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Göttinger Zeitreise Seit 1951 pflegen Göttingen und Cheltenham eine Partnerschaft
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18:50 24.07.2013
Von Katharina Klocke
April 1955: Honoratioren aus Cheltenham werden bei ihrem ersten Besuch in Göttingen von ihren Göttinger Kollegen empfangen.
April 1955: Honoratioren aus Cheltenham werden bei ihrem ersten Besuch in Göttingen von ihren Göttinger Kollegen empfangen. Quelle: Stadt Göttingen
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Göttingen

Schon über den Soldaten-Club Talbot-House hatte es wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges erste Kontakte zwischen Angehörigen der britischen Besatzungsmacht und der deutschen Bevölkerung gegeben. Die britische Militärregierung setzte aber vor allem auf die Jugendarbeit um die Hürden der Vergangenheit zu überwinden. Den Kontakt zur englischen Stadt Cheltenham, gelegen in der Landschaft Cotswolds, vermittelte schließlich für das Kulturinstitut „Brücke“ Raymond Charles McDermott, in einer städtischen Broschüre als „Vater der Partnerschaft“ bezeichnet. 

Jugendliche schienen als Botschafter der Freundschaft geeignet, weil sie weder Mitwisser noch Täter faschistischer Verbrechen waren.  Mitte Juli 1951 reiste die erste Jugendgruppe – Lehrlinge und Schüler – über den Ärmelkanal. Initiator in Göttingen war Studienrat Erwin Helms, Lehrer am Felix-Klein-Gymnasium, später als „Pionier“ des Austauschs geehrt. Zwei Monate später folgte ein Gegenbesuch – der Beginn eines regen Austausches zwischen jungen Menschen beider Städte.

„Ich war vorher schon beim Schüleraustausch in Holland“

Gleich im zweiten Jahr schloss sich der 17-jährige Jens-Peter Suhr einer Jugendgruppe an. Suhr war bereits reiseerfahren. „Ich war vorher schon beim Schüleraustausch in Holland“, erzählt der Weender. Die vom Institut „Brücke“ organisierte Fahrt umfasste einen zweiwöchigen Aufenthalt in Cheltenham, gefolgt von einer Woche London. „So wird sich nicht nur der Gesichtskreis unserer Jungen und Mädchen weiten, sondern gleichzeitig ein Beitrag zur Völkerverständigung geleistet werden“, schrieb das Göttinger Tageblatt am 4. Juli, knapp eine Woche vor Abreise der 30 jungen Göttinger.

Austausch und Bürgerreisen: Seit 1951 pflegen die Städte Göttingen und Cheltenham eine Partnerschaft.

Untergebracht war Suhr bei Familie Marland in einem Vorort namens Bishop‘s Cleeve, „da war ein Haus wie das andere“, erinnert er sich. „Aber die Familie war sehr nett.“ Gut gefallen haben ihm in Cheltenham „die gepflegten Parks und Gärten – und die legendäre Höflichkeit der Briten. Positiv in Erinnerung geblieben ist ihm von diesem ersten Ausflug in den Badeort auch „die Disziplin der Engländer beim Anstehen“ und ihre  Freundlichkeit gegenüber den jungen Gästen. Die Fotografien mit seiner Gastfamilie und schöne Motive aus der Gartenstadt Cheltenham bewahrt er noch in einem Fotoalbum auf.

Begegnungen Jugendlicher in beiden Städten

Vier Jahre nach Start des Jugendaustausches besuchte im April 1955 die erste offizielle Abordnung aus Cheltenham die Stadt Göttingen. Oberbürgermeister Hermann Föge und Oberstadtdirektor Hellmuth Kuß empfingen ihre Cheltenhamer Kollegen. Im Sommer und Herbst wurden erneut Begegnungen Jugendlicher in beiden Städten organisiert – in Göttingen endete der Aufenthalt der jungen Engländer mit einem „festlichen Abend in der Rathaushalle“. Im Jahr darauf erwiderten Göttinger Honoratioren den Besuch der Cheltenhamer Stadtspitze.

Fast zwei Jahrzehnte lang blieb es beim Jugendaustausch und gelegentlichen Besuchen von Stadtvertretern. Ab 1966 entwickelte sich die Partnerschaft nahezu stürmisch: Sportler kamen hinzu, Musiker, Chöre, Vereine, ganze Berufsgruppen, Schulen und Studenten nahmen Kontakt auf. In den 70er-Jahren wurde die Liste der jährlichen Partnerschaftsaktivitäten immer länger. Cheltenham erlebte eine friedliche Invasion von Göttinger Bürgern. 1976 wurde in Göttingen das 25-jährige Jubiläum mit einem Festival begangen. Ähnliche Feiern finden seitdem im Zweijahresabstand statt – in Cheltenham oder in Göttingen.

Freundschaft mit einem englischen Ehepaar

Rund 30 Jahre vergingen, bis der Weender Suhr Gloucestershire nach seiner Reise 1952 wieder besuchte. Anfang der 80er-Jahre machte der Architekt mit seiner Familie eine Bürgerreise nach Cheltenham mit. Seitdem besuchte das Ehepaar Suhr die Partnerstadt annähernd ein Dutzend Mal. Es schloss Freundschaft mit einem englischen Ehepaar, mit dem es sich über Jahrzehnte immer wieder traf. Oft pflegten die Familien ihre Kontakte auch während privat organisierter Urlaubsreisen. Morgen schließt sich Jens-Peter Suhr aber wieder einer Bürgergruppe aus Göttingen an – um am großen Göttingen-Festival in Cheltenham teilzunehmen.

► Die Zeitreise ist ein Geschichtsprojekt des Tageblattes und der Stadt Göttingen. Kontakt: per E-Mail an redaktion@goettinger-tageblatt.de und Telefon 05 51 / 90 17 66.