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Göttinger Zeitreise Folge 1: Hermann Föge – Stationen seines Lebens
Thema Specials Göttinger Zeitreise Folge 1: Hermann Föge – Stationen seines Lebens
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15:53 09.01.2014
Familienbild aus einem Göttinger Atelier: Eheleute Föge mit der ersten Tochter Anneliese um 1924. Quelle: Repros Hinzmann
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Göttingen

In zwei Teilen zeichnet die  Tageblatt-Zeitreise das Leben des Politikers nach. Heute: Hermann Föge – Stationen bis zur Machtergreifung Hitlers 1933.

Das deutsche Kaiserreich, Erster Weltkrieg, die Weimarer Republik, Hitlers Machtergreifung, Zweiter Weltkrieg und die Neuordnung nach Kriegsende, die Gründung der Bundesrepublik Deutschland und das Entstehen der DDR – als Hermann Föge 1963 starb, hatte er viele epochale Ereignisse Deutschlands erlebt. Politisch aktiv war er ab 1919 und blieb es bis zu seinem Tod.

Geboren wurde Hermann Johannes Föge 1878 als erstes von fünf Kindern in Schleswig. Seine Eltern – der Architekt Hermann Martin Föge und dessen Frau Helen – zogen nach Hermanns Geburt nach Goslar. Nach Göttingen kam Föge 1909. Er ließ sich als Rechtsanwalt in der Weender Straße nieder.

1919 erhielt er auch ein Notariat. Zuvor hatte er sich – gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Heinrich – an der Universität in Berlin für Jura eingeschrieben und arbeitete unter anderem als Pressestenograph im preußischen Abgeordnetenhaus. Nach dem Studium war er als Referendar in Aurich, Goslar und Celle tätig.

Das frisch vermählte Paar

Dann übernahm er ein Richteramt in Gieboldehausen. Während des Ersten Weltkriegs wurde Föge als Landessturmmann eingezogen und war zuletzt in der Geschützgießerei Spandau eingesetzt. 1918 kehrte Föge nach Göttingen zurück, nahm seine Tätigkeit als Anwalt wieder auf  und wurde als Vertreter der Deutschen Demokratischen Partei – der späteren Deutschen Staatspartei (DStP) – Mitglied des Göttinger Bürgervorsteherkollegiums (heute Stadtrat).

Im Sommer 1919 lernte Föge während eine Urlaubs auf der Nordseeinsel Borkum Anna Lydtin kennen. Föge – bereits 41 Jahre alt und noch immer unverheiratet – verliebte sich in die Lehrerin aus Baden-Baden und heiratete sie bereits Weihnachten im gleichen Jahr.

„Meine Mutter hat oft geschildert, wie sie von Baden-Baden bis Goslar drei Tage lang bei Winterkälte mit einer Weihnachtsgans auf der Eisenbahn unterwegs war“, schreibt Föges Tochter Anneliese in ihren Erinnerungen. Das frisch vermählte Paar bezog vorerst eine Erkerwohnung im Düsteren Eichenweg 19 und kaufte 1924 das Haus Nummer 3 im Hohen Weg – dem heutigen Hermann-Föge-Weg. Tochter Anneliese kam 1922 zur Welt, Tochter Gisela folgte 1928.

Ab 1930 war Föge auch Mitglied des hannoverschen Provinziallandtages und dort Vorsitzender der DStP-Fraktion. Außerdem lief die Anwalts- und Notarpraxis gut, die Mandate erstreckten sich über das gesamte Harzgebiet, so dass der Familienvater oft wochenlang unterwegs war. „Mein Großvater muss ein liebevoller und humorvoller Mann gewesen sein“, sagt Beate Ahlborn, die Enkelin Föges.

Hermann Föge war Anwalt, Ratsherr und zweimal Oberbürgermeister von Göttingen:tationen seines Lebens. ©Föge/Repros Hinzmann

Ihre Mutter habe ihr erzählt, dass der Politiker Föge viel beschäftigt und deshalb selten daheim bei der Familie gewesen sei. „Er hat dann Karten geschickt – aber nicht irgendwelche“, erinnert sich die Enkelin an die Erzählungen ihrer Mutter. Föge suchte Fotografien heraus, auf denen er mit vielen anderen Personen abgelichtet worden war – ob als Fünfjähriger im Strandurlaub oder als einer von zig Teilnehmern einer Stadtrundfahrt.

Dann funktionierte er das Bild zur Postkarte um, schrieb die Heimatadresse darauf und stellte seinen zuhause wartenden Töchtern die Frage: „Wo ist Vaterlein?“ Die Mädchen mussten dann raten, welche der vielen Personen wohl der mittlerweile Mitte Fünfzigjährige ist.

„Mein Vater war sehr still und verschlossen, wurde eigentlich nur im Plädoyer oder in der Politik lebhaft[...]Im Gegensatz zu meiner Mutter war er auch total unmusikalisch, Frisia non cantat, pflegte er zu sagen“, erinnert sich Anneliese Föge.

Die Machtübernahme Hitlers am 30. Januar 1933 brachte einschneidende Veränderungen für Familie Föge. „Noch heute sehe ich meine Mutter – seit 1919 Mitglied der Deutschen Staatspartei – beim Lesen der Göttinger Zeitung empört ausrufen: Nun hat der Hund (Hitler) es doch erreicht“, ist in den Erinnerungen von Anneliese Föge zu lesen.

„Mit den Händen in den Hosentaschen“

Auch die politische Betätigung des Vaters sei zunehmend eingeschränkt worden. Föge, der als Vertreter der DDP im hannoverschen Provinziallandtag 1930 an einer Koalition mit der NSDAP beteiligt war, verweigerte sich der Machtergreifung Hitlers und protestierte – zum Beispiel im Göttinger Bürgervorsteherkollegium.

Am 31. März 1933 tagte das neu gewählte Gremium erstmals. Die Fraktion der NSDAP, die 20 Sitze errungen hatte, erschien in SA-Uniform mit Hakenkreuzbanner. Die Ladung der Kommunisten war verboten worden, der gewählte Vertreter der KPD, Adolf Reinecke, zudem inhaftiert.

Als der Alterspräsident des Bürgervorsteherkollegiums, Hermann Alberti (seit 1922 NSDAP-Mitglied) seine Eröffnungsrede zu einem Rundumschlag gegen den sogenannten „Novemberstaat“ nutzte, hörten sich die Sozialdemokraten die mit Drohungen gegen sie versehene Ansprache schweigend an. Föge jedoch verließ während der Rede demonstrativ den Saal, „mit den Händen in den Hosentaschen“, wie das Göttinger Tageblatt entrüstet bemerkte.

Von Nina Winter

Die Zeitreise ist ein Geschichtsprojekt des Tageblattes und der Stadt Göttingen. Derzeit werden Filme und Fotos gesucht. Kontakt: per E-Mail an redaktion@goettinger-tageblatt.de und Telefon 05 51 / 90 17 66.

In der nächsten Zeitreise-Folge geht es um die Stationen im Leben Hermann Föges bis zu dessen Tod.