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Göttinger Zeitreise Vater der Atombombe wohnte am Hiroshimaplatz
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18:39 05.08.2011
Von Jörn Barke
„Zerstörer der Welten“: Julius Robert Oppenheimer im Jahr 1958.
„Zerstörer der Welten“: Julius Robert Oppenheimer im Jahr 1958. Quelle: AP
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Über diese seltsame Verbindung von Orten ist der Physik-Doktorand Georg Herink gestolpert, als er über das Leben des berühmten Physikers recherchierte. Bei der Benennung 1992 sei offenbar nicht bekannt gewesen, dass Oppenheimer früher fast ein Anwohner des Platzes war, der nun an die Schrecken des Atomkrieges erinnern soll.

Der 1904 in New York geborene Oppenheimer kam im Oktober 1926 zum Studium nach Göttingen, wo die Universität im Bereich der Naturwissenschaften Weltruf genoss. Ihn zog es, wie viele andere theoretische Physiker, in die damalige Hochburg der Quantenphysik. Oppenheimer wollte beim berühmten Max Born promovieren.

In Göttingen wohnte Oppenheimer in der Villa eines Arztes in der Geismarlandstraße 1. Oppenheimer geriet in Göttingen, so schreibt es Klaus Hoffmann in seiner Biographie des Physikers, in den Ruf eines intellektuellen Snobs. Bei fachlichen Diskussionen sei Oppenheimer mit Andersdenkenden gnadenlos umgegangen. „Die Sache ist die“, zitiert Hoffmann Oppenheimers Göttinger Studienkollegen Edward Condon, „Oppie ist so schlagfertig, dass er seinen Gesprächspartner sogleich ins Hintertreffen geraten lässt. Und verdammt noch mal: Er hat stets recht oder doch wenigstens recht genug.“

Selbst Oppenheimers Doktorvater Max Born blieb nicht von Kritik und Verbesserungsvorschlägen verschont. Bezeichnend ist die Anekdote, die Hoffmann berichtet: Als einmal Born Oppenheimer eine Arbeit zum Korrekturlesen gab, um die darin enthaltenen Berechnungen zu prüfen, brachte sie der Doktorand mit den Worten zurück: „Ich konnte keinen Fehler finden. Haben Sie wirklich alles allein angefertigt?“

Oppenheimer verblüffte vor allem durch seine vielseitigen Interessen, die weit über die Physik hinausgingen. In der Leinestadt lernte Oppenheimer Italienisch, seine sechste Fremdsprache. Und er registrierte die schwierige politische Situation im Deutschland der Weimarer Republik und die Verbitterung in Teilen der Bevölkerung.

Als wohlhabender Amerikaner hatte Oppenheimer in Göttingen eine herausragende Stellung, wie Kai Bird und Martin J. Sherwin in einer weiteren Biographie schreiben: „Der Zweiundzwanzigjährige erschien in der Universität gelegentlich in zerknitterten Fischgrätanzügen aus feinster englischer Wolle. Seinen Kommilitonen entging nicht, dass er seine Sachen, anders als sie, aus teuren Schweinslederkoffern holte.“ Im Schwarzen Bären, dem Traditions-Wirtshaus, habe häufig Oppenheimer die Zeche gezahlt. Nach einer depressiven Phase während seiner Forschungszeit im englischen Cambridge zuvor sei er in Göttingen aufgeblüht, schreiben Bird und Sherwin. Göttingen sei der Schauplatz der ersten wissenschaftlichen Triumphe Oppenheimers gewesen.

Der geniale Physiker brauchte nicht lange für die schriftliche Ausarbeitung seiner Dissertation. Bürokratische Hemmnisse verhinderten allerdings fast, dass Oppenheimer seine Promotion tatsächlich in Göttingen abschloss. Er erhielt nämlich wegen eines fehlenden Lebenslaufes zunächst keine Immatrikulationsbescheinigung und galt nur als Gasthörer. Mit tatkräftiger Hilfe des Dekans Robert Pohl und seines Mentors Born konnte die Angelegenheit jedoch begradigt werden. So konnte der Doktorand seine mündlichen Prüfungen am 11. Mai 1927 ablegen. James Franck, einer der Prüfer und zwei Jahre zuvor mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, sagte anschließend, er sei gerade noch davongekommen: „Oppenheimer begann schon, mir die Fragen zu stellen.“

Nach einer Abschiedsparty im Haus und Garten der Villa reiste Oppenheimer Ende Juni aus Göttingen ab. Im Juli fuhr er von Liverpool aus mit einem Schiff über den Atlantischen Ozean. Es folgte noch ein weiterer Europaaufenthalt, ehe Oppenheimer seine wissenschaftliche Karriere in den USA fortsetzte, wo er 1942 die wissenschaftliche Leitung des Manhattan-Projekts zum Bau der Atombombe übernahm, die ihn, wie er später selbst formulierte, zum „Zerstörer der Welten“ machte. Beim Abwurf der ersten Atombombe über Hiroshima am 6. August 1945, wurde die Stadt weitgehend zerstört, mehrere zehntausend Menschen starben sofort und weitere mehrere zehntausend Menschen an den Folgen. Drei Tage später ereilte Nagasaki das gleiche Schicksal.

Nach dem Krieg sprach sich Oppenheimer gegen den Bau einer Wasserstoffbombe aus. In der Zeit der Kommunistenhatz während der McCarthy-Ära wurde er deshalb kaltgestellt und erst Jahre später wieder rehabilitiert. 1967 starb der Kettenraucher an Kehlkopfkrebs.

In der Villa, in der Oppenheimer während seiner Göttinger Zeit wohnte, ist heute die Bonifatiusschule untergebracht, aus deren oberen Räumen man Richtung Hiroshimaplatz blicken kann. Für Herink, selbst Physik-Doktorand am Courant-Forschungszentrum am Institut für Halbleiterphysik, ist es ein „groteskes Zusammentreffen“: „Oppenheimer hat möglicherweise während seiner Doktorarbeit vom Schreibtisch aus auf einen Platz geblickt, der später – ungeahnt dieser Verknüpfung – nach den tausenden Opfern seines größten wissenschaftlichen Projekts benannt wurde.“ In der an Gedenktafeln für berühmte ehemalige Bewohner nicht armen Stadt Göttingen hat Oppenheimer übrigens bisher keine Gedenktafel erhalten.