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Göttinger Zeitreise Dokumentarfilm "Göttingen unterm Hakenkreuz"
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19:30 18.11.2010
Von Matthias Heinzel
Schützen unterm Hakenkreuz: Umzug 1937.
Schützen unterm Hakenkreuz: Umzug 1937. Quelle: EF
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Wie begeistert viele Göttinger die Diktatur begrüßten, war bislang nur aus Büchern und von Fotos bekannt. Bis Uwe Fanelli Anfang 2008 in verschiedenen Archiven auf bis dahin vergessene Filmrollen stieß, die Göttingen zur Zeit vor dem Krieg zeigten. Die einzigartigen, bislang nie vorgeführten filmischen Dokumente belegen unter dem Titel „Göttingen unterm Hakenkreuz“, wie stark der Nationalsozialismus in den Jahren 1933 bis 1939 das Bild der Stadt Göttingen und das Selbstverständnis ihrer Menschen bestimmte.

Dazu gelang es den Filmemachern, trotz der weit zurückliegenden Zeit noch Zeitzeugen zu finden, die sich an ihr eigenes Erleben der NS-Zeit vor dem Krieg erinnern und die historischen Filmdokumente aus ihrer Sicht kommentieren. Das sei nicht leicht gewesen, sagt Uwe Fanelli: „Die 30er Jahre sind immer noch ein heikles Thema. Viele Jahrgänge, die als junge Erwachsene die Machtergreifung Hitlers erlebt haben, schweigen heute lieber immer noch, als sich öffentlich damit auseinanderzusetzen.“ Die Zeitzeugen der Jahrgänge 1912 bis 1927 berichten zu den heute beklemmenden Bildern, wie sich Göttingen bereitwillig den neuen Machthabern unterwarf. So schildert einer der Zeitzeugen, wie es den Nazis gelang, das traditionell „rote“ Grone braun einzufärben. Möglich machte das der Bau der Autobahn, der die vielen Arbeitslosen wieder in Beschäftigung brachte. Auch von diesem Großprojekt gibt es Filmaufnahmen zu sehen.

Überhaupt sorgten die Nazis für eine Fülle von Schau- und Propagandaveranstaltungen wie Aufmärsche, Appelle, Wehrmachtsvorführungen, Totengedenken und Paraden aller Art. Zu sehen sind unter anderem Aufmärsche zum 1. Mai mit SA, Arbeitsdienst und gleichgeschalteten Arbeiterverbänden, der Tag der SA auf der Weender Straße, der hakenkreuz-dekorierte Schützenumzug und der Einmarsch des dritten Kavallerie-Regiments – über allem weht die Hakenkreuzfahne auf dem Göttinger Rathaus. Zu sehen ist auch, wie im Jahr 1937 Uniformen und anderer NS-Pomp die 200-Jahr-Feier der Universität Göttingen prägte. Immer, so der Eindruck auf dem umfangreichen historischen Filmmaterial, wird marschiert und gesungen. Einige der Zeitzeugen schildern anschaulich, wie sie sich damals der Faszination durch einen Hakenkreuz-Fahnenrausch, neues nationalistisches Selbstbewusstsein und das Aufgehen in der Gemeinschaft nicht entziehen konnten.

Und auch das finsterste Kapitel der NS-Zeit findet Erwähnung: Augenzeugen berichten, wie Benzin in die Göttinger Synagoge geschleppt wurde, wie die Feuerwehr das Niederbrennen beaufsichtigte und wie später jüdische Bürger aus dem Stadtbild verschwanden. Zeitzeugen erzählen von ihren Freundschaften mit Göttinger Juden – die dann in ergreifenden Bildern zu sehen sind, wie ihnen auf dem Transport in die Konzentrationslager bereits in Hildesheim die Wertsachen abgenommen werden. Die originalen 16-Millimeter-Filmrollen wurden für die Dokumentation restauriert und professionell digitalisiert. Der Film habe nicht das Ziel, die Nazizeit umfassend aufzuarbeiten, sagen die Fanellis, aber er solle „das perfide System dieser Zeit offenlegen“. Das gelingt unter anderem durch die Vertonung der Aufmärsche mit Originalmusik aus den 30er Jahren. „Damit“, meint Uwe Fanelli, „wird die uniforme Durchdringung des öffentlichen Lebensraumes massiv vorgeführt.“

Premiere hat der Film am Sonntag, 21. November, um 11 Uhr im Cinemaxx. Nach der Premiere wird der 53-minütige Film auch auf DVD zu kaufen sein. Erhältlich ist er montags bis freitags in der Geschäftsstelle des Göttinger Tageblatts, Jüdenstraße 13c, zum Preis von 14,90 Euro und im Göttinger Buchhandel. Im Cinemaxx sind Karten für die Premiere im Vorverkauf erhältlich.

Aufnahmen gesucht

Für die Geschichtswerkstatt „Göttinger Zeitreise“ des Tageblattes, des Stadtarchivs und Städtischen Museums Göttingen werden noch Filmaufnahmen aus den 60er Jahren und folgenden Jahrzehnten gesucht. Infos unter Telefon 05 51 / 90 17 66, per E-Mail an redaktion@goettinger-tageblatt.de.