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Göttinger Zeitreise Werbung zeugt von einem neuen Lebensgefühl
Thema Specials Göttinger Zeitreise Werbung zeugt von einem neuen Lebensgefühl
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18:43 23.09.2011
Bitte recht freundlich: Selbst bei der Hausarbeit sollen Frauen in den 60er Jahren modisch gekleidet sein. Quelle: EF
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Göttingen

Sylvester Märten, ein Göttinger Bekleidungsgeschäft, wirbt für Schürzen, die die Frau auch bei der Hausarbeit gut aussehen lassen, oder für Garn, das ihr die Näharbeit erleichtern soll – Zubehör für die perfekte Hausfrau, das Ideal der 60er Jahre, das heute nicht mehr für jeden erstrebenswert ist. „Damals lag der Schwerpunkt auf der Bedarfsdeckung“, so Willi Klie, der Geschäftsführer. „Heute dagegen muss man mit mehr Gefühl werben und in kurzer Zeit Aufmerksamkeit erregen“, erläutert er. Statt auf lange Sätze setzt Sylvester Märten heute eher auf Preise und Aktionen, da zu viel Text nicht mehr gelesen werde, sagt Klie.

Auch sonst ist die Werbung der 60er Jahre häufig nicht mehr mit dem heutigen gesundheitsbewussten Lebensstil vereinbar. Geworben wird nach dem Kriegsende hauptsächlich für Kaffee, Zigaretten und Alkohol. Die neuen Luxusgüter sind auf jeder Party, in jedem Film und auch in jeder Zeitung anzutreffen. Die Menschen wollen nach jahrelanger Entbehrung einen neuen Lebensstandard genießen. Und die Werbeindustrie kurbelt diesen stark an. Geworben wird unter anderem auch für Pelz, der heute anders als damals aufgrund des Tierschutzes nicht mehr zu den bevorzugten Kleidungsstücken gehört.

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Trotzdem wurden damals schon Trends für heute gesetzt. Vermehrt wurden Reinigungs- und Pflegeprodukte hergestellt. Wer kennt aus der heutigen Werbung nicht das Versprechen, dass ein Kleidungsstück schon unzählige Male gewaschen wurde und noch aussieht wie neu? Anstatt hunderte gab es früher einfach nur sechs Fernsehprogramme, bei denen die Reklame festen Beschränkungen unterlag. Werbeblöcke zwischen Filmen gab es nicht, und nach 20 Uhr durften sie auch nicht mehr ausgestrahlt werden.

Nicht die Selbstzahlerkassen, bei denen der Kunde seine Waren selbst einscannt und bezahlt, waren neu, sondern Servicekräfte an den Regalen. Die Bedienung übernahm nicht mehr der Mann hinter dem Tresen. Mit der typisch geschnörkelten Werbeschrift der damaligen Zeit und schicken schwarz-weißen Bildern, meist gemalt, selten fotographiert, nahmen die Werbeanzeigen der örtlichen Geschäfte einen großen Teil im Göttinger Tageblatt ein. Viele Geschäfte besaßen ein großes Repertoire an Anzeigen, so dass es oftmals mehrere Monate dauerte, bis man dieselbe Anzeige wiederentdeckte. Auffällig ist zudem, dass sich auch die Kinderreklame meist an die Erwachsenen richtete, während die Kinder heutzutage als eigene Zielgruppe gelten – eine ganz andere Zeit eben.

Für die Geschichtswerkstatt „Göttinger Zeitreise“ des Tageblattes, des Stadtarchivs und Städtischen Museums Göttingen werden noch Filmaufnahmen aus den 60er Jahren und folgenden Jahrzehnten gesucht. Infos unter Telefon 05 51 / 90 17 66, per E-Mail an redaktion@goettinger-tageblatt.de.

Von Daria May Gotthardt
und Franziska Schimek