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Göttinger Zeitreise Zweieinhalbstündige Bärenjagd am Hainberg
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19:31 29.03.2012
Von Katharina Klocke
Flüchtender Vierbeiner: Der Jungbär widersetzte sich erfolgreich sämtlichen Versuchen, ihn einzufangen.
Flüchtender Vierbeiner: Der Jungbär widersetzte sich erfolgreich sämtlichen Versuchen, ihn einzufangen. Quelle: Otto (3)
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Göttingen

Der junge Braunbär flitzte am frühen Nachmittag durch eine Lücke im Stacheldrahtzaun und hielt zweieinhalb Stunden lang die Betreiberfamilie Linne, deren Helfer und drei Streifenwagenbesatzungen der Polizei auf Trab. Beharrlich widersetzte sich das Pelztier sämtlichen Fangversuchen.

Bei der Suche nach dem Vierbeiner wollten auch Schaulustige helfen, trieben den durch Motorgeräusche erschreckten Jungbären aber immer wieder fort. Erst gegen 17 Uhr konnte  Mutter Bär ihren Filius wieder in Empfang nehmen.

Der kleine Zoo am Kehr wurde jahrzehntelang von Familie Linne betrieben. Teils unter großen Problemen. So machte etwa der schneereiche Winter 1970 Harri Linne schwer zu schaffen, weil das Saisongeschäft nur mit Verzögerung gestartet und die Geldreserven für das Tierfutter nicht aufgestockt werden konnten, hieß es damals im Göttinger Tageblatt. Esel, Ponys, Zwergziegen, Federvieh und Füchse litten unter dem nicht enden wollenden Winter.

Erkennungsmerkmal für „Bambi“

Abgesehen von den Bären hatten im Zoo lebende Wildtiere auch schon mal Ausgang. So wie das Kitz Bambi, das zwischen seinen Fläschchen im Hainberg spazieren ging. Da sich Linne sorgte, das zahme Tier könne wegen seiner Zutraulichkeit als tollwütig angesehen werden, dachte er darüber nach, ihm als Erkennungsmerkmal den Schopf zu bleichen.

Der Zoo wurde später von Horst Kürschner und seiner Familie gepachtet, „irgendwann in den 70er Jahren. Eigentlich hatte es damit angefangen, dass mein Mann ein Pony retten wollten“, erinnert sich Ina Kürschner. Die sonstigen Tiere hatten die Vorbesitzer bereits verkauft, „aber es wurden schnell wieder mehr“, erzählt die 74-Jährige. Papageien, Schweine, Kühe und Mufflons, Wildpferde, Puten und Enten versorgten Horst und Ina Kürschner am Kehr. Kürschner, zugleich Vorsitzender des Kanarien- und Vogelzuchtvereins, wandte viel Zeit und Geld für seinen kleinen Tierpark auf. „Das war sein Hobby.“ Die ganze Familie verbrachte viele arbeitsreiche Tage auf dem Areal am Hainberg.

Und viele Generationen von Göttingern kamen zum Tiere angucken: „Als Kind dort Dauergast mit Oma und Opa“ und „Das war immer schön da. War oft mit meiner besten Freundin da. Tolle Zeit“, erinnern sich etwa Besucher der Facebook-Seite Göttinger Zeitreise im Internet. Als Kürschner schwer erkrankte, blieb der Tierpark für die Öffentlichkeit verschlossen. Vor drei Jahren starb der Tierfreund. Einen Göttinger Zoo gibt es seither nicht mehr. Nur noch das städtische Wildgehege, in dem Damwild und Wildschweine leben.