächsten Jahr, so Pastorin Sigrid Harms.

Erster evangelischer Kirchenbau nach 1945 in Göttingen: Gebäude von Diez Brandi wird am 13. Dezember 1953 geweiht