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Göttinger Zeitreise Ärger um beliebtes Ausflugsziel am Stadtrand
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17:17 05.04.2012
Von Katharina Klocke
Rohns Gasthaus im Volksgarten um 1835: Radierung von Friedrich Besemann.
Rohns Gasthaus im Volksgarten um 1835: Radierung von Friedrich Besemann. Quelle: Sammlung Tageblatt
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Göttingen

Zeitreise durch anderthalb Jahrhunderte: 1830 vollendete der Göttinger Bauunternehmer Christian Friedrich Andreas Rohns, Erbauer zahlreicher klassizistischer Bauten in der Stadt Göttingen, einen seiner größten wirtschaftlichen Erfolge. Bereits 1825 hatte er 28 Morgen sogenanntes Ödland mit ehemaligen Schutthalden und Steinbrüchen oberhalb des Stadtgebietes erworben. Er pflanzte dort Büsche und Bäume und gestaltete ein Naherholungsgebiet, das er „Volksgarten“ nannte. 1830 eröffnete er ein Gasthaus, das im Volksmund bald „Der Rohns“ hieß.

Ein Park mit schattenspendenden Bäumen, Grotten und Brunnen, ein Spielplatz und ein herrlicher Blick über Göttingen: Der Rohns mauserte sich schnell zu einem der beliebtesten Ausflugsziele der Umgebung. 1898 kaufte sich die städtische Brauerei ein, errichtete einen turmartigen Anbau und einen Saal, in dem zahlreiche Veranstaltungen Publikum anlockten.

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde das Lokal zweckentfremdet und als Lazarett genutzt. Erst 1951 war die Wiedereröffnung. Die Stadt war allerdings mittlerweile bis an seine Pforten herangewachsen, es gab viel Konkurrenz im Grünen: Der Rohns baute ab. Anfang der 60er Jahre wurde durch den Bau der Stadthalle auch der große Saal überflüssig. 1967 war eine Generalversammlung der Brauerei, auf der beschlossen wurde, den Bau zu verkaufen, die letzte Veranstaltung. Käufer war die Volkswagenstiftung, die in den Gebäuden Gästewohnungen für die Universität einrichtete. Sämtliche Nebengebäude wurden abgerissen.

Kahlschlag im Wald

Es begann eine Diskussion, die sich über Jahre erstreckte. Der alte Rohns sollte Zuwachs durch sogenannte Terrassenhäuser und sogar ein Hochhaus bekommen. Göttinger Bürger fürchteten einen Kahlschlag im Wald. Bald hatte das ambitionierte Bauprojekt einen Spottnamen: „Montezumas Rache und Rohns’ Erbe“ titelte das Göttinger Tageblatt im August 1970. 40 Terrassenhäuser waren geplant und rund 60 gestaffelte Geschosswohnungen. Das Rohns’sche Gästehaus sollte erhalten werden. Der Plan eine Hochhauses schien abgewendet. Erste Terrassenhäuser sollten bereits 1971 fertiggestellt sein.

Die erzürnte Debatte aber war noch lange nicht vorbei. 1972 kam es während einer Bürgerversammlung erneut zum Eklat. Kritiker der Bebauung bezichtigten Stadtbaurat Herbert Wiltenstein schriftlich der „Begünstigung“, Oberstadtdirektor Kurt Busch stellte daraufhin Strafantrag gegen die Absender, berichtete er zwei Tage später im Rat der Stadt. Ein Hochhaus mit 19 oder 16 Stockwerken wurde ím Stadtparlament diskutiert. Auch wenn die tatsächlich gebauten Häuser letztlich gemäßigtere Ausmaße hatten als befürchtet: Für ihren Rohns haben die Göttinger lange gekämpft. 

Die Göttinger Zeitreise ist eine Geschichtswerkstatt des Göttinger Tageblattes und der Stadt Göttingen. Für eine Filmproduktion und die Internetseite goettinger-zeitreise.de werden Fotografien und vor allem Filme – derzeit aus den 1970er Jahren – gesucht. Infos unter Telefon 05 51 / 90 17 66 oder per E-Mail unter redaktion@goettinger-tageblatt.de.