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Göttinger Zeitreise Tageblatt-Zeitreise: 25 Jahre Städtepartnerschaft Göttingen mit der Lutherstadt Wittenberg
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00:18 18.08.2013
Von Britta Eichner-Ramm
Mit Findbuch für Wittenbergs Archiv-Schätze: Göttingens ehemalige Stadtarchivarin Helga-Maria Kühn. Quelle: Hinzmann
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Göttingen

Eisenhüttenstadt und Saarlouis waren 1986 die ersten Partner zwischen Ost und West. Im März 1989 gab es bereits 38 Städtepartnerschaften – darunter Wittenberg und Göttingen.

Nur zweite Wahl

Die Lutherstadt an der Elbe war für Göttingen nur zweite Wahl, denn mit Blick auf Händel hätten sich die Göttinger eigentlich Halle an der Saale als Partnerstadt gewünscht. „Aber die hatten schon Karlsruhe“, erinnert sich Göttingens Stadtsprecher Detlef Johannson. Von den DDR-Verantwortlichen wurde Wittenberg bestimmt. „Ein erstes Abtasten“ und Gespräche zwischen den Vertretern der Kommunen hüben wie drüben folgte, so Johannson.

Im Januar 1988 weilte eine Abordnung der künftigen Partnerstadt, angeführt vom damaligen Wittenberger Stadtrat für Kultur, Hans Schmidt, zu Gesprächen in Göttingen. Laut Tageblatt-Berichterstattung waren diese getragen von dem Willen, „durch Verbindung zweier Städte, die souveränen Staaten angehören, den Frieden sicherer zu machen“. Der Gegenbesuch der Göttinger Delegation aus Rat und Verwaltung unter Leitung des damaligen Oberbürgermeisters Artur Levi (SPD) in Wittenberg folgte im März 1988. „Fünf Stunden dauerte die Reise (...) von Deutschland nach Deutschland“, berichtet das Tageblatt seinerzeit. Auch die Tageblatt Mitarbeiter Michael Grabicki und Bernd Beuermann begleiteten die Offiziellen. Vom Empfang im Dienstzimmer des Wittenberger Bürgermeisters Klaus Lippert beschrieb Grabicki seine Beobachtung: „... mit den eindrucksvollen drei Telefonapparaten auf dem Schreibtisch.“ Damals sei die Vergangenheit das prägende Element der Elbestadt gewesen: „Ein Porträt von Luther fehlt im Amtszimmer von Bürgermeister Klaus Lippert ebenso wenig wie eines des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker.“

Erkundung der Stadt

Sowohl die Göttinger Delegation mit Levi, Oberstadtdirektor Hermann Schierwater und den Ratsmitgliedern Petra Sommerlade, Werner Freiberg und Karl Eckhold als auch mehrere Göttinger Journalisten erkundeten die Stadt an der Elbe, sammelten unter steter Beobachtung offizieller Begleiter Eindrücke. Etwa von unglaublichen Preisdifferenzen, über die die Tageblatt-Leser informiert wurden: „Alles, was auch nur den Hauch von Luxus trägt, ist unglaublich teuer. Der Farbfernseher kostet 6260 Mark.“ Das subventionierte Brötchen bekamen die Wittenberger schon für fünf Pfennig.

Unter Aufsicht von Kurt Opitz, damals Ansprechpartner der West-Journalisten, befragten diese einige Wittenberger zur Partnerschaft. Die Reaktionen waren durch „freundliche Skepsis“ geprägt. So zitierte das Tageblatt einen 36-jährigen Gruppenleiter für Arbeitsorganisation: „Für mich oder meine Frau wird sich wohl kaum etwas ändern. Etwa so, daß wir öfter in die Bundesrepublik reisen können.“ Ein Chemiker sagte: „Partnerschaft ist eine prima Sache. Was daraus wird, liegt an uns.“

Die Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrages zwischen Wittenberg und Göttingen erfolgte schließlich im Mai 1988 mit erneuten Besuchen an Leine und Elbe. Detlef Johannson und Ulla Borchard, damals Chefin des städtischen Amtes für Partnerschaften, waren in Wittenberg zum offiziellen Akt dabei. Sehr langwierig sei die Ratifizierung in der Wittenberger Stadtverordnetenversammlung gewesen, erinnert sich Borchard, „weil jeder Ratsherr einzeln seine Zustimmung geben musste“. Wenige Tage zuvor in der Sondersitzung des Göttinger Rates ging laut Tageblatt-Berichterstattung das Ganze deutlich schneller – einstimmiger Beschluss und vier Minuten später dann die Unterzeichnung des Vertragswerkes durch Schierwater, Levi und den Wittenberger Bürgermeister Klaus Lippert.

Von Mai 1988 bis November 1989 habe sich nicht so furchtbar viel getan, resümieren Johannson und Borchard. Mit dem Mauerfall hätten die Wittenberger zunächst angefangen, sich intensiv mit sich selbst zu beschäftigen. Im März 1990, die Tage der DDR waren inzwischen gezählt, wurde unter Borchards Federführung die erste große Bürgerreise von Göttingen nach Wittenberg organisiert. Mehr als 600 Menschen reisten mit dem „Martin-Luther-Express“ in ihre Partnerstadt. „Diese Bürgerreise war eines der eindrucksvollsten Erlebnisse“, bilanzieren Borchard und Johannson heute die 25-jährige Städtepartnerschaft. Viele Kontakte, die damals entstanden, seien bis heute geblieben. Zum Gegenbesuch im September des selben Jahres veranstalteten die Göttinger Gastgeber eine Party im Zentralen Hörsaalgebäude der Uni für die rund 560 Wittenberger.

Spontane Fahrten möglich

Mit der Wiedervereinigung waren spontane Fahrten möglich geworden. „Anfang der 90er-Jahre begann dann die ganz konkrete Aufbauhilfe“, erinnert sich Johannson. Immer wieder seien städtische Verwaltungsmitarbeiter nach Wittenberg gefahren. Und nicht nur die, auch die Städtische Wohnungsbau, die Stadtwerke und die Sparkasse Göttingen engagierten sich in der Partnerstadt. Stattliche finanzielle Hilfe gab es etwa durch Spendenaktionen. So sammelten die Göttinger für die vom Tageblatt initiierte Hilfsaktion 100 000 Euro für die Menschen in ihrer Partnerstadt, die im August 2002 vom Elbe-Hochwasser betroffen waren.

Eine, die Anfang der 90er-Jahre immer wieder nach Wittenberg fuhr, war Helga-Maria Kühn. Die damalige Göttinger Stadtarchivarin kümmerte sich um den Aufbau eines Archivs in Wittenberg. Die Stadt Göttingen hatte eigens zwei Wohnungen angemietet, in der die westdeutschen Verwaltungsleute während ihrer Aufenthalte in Wittenberg wohnten. Auch Kühn nutzte diese Möglichkeit. „Viele Kollegen aus der Stadtverwaltung sind damals selbstlos rübergegangen“, sagt die Historikerin. „Aus Freude, endlich wieder vereint zu sein, und weil wir helfen wollten.“

Ernüchternde Bestandsaufnahme

Kühns erste Bestandsaufnahme in Wittenberg war ernüchternd. Nur eine Frau sei für das gesamte Archivwesen zuständig – und wie Kühn meint, damit völlig überfordert gewesen. „Man kann nicht mit einem Teelöffel einen Teich ausheben“, kommentiert Kühn. Viel schockierender sei für sie jedoch gewesen, wie die Archivalien in der Partnerstadt aufbewahrt wurden. „Die fantastischsten Bestände dieser geschichtsträchtigen Stadt“ lagerten im Turm des Schlosses – „das Archiv war eine Rumpelkammer“, beschreibt sie die Situation, die sie damals vorfand.

Kostbarkeiten wie acht Bände Urbare (Verzeichnisse über Besitzrechte, Grundsteuerbücher, Lagepläne, Aufzeichnungen über die Statuten und Privilegien der Stadt und anderes mehr) aus der Zeit von 1716 bis 1735 hätten dort ungeschützt vor Licht, Temperaturschwankungen und Feuchtigkeit gelegen. Auch an die in den selben Räumen abgestellten Blumenkübel mit alter Erde, Fahrräder und anderes Gerümpel denkt Kühn heute nur noch mit Kopfschütteln. Die Stadt Wittenberg habe kein Verständnis gezeigt, als die Göttinger Archivarin etwa von sachgemäßer, klimatisch einwandfreier Lagerung und von Tintenfraß, von schadhaften Buchblöcken oder zerstörten Einbänden sprach.

Von 1991 bis 1994 habe sie zunächst einmal die Bestände erfasst und vorübergehend im Göttinger Stadtarchiv sicher zwischengelagert. Auch ließ sie Mikrofilme der Wittenberger Archiv-Schätze erstellen.

Enttäuscht von der Reaktion der Verwaltung

Rückblickend ist die Historikerin „enttäuscht von der Reaktion der Verwaltung, die kein Archivbewusstsein und kein Verständnis für die Kostbarkeiten hatte“. Mittlerweile hätten die Wittenberger ihre in Göttingen zwischengelagerten Archivalien wieder abgeholt, so Kühn. Sie hofft, dass die Partnerstadt einige Exponate ihres historischen Erbes zum Luther-Jahr 2017 (500 Jahre Reformation) angemessen präsentiert. „Das ist ein Pfund, mit dem sie wuchern könnten“, ist sich die Göttingerin sicher. „Aber ich befürchte, die werden vergessen haben, dass sie das haben“, ergänzt sie. Das Findbuch, das Kühn seinerzeit anlegte, könnte den Wittenbergern beim Wiederfinden ihrer Archivschätze helfen.

Die Zeitreise ist ein Geschichtsprojekt des Tageblattes und der Stadt Göttingen. Derzeit werden Filmaufnahmen und Fotos vor allem aus den 80er-Jahren gesucht. Kontakt: per E-Mail an redaktion@goettinger-tageblatt.de und Telefon 05 51 / 90 17 66. Internet: goettinger-zeitreise.de.