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Göttinger Zeitreise „Die Baracken sahen aber nur von außen schäbig aus“
Thema Specials Göttinger Zeitreise „Die Baracken sahen aber nur von außen schäbig aus“
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16:35 09.03.2012
Dorf in der Stadt: Zu den Häuschen in der Siedlung Ebertal gehörten Gärten.
Dorf in der Stadt: Zu den Häuschen in der Siedlung Ebertal gehörten Gärten. Quelle: Städtisches Museum
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Göttingen

Das Häuschen der Arbeiterwohlfahrt am Lönsweg füllt sich schnell an diesem Nachmittag. Schließlich steht ein Erzählcafé an. Rund 100 ehemalige Bewohner berichten über das Leben im Ebertal, den Abriss der Häuser in den 60er Jahren und über ihr Leben in den 70ern und danach.

Gerechnet hat Annette Rehfus, Mitorganisatorin der Veranstaltung und Mitarbeiterin der freien Altenarbeit, mit weit weniger Teilnehmern. „Wir haben Stühle für 40 Personen besorgt, nun müssen wir noch einmal mindestens 40 oder 50 weitere Interessenten unterbringen“, freut sie sich.

Das Ebertal, das sich in etwa von der Himmelsbreite über den Bereich oberhalb der Wörthstraße zieht, entstand bereits ab August 1914. Im Ebertal – unterhalb des Lohberges – wurde ein Lager eingerichtet, in dem bis zu 10 000 Kriegsgefangene untergebracht waren. In den 50er Jahren lebten hier in Zeiten größter Wohnungsnot rund 1000 Menschen in 80 Baracken. „Die Baracken sahen aber nur von außen schäbig aus. Und den schlechten Ruf hat unser Ebertal auch nicht verdient“, erinnert sich ein ehemaliger Bewohner. Nach seinem Namen gefragt, erklärt er: „Eigentlich heiße ich Wolfgang Schwalm, aber schreib man lieber Ölli, Mädchen – sonst weiß keiner, dass ich es bin.“

Holzhäuser und Wege

Im Ebertal ist man per Du, hier nennt man sich beim Vornamen, egal, ob man sechs Jahre alt ist oder 86. Schwalm alias Ölli erzählt weiter: „Von außen waren die Häuschen holzverkleidet, innen waren die aber top: gemauert, mit Spültoiletten und allem Drum und Dran.“ Die Fotos, die im Laufe der Veranstaltung an die Wand projiziert werden, zeichnen ein ähnliches Bild: Holzhäuser und Wege reihen sich aneinander. Schmale Pfade schlängeln sich durch karge, aber gepflegte Gemüsegärten. Dazwischen sieht man hier ein paar Mülltonnen, da ein paar gespannte Wäscheleinen. Vor vielen Häusern sitzt man zusammen und schwatzt, Nachkriegsidylle erster Güte.

Auch Frieda Oberdieck wohnte im Ebertal, „schon seit 1947. Die Straße beim Milchladen runter. Unsere Kinder sind hier geboren, es war ein wunderschöne Zeit. Eine tolle Nachbarschaft und ein Zusammenhalt, den es heute nicht mehr gibt“, sagt die 87-Jährige wehmütig und streicht sich über die gepflegte Frisur. „Das war sozusagen ein eigenständiges Dorf“, sagt auch die ältere Dame, die neben Oberdieck sitzt und nippt an ihrer Kaffeetasse. Die Runde am Tisch pflichtet ihr bei – in der Barackensiedlung entwickelte sich eine ganz eigene Kultur mit sozialem Zusammenhalt, die auch über den Bestand der ehemaligen Siedlung hinaus weiter wirkte. „Ich würde sofort wieder einziehen“, schwärmt Obendieck. Man glaubt es ihr sofort. „Jeder hatte sein kleines, eigenes Reich mit Garten, und jeder hat jedem geholfen. Als wir gehen mussten, haben wir gemeinsam geweint“ sagt sie leise.

"Das war traurig"

Um der Wohnungsnot entgegenzuwirken, entstanden Ende der 60er Jahre Neubauten mit einer großen Zahl von Wohnungen, auch auf den Barackengrundstücken im Ebertal. Ölli, heute 73 Jahre alt, hat sogar helfen müssen, seine Heimat und das Zuhause seiner Nachbarn abzureißen. „Ich habe nebenbei in einer Baufirma gearbeitet und war beim Abriss dabei. Das war traurig. Die Bauern aus der Umgebung haben die Fenster und Türen mitgenommen – die konnte man ja noch gut gebrauchen. Und das Holz unserer Baracken wurde dann in den Öfen der Neubauten verbrannt.“

So ging der Traum vom eigenen Häuschen in Rauch auf. Doch viele ehemalige Ebertaler liebten und lieben heute noch ihre Siedlung, die engen nachbarschaftlichen Beziehungen und den Zusammenhalt der Bewohner. Im Gewusel der Erzählcafé-Besucher auf Sitzplatzsuche folgt eine Begrüßung auf die andere, viele haben sich seit dem Abriss der Baracken nicht mehr getroffen. Und so sitzen an diesem Nachmittag Menschen, die sich zum Teil 40 Jahre aus den Augen verloren hatten, dicht gedrängt an den Tischen, tauschen Erinnerungen aus und kommentieren die Bilder der Vergangenheit mit Lachen, Tränen oder spontanem Beifall.

Von Nina Winter