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Kragenbär-Denkmal Frank Möbus: Her mit dem Krägenbär!
Thema Specials Kragenbär-Denkmal Frank Möbus: Her mit dem Krägenbär!
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18:35 11.09.2014
 Literaturwissenschaftler Frank Möbus hält in der aktuellen Kragenbär-Debatte ein Plädoyer für das umstrittene Denkmal zu Ehren von Robert Gernhardt. Quelle: Rink
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Göttingen

Wie immer man nun den Begriff „Denkmal“ definieren mag, so steckt seine wesentliche Funktion doch schon dem Wort eingeschrieben, das man durchaus als imperativische Aufforderung verstehen kann: Denk mal!

Zumeist erinnern Denkmale an große geschichtliche Ereignisse. An Kriege und Schandtaten, politische oder soziale Ereignisse, an Erfindungen, Katastrophen, an bedeutende Persönlichkeiten natürlich. Denkmale bilden einen Beitrag zum historisch haltbaren Diskurs, zur schichten- und generationenübergreifenden „Volksbildung“. Deshalb bedienen sie sich einer allgemein verständlichen Bildsprache, in Symbolen, Metaphern, Allegorien.

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Allermeist haben sie zutiefst ernsthaften Charakter. Denkmale sind nur selten lustig, wenn es auch eine Reihe von Ausnahmen gibt: etwa Till Eulenspiegel, den Doktor Eisenbarth, die Schildbürger oder die Figur des Narren.
So weit, so gut.

Zurück zum Kragenbär

Zurück zu Gernhardt und dem Kragenbär: Der Akt, um den es geht, ist uns allen vertraut. Seine gesellschaftliche Ächtung gehört der Vergangenheit an. Dass wir heute in einer sexuell liberalen, weitgehend repressionsfreien Ära leben – und das hat mit der Pornographierung etwa des Internet recht wenig zu tun – verdanken wir in ganz besonderer Hinsicht den „wilden“ 60er und 70er Jahren, der Studentenbewegung, dem Feminismus, den Schwuleninitiativen, einer aufklärerischen Pädagogik.

Das verdanken wir auch der Kunst und Literatur dieser Zeit, die vielfach Vorreiterrollen gespielt haben. Sei es die Pardon, die frühe Titanic oder die Emma – auch die Zeitschriften haben dafür gesorgt, dass endlich ein paar alte Zöpfe abgeschnitten wurden (und nicht nur Zöpfe…).

Eine ganz wichtige Rolle spielten dabei die Schriftsteller der sogenannten Neuen Frankfurter Schule, die ohne Robert Gernhardt kaum denkbar ist. Auch viele andere Schriftsteller wären dabei zu erwähnen, und wenigstens ein anderes ganz besonders wichtiges Zeugnis der neueren deutschen Literatur sei genannt: Peter Rühmkorfs fabelhafte Sammlung „Über das Volksvermögen: Exkurse in den literarischen Untergrund“, die der Gelegenheits- und Spontanpoesie besonders von Kindern und Jugendlichen gewidmet ist. Das war eine lyrische Krabbelgruppe, die besonders gut zu den Elchfreunden passt, wo die Gelegenheitpoesie eminent fröhliche Urständ feiert.

Mit Rühmkorf, Gernhardt, Henscheid, Wächter & Co. ist eine ganze Generation herangewachsen und literarisch sozialisiert worden. Und es gibt kaum einen anderen Text, in dem sich diese genannten Entwicklungen so sehr wie in den Kragenbär-Versen verdichten würde. Allein das wäre weiß Gott Grund genug, ein Denkmal zu setzen.

Kunst muss gelegentlich Anstößig sein

In der Elchfreunde-Gruppe ist nachdrücklich bewiesen worden, dass diese Verse auch heute besonders geeignet sind, kreatives Potenzial anzuregen. Dass Kunst und Kreativität grundsätzlich immer „anständig“, „unanstößig“, „gesellschaftskonform“ zu sein hätten, wird niemand behaupten wollen, der noch alle Tassen im Schrank hätte. Das wird auch kein Kulturpolitiker einfordern.

Im Gegenteil. Kunst darf nicht nur, sondern muss sogar gelegentlich anstößig sein, Konventionen verletzen, verärgern. Muss dem Spießbürger den Spiegel vorhalten.

Welchen Schaden könnte denn dieses Denkmal anrichten? Zu Perversionen anregen? Die Jugend verderben? Göttingen zu Sodom oder Gomorrha machen? Frauenfeindlichkeit befördern?

Nö.

Wenn das Denkmal einmal steht – nein, das ist kein Wortspiel –, dann wird es weiterhin die Kreativität befördern. Und wird, nebenbei, auch zum Denkmal für eine Zeit und für eine große Künstlergruppe, die für unsere Gegenwart sehr, sehr wichtig ist. Gerade in einer gewissen Anstößigkeit liegt die Kraft dieses „Denk mal!“, das die Elchfreunde seit Wochen so lustvoll im Chor ausrufen.

Nein, das alles ist nicht (nur) als wissenschaft-satirischer Beitrag zum Göttinger Denkmalstreit gemeint! Der Kragenbär ist nicht nur lustig. Er steht tatsächlich für wichtige gesellschaftliche Diskurse der jüngeren Vergangenheit, die wirklich eines Denkmals wert sind. Und witzig ist es auch.

Her damit!

Frank Möbus ist Literaturwissenschaftler, Autor und Robert-Gernhardt-Kenner. Er wohnt in Göttingen.

Von Frank Möbus