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Göttinger Zeitreise Bäderkultur: „Göttingen als Pensionopolis“
Thema Specials Göttinger Zeitreise Bäderkultur: „Göttingen als Pensionopolis“
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18:39 18.05.2012
Von Michael Brakemeier
Imposanter Bau: 1906 entsteht das Stadtbadehaus. Quelle: Museum
Göttingen

In der Abhandlung „Segnungen der Wasseranwedungen“, die in dem Heft Freizeitarena der Göttinger Sport- und Freizeit GmbH erschienen ist, heißt es, dass den 25 000 Einwohnern Göttingens um 1900 sieben Badeanstalten zur Verfügung standen. „Eine besonders hohe Meinung scheinen die Göttinger von den Segnungen der äußerlichen Wasseranwendung zu haben“, schreibt ein anonymer Autor in  „Göttingen als Pensionopolis“. Sol-, Fichtennadel-, römisch-irische Bäder werden im beginnenden 20. Jahrhundert verabreicht. „Der sportive Aspekt des Schwimmens kam erst im 20. Jahrhundert“, heißt es in der Freizeitarena.

Eines der größten und imposantesten Bäder war das Stadtbadehaus im Stumpfebiel. Zwischen 1903 und 1906 entsteht der Jugendstilbau unter Regie des Göttinger Stadtbaumeisters Friedrich Jenner. Es bietet ein großes, von einem Balkon umgebenes Schwimmbecken. Auch ein Hundebad gibt es. Am 17. Februar 1906 wird die „Winterbadeanstalt mit Schwimmbassin“, die 380 000 Mark gekostet hat, eröffnet. Und sie wird von den Göttingern gut angenommen. 1951 etwa werden nach Angaben des Stadtarchivs im Stadtbadehaus 111 584 Bäder ausgegeben, die Schwimmhalle besuchen 70 404 Personen.

Schon 1780 gibt es in der Stadt die erste öffentliche Badeanstalt. Das 1820 eröffnete Rohn’sche Badehaus gehört ebenso zur Göttinger Bäderkultur wie die schwimmende Badeanstalt auf dem Schwänchenteich. Eine Zeitreise in Bildern in die Badestadt Göttingen.

Ende der 60er-Jahre fällt das Bad schließlich der Abrissbirne zum Opfer. Am 9. Juli 1968 wird auf dem Gelände der Grundstein für ein neues, modernes Stadtbad gelegt. Und während der Vorgänger immerhin mehr als 60 Jahre hält, wird das neue Bad bereits nach knapp 30 Jahren Badebetrieb stillgelegt. Mit dem Badeparadies Eiswiese wird vor den Toren der Stadt Ersatz geschaffen.

Das 60er-Jahr-Bad im Stumpfebiel erfährt wenig Gegenliebe. Auch wenn heute im Rückblick bei vielen Göttingern die positiven Erinnerungen überwiegen. Der ehemalige Göttinger SPD-Europaabgeordnete Klaus Wettig schreibt 2008 in seinem Buch „Spurensuche und Fundstücke: Göttinger Geschichten“ über die Abrissserie im Reitstallviertel: „Weil man beim Abriss so in Schwung war, wurde auch das Jugendstil-Hallenbad einbezogen, um für ein ästhetisch und funktional misslungenes Hallenbad Platz zu schaffen.“

Auch der Schriftsteller Robert Gernhardt findet in „Die Göttinger sieben Bausünden“ bittere Reime: „Der Vorgängerbau war ein Jugendstilbad, sehr schön, sehr rar, sehr eigen. Das brachte der Durchschnitt auf sein Niveau, anno sechzig. Der Rest ist Schweigen.“ Da passt es nur allzu gut, dass der neu entstehende Platz im neuen Quartier Am Leinebogen, das gerade auf dem ehemaligen Stadtbadgelände entsteht, schon einen Namen hat: Robert-Gernhardt-Platz soll er heißen.

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