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Göttinger Zeitreise Folge 2: Hermann Föge – Stationen seines Lebens
Thema Specials Göttinger Zeitreise Folge 2: Hermann Föge – Stationen seines Lebens
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15:54 09.01.2014
Blick über den Brillenrand: Föge telefoniert in seinem Büro. Woher die Verletzung am Ringfinger stammt, ist nicht bekannt. Quelle: Repro Hinzmann
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Göttingen

Die nationalsozialistische Politik griff nach der Reichstagswahl 1933 massiv in das Leben der Bürger Deutschlands ein. Auch die Göttinger bekamen dies zu spüren. Hermann Föge machte aus seiner liberalen politischen Haltung nie einen Hehl und betreute als Anwalt auch jüdische Mandanten.

„Wahlen waren nicht mehr geheim, so dass meine Eltern zur Wahl an Orte fuhren, wo sie unbekannt waren“, schreibt Anneliese, die Tochter Hermann Föges, in ihren Erinnerungen. „Man sagte schließlich, dass im Göttinger Ostviertel nur noch drei Herren den Mut hätten, mit dem Hut zu grüßen: ein alter Arzt, ein alter General und mein Vater.“

Nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938 musste Föge die große Anzahl seiner jüdischen Mandanten – meist angesehene Geschäftsleute – heimlich beraten. Direkt verfolgt wurde Föge deswegen aber nie und konnte seine Praxis deshalb bis 1945 weiterführen.

„Im März/April 1945 wartete man allen Durchhalteparolen zum Trotz auf den Einmarsch der amerikanischen Truppen. In letzter Minute wurde Göttingen ohne weitere Kämpfe übergeben und man war erleichtert, irgendwie befreit“, erinnert sich Anneliese Föge an die letzten Kriegstage.

Mit 67 zum Oberbürgermeister ernannt

Wenige Tage nach der Besetzung drängten die Amerikaner auf Einsetzung eines deutschen Verwaltungschefs für die Stadt. Aus vier Göttinger Persönlichkeiten – darunter auch Hermann Föge – wählte man den ledigen Amtsgerichtsrat Erich Schmidt aus.

Als wenig später die Engländer Göttingen besetzten und die zweigleisige Gemeindeverwaltung einführten, wurde Erich Schmidt Oberstadtdirektor – und Hermann Föge wurde 67-jährig zum Oberbürgermeister ernannt.

Im November 1945 bereiteten die Alliierten in Nürnberg die Kriegsverbrecherprozesse vor. „Verwandte des Generalfeldmarschalls Keitel waren an meinen Vater wegen dessen Verteidigung herangetreten“, schreibt Anneliese Föge.

„Als sich die Sache zerschlug, war er wohl sehr froh [...], zumal sich die anwaltliche Tätigkeit nach dem Krieg auf neue Gebiete wie Entnazifizierungsverfahren und Rückerstattungsprozesse um jüdisches Eigentum ausdehnte.“

Ausstrahlung und Unbestechlichkeit

Gegen Ende des Jahres 1945 begannen sich die Parteien neu zu formieren. Die Göttinger Liberalen traten erstmals am 20. Januar 1946 an die Öffentlichkeit und trugen – unter Federführung Föges – den 26. März 1946 als Gründungsdatum der neuen FDP in Göttingen ein. 

Da er politisch unbelastet war, stieg Föge schnell zu einem der führenden Politiker der neu gegründeten FDP in Niedersachsen auf, von 1947 bis 1955 war Föge Fraktionsvorsitzender im Niedersächsischen Landtag. Föges Liberalismus war immer stark national-konservativ gefärbt, manchmal stieß er wegen seiner reaktionären Ansichten auf Unverständnis.

Seine Forderung nach Pensionszahlung an ehemalige Wehrmachtsangehörige und Beamte des NS-Staates begründete er unter anderem mit einem Hinweis auf die Entschädigungszahlen für die Opfer des Faschismus.

Nach seiner Wahl zum Göttinger Oberbürgermeister 1948 erwarb sich Föge durch seine Ausstrahlung und die Unbestechlichkeit während seiner Amtsführung breite Anerkennung. Von sich selbst behauptete er, „ich repräsentiere Göttingen“.

Hermann Föge war Anwalt, Ratsherr und zweimal Oberbürgermeister von Göttingen:tationen seines Lebens. ©Föge/Repros Hinzmann

1949 gehörte Föge der ersten Bundesversammlung in Bonn an, die aus den Bundestagsabgeordneten und aus von den Landtagen entsandten Vertretern bestand und Theodor Heuss (FDP) zum ersten Bundespräsidenten wählte.  Für Föge ein Tag großer Genugtuung, wie sich seine Tochter Anneliese erinnert.

Bei der Landtagswahl 1955 verlor Föge sein Direktmandat an den SPD-Kandidaten Peter von Oertzen. Als die FDP dann bei der Kommunalwahl 1956 hohe Verluste erlitt, gab Föge das Amt des Oberbürgermeisters an Gottfried Jungmichel (FDP) ab und zog sich aus der Politik zurück.

Es folgten Ehrungen seines Lebenswerks: Bereits 1954 war der Hohe Weg, in dem sich das Wohnhaus der Familie Föge befand, in Hermann-Föge-Weg umbenannt worden. Am 1. März 1957 verlieh ihm die Stadt Göttingen die Ehrenbürgerwürde, 1962 erhielt er die Pütter-Medaille der juristischen Fakultät der Georg-August-Universität, 1963 bekam Föge den Niedersächsischen Verdienstorden.

1953 wurde ihm bereits das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland verliehen. „Die Geburtstage zur Vollendung des 75., 80. und 85. Lebensjahres waren Anlässe zu festlichen Empfängen und vielerlei Ehrungen, die mein Vater trotz aller Bescheidenheit dankbar und nicht ohne Stolz über sich ergehen ließ“, schreibt Anneliese Föge in ihren Memoiren.

Bei Dunkelheit und strömendem Regen

Anfang 1963 beschäftigte sich der Stadtrat mit den Neuordnungsproblemen des Göttinger Raums. „Sollte die Stadt in Zukunft kreisfrei oder dem Kreise angegliedert sein? Eine Frage, für die sich mein Vater im wahrsten Sinnen bis zu letzt eingesetzt hat“, schreibt Föge-Tochter Anneliese.

Am Abend des 10. Oktober 1963 will Föge noch schnell vor Redaktionsschluss einen Aufsatz zu diesem Thema beim Göttinger Tageblatt – damals befand sich die Redaktion noch in der Prinzenstraße – abgeben.

Beim Überqueren der Weender Straße – dort hatte Föge seine Kanzlei – geriet er bei Dunkelheit und strömendem Regen unter ein Auto und wurde schwer verletzt. Das Tageblatt druckt die Unfallmeldung am darauffolgendem Tag neben Föges Aufsatz ab. Am 21. Oktober erlag Föge seinen Verletzungen und starb an den Folgen des Verkehrsunfalls.

Von Nina Winter