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Göttinger Zeitreise Ein Reisender durch Zeit und Raum – begleitet von der Musik
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19:44 25.11.2011
Von Nadine Eckermann
Zeitreise mit Gunter Hampel: Auch mit 74 Jahren ist der Jazzer nach wie vor im Musikgeschäft tätig – wie schon Ende der 60er Jahre, als er sein Label „Birth Record“ gründete. Quelle: Hinzmann
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So muss das Leben eines Weltstars wohl sein: von einem Termin zum nächsten hetzen, durch die Welt jetten und zwischendurch die Fragen von Journalisten beantworten. Es ist das Leben von Gunter Hampel. Der Jazzmusiker ist mit 74 Jahren weit davon entfernt, sich zur Ruhe zu setzen. Schon der Raum, in dem er einen Platz anbietet, zeugt davon: CDs stapeln sich auf einem Tisch, auf dem Boden stehen Plattenkisten und Koffer für weitere Tonträger. An den Wänden lehnen großformatige Bilder, die Hampel gemalt hat. Kleinteilige, knallbunte Motive.
Auf einem altmodischen Teppich ist Platz für vier Sitzgelegenheiten, in der Mitte ein Tisch, übersäht mit Flyern, Katalogen und Bildern verschiedener Plattencover. Unter den wild verteilten Zetteln: das Schwarz-Weiß-Bild, das die legendäre „The 8th of July“ prägt, die Platte, mit der Hampel 1969 sein eigenes Label „Birth“ gegründet hat – und ein Meilenstein in der Geschichte des europäischen Jazz. 1969 war auch das Jahr, in dem Hampel Göttingen verließ – ohne jedoch jemals der Stadt den Rücken zuzukehren. „Göttingen ist mein Zuhause, nach wie vor“, sagt er, „selbst wenn mein Arbeitsplatz der Globus ist.“

Aufgewachsen ist Hampel am Maschmühlenweg. Die Eltern führten einen Dachdeckerbetrieb, eine kleine Firma mit wenigen Mitarbeitern. „Mein Vater war eigentlich kein Dachdecker, sondern ein Musiker“, erinnert sich Hampel. „Wenn er Klavier gespielt hat, ist die Sonne aufgegangen, auch wenn es geregnet hat.“ Aus seiner Begabung konnte er nie mehr als ein Hobby machen.

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Im Zweiten Weltkrieg übernahm die Mutter die Firmengeschicke, erinnert sich Hampel. In ihrem Beisein erlebte er, wie Bomben über dem Henschel-Werk in Kassel abgeworfen wurden, in dem seinerzeit Panzer vom Typ „Tiger“ hergestellt wurden. „Ich schrie, meine Mutter fiel in Ohnmacht“, schildert er ein Ereignis, das sich in seiner Erinnerung eingebrannt und seine politische Einstellung geprägt hat. Hampel wurde Pazifist. Zur Bundeswehr musste er dennoch. Wie er hätte verweigern können, erfuhr er erst während des Wehrdienstes.
Hampel war neun Jahre alt, als die Amerikaner in Göttingen einmarschierten. Ein Glücksfall für den Jungen, wie sich später herausstellte, in einer von Leid und Entbehrungen geprägten Zeit. Denn nur deswegen konnte er einen Schlüsselmoment erleben, der von großer Bedeutung sein sollte: „Irgendwann stand ein schwarzer GI auf unserem Hof. Ich lief mit meinem Akkordeon herum und spielte irgendeine Melodie“, berichtet Hampel. Der GI habe seine Gitarre geholt, die Akkorde zu dem herausgehört, was das Kind spielte und sei mit eingestiegen. „Damals hatte ich meinen ersten Jam.“

Der Jazz war in Deutschland angelangt und hatte Hampel schon als Kind ergriffen. Seine erste Band gründete der 1937 geborene Göttinger im Jahr 1953. Dennoch sollte er, so der Wunsch des Vaters, nicht Musiker werden, sondern Architektur studieren. „Brotlose Kunst“, lautete der Einwand. Hampel gehorchte. Er ging nach Braunschweig, um dort zu studieren. Doch bei aller Liebe zur Architektur, die in ihm noch immer vorhanden sei: Der Wunsch nach einem Leben als professioneller Musiker blieb. Er erfüllte ihn sich 1958.
Allerdings behielt der Vater in einer Sache recht: Reich wurde Hampel nicht mit der Musik. Doch wie heute auch noch, sah er auch damals schon die Musik nicht als einen Beruf zum Geldverdienen, sondern als Berufung.
Mit dem Album „Heartplants“ ging Hampel erstmals Wege, die in der späteren Musikkritik als „erste Versuche eines europäischen Jazz“ bezeichnet werden. Gemeinsam mit anderen beschloss er, einen Treffpunkt für Jazzer in Göttingen einzurichten – mit einer Tanzfläche, denn die Musik sollte mitreißen und zum „Mitmachen“ animieren. Das „Centre“ am Rosdorfer Weg entstand. Auf einer ehemaligen Kegelbahn richteten die jungen Künstler mithilfe einiger ausgedienter Sofas und ein paar Kerzen in Weinflaschen einen Raum ein, der in den kommenden Monaten eines der wichtigsten Kulturzentren werden sollte. Neben Hampel traten dort und im Jungen Theater, das seinerzeit eng mit dem „Centre“ verbandelt war, unter anderem die Autoren Peter Rühmkorf und Peter Handke, aber auch der spätere Komponist der Tatort-Melodie Klaus Doldinger auf.