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Kragenbär-Denkmal Göttingens umstrittene Denkmäler
Thema Specials Kragenbär-Denkmal Göttingens umstrittene Denkmäler
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00:54 14.09.2014
Klaus Wettig, Kulturmanager und Kenner der Göttinger Stadtgeschichte, erinnert an den Streit über das Relief „Die Stadt“ von Bildhauer Jürgen Weber. Quelle: Pförtner
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Göttingen

Von dem Braunschweiger Bildhauer Jürgen Weber im neoexpressiven Stil entworfen, modelliert und schließlich in Bronze gegossen – von ihm „Die Stadt“ benannt.

Achilles sah in seiner Predigt das Schamgefühl durch die Darstellungen des Reliefs verletzt und sprach von einer nationalen Schande.

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Nach diesem Angriff schwappte eine Welle der Empörung durch Göttingen: Stellungnahmen zur Kunst im Allgemeinen und im Besonderen, vor allem gegen die Moderne, in den Lokalzeitungen Göttinger Presse und Göttinger Tageblatt Leserbriefe in großer Zahl – mehr contra als pro, Stellungnahmen aus Rat und Verwaltung und vom Architekten Rainer Schell sowie vom Künstler, dem Schurken im Stück.

Die Göttinger pilgerten zu Tausenden zu ihrer neuen Stadthalle, um das beschimpfte oder verteidigte Werk zu betrachten.

Nichts aufregend Anstößiges

Volkes Stimme mag danach das Relief bald gleichgültig geworden sein. Es zeigte nichts aufregend Anstößiges, nackter als bei Kriegerdenkmälern waren die Figuren auch nicht – worauf in der Verteidigung des Reliefs durchaus hingewiesen wurde, und man konnte sogar etwas erkennen, denn die Darstellung folgte nicht der den künstlerischen Zeitstil beherrschenden Vollabstraktion.

Wenn dieses auch die Mehrheitsmeinung war, die Minderheit blieb bei ihrer Forderung: Das Relief muss weg.

Der Künstler Jürgen Weber hatte durchaus mit Kritik gerechnet und darauf dem damaligen Oberstadtdirektor Erich H. Biederbeck (FDP) rechtzeitig hingewiesen. Doch rechnete er mit einer Ablehnung seiner figurativen Arbeitsweise, die vom abstrakten Zeitstil abwich.

Rechtsradikaler Hintergrund

Zur Ehre der Ratsfraktionen CDU, FDP und SPD bleibt festzuhalten, dass sie sich dieser Forderung verschlossen. Obwohl für Oktober die Ratswahl angesetzt war, lehnten sie die Beseitigung ab. Natürlich gab es in den Fraktionen und ihren Parteien auch Kritiker des Reliefs, zur Mehrheitsmeinung wurden sie jedoch nicht.

Den möglichen schnellen Punkt für ein vermutetes besseres Wahlergebnis wollten sie nicht machen. Allein die neu gebildete Wählergemeinschaft um Herbert Harmsen, der bisher für die rechtsradikale Deutsche Reichspartei (DRP) politisch hervorgetreten war und von 1952 bis 1956 schon einmal dem Rat angehört hatte, bekannte sich als negative Reliefpartei zur Das-Relief-muss-weg-Forderung.

Aus der Zusammensetzung der Listen dieser Wählergemeinschaft lässt sich ihr rechtsradikaler Hintergrund entschlüsseln. Es waren die allseits bekannten Verdächtigen dieser Szene, die mit dem Relief-Thema Stimmen sammeln wollten. Übrigens nicht ohne Erfolg: Bei Beginn des Kommunalwahlkampfes hätte man dieser Gruppierung kaum Ratsmandate zugetraut, am 27. September gewann sie 1544 Stimmen und zog mit Harmsen in den Rat ein.

„Kunst wird nicht auf dem Wege der Abstimmung geboren“

Zu loben ist die klare Position Biederbecks, der mit deutlicher Rede das Relief in der Jahreshauptversammlung des Fremdenverkehrsvereins verteidigte. Er anerkannte: „Die Freiheit zu solchen öffentlichen Manifesten ist jedem gegeben.“ Er unterstrich aber: „Kunst wird nicht auf dem Wege der Abstimmung geboren.“

Biederbeck mahnte, dass die neuen Schulmeister mit ihrem Moralin an die alten Schulmeister von Glaube und Schönheit erinnerten: „Jenes liebgewordene Feigenblatt […] ist uns weggeblasen worden durch den allerletzten Weltkrieg und Auschwitz und Dresden und Ungarn und Suez.“

Damit war der Streit über das Relief aber nicht beendet, in den Göttinger Zeitungen fand er weiterhin Raum: Während die Göttinger Presse ausgewogen berichtete, der Kritik keinen übermäßigen Raum gab, überwog im Göttinger Tageblatt anfangs eine zwiespältige Haltung, die bei den Leserbriefen den Gegnern viel Platz einräumte.

Verbreitung pornografischer Schriften

Nach Biederbecks deutlichen Worten fand die Redaktion zu einem an Aufklärung orientierten Kurs, sodass in der Sonnabendausgabe vom 26. September der Kunsthistoriker Alf Lierse unter dem Titel „Plastik am Bau“ ganzseitig das Relief erklärte und kunsthistorisch einordnete.

Zu diesem Zeitpunkt hatten auch die überregionalen Medien den Göttinger Kunststreit entdeckt und bescherten in ihren Berichten der Stadt unerwünschte Publizität: „Da bricht sich noch einmal der Geist des kleinen Ortes Bahn“ (Die Welt, 29. September) und „Göttingen ohne Feigenblatt“ (FAZ, 2. Oktober).

Die Debatte bekam einen weiteren Schub, als am 25. September ein Göttinger Theologiestudent bei der Kriminalpolizei Anzeige wegen Verletzung des Paragrafen 184 (Verbreitung pornografischer Schriften) des Strafgesetzbuches erstattete. Immerhin kommentierte die Presse im Unterschied zum Göttinger Fall Döhl im Jahre 1959 sofort, dass es nicht Aufgabe der Kriminalpolizei und der Staatsanwaltschaft sein könne, über ein Kunstwerk zu urteilen.

Göttinger Bürger sollen auf Kunstwerk stolz sein

Dies hinderte die Kriminalpolizei nicht daran, in einem Vermerk für die Staatsanwaltschaft Göttingen festzuhalten, dass durch die Reliefdarstellungen der objektive Tatbestand des Absatz1 des Paragrafen 184 als erfüllt angesehen werde. Diese Auffassung der Kriminalpolizei unterstrich ihr Bericht an die Zentralstelle zur Bekämpfung von unzüchtigen Schriften und Bildern in Niedersachsen bei der Staatsanwaltschaft Hannover, der es oblag solche Fälle zu prüfen.

Die Ermittlungsmühle mahlte nun. Es überrascht, dass die Zentralstelle das Ermittlungsverfahren nicht sofort einstellte und die Sache zu den Akten legte, denn seit 1961 hatte sich die strafrechtliche Wertung der Kunstfreiheit durch den Bundesgerichtshof deutlich verändert.

Nein, der Leiter der Zentralstelle, ein veritabler Erster Oberstaatsanwalt, erweiterte das Ermittlungsverfahren um die Verbreitung jugendgefährdender Schriften und forderte die Stadt am 3. Oktober zu einer Stellungnahme auf, die Biederbeck am 3. November abgab: sehr präzise, sehr umfangreich, mit vielen Anlagen. Biederbeck endete mit dem hoffnungsfrohen Satz: „Ich bin sicher, dass die Bürger Göttingens schließlich auf das Kunstwerk von Jürgen Weber stolz sein werden.“

Eine Zierde für das skulpturenarme Göttingen

Ob diese Hoffnung Biederbecks sich fünf Jahrzehnte später erfüllt hat, kann ich nicht abschätzen, jedenfalls beruhigte sich die Diskussion über das Relief bald. Als im Dezember 1964 die Staatsanwaltschaft Hannover das Ermittlungsverfahren einstellte, hatte die Abrüstung im Reliefkrieg schon begonnen.

Die mögliche Beschwerde gegen die Entscheidung der Staatsanwaltschaft wurde nicht eingelegt, an die Darstellungen des Reliefs gewöhnte man sich, allzu bald wurden sie von deutlicheren Bildern übertroffen. Das öffentliche Auge, das allgemeine Bewusstsein war toleranter, freiheitlicher geworden. Eine Zierde der Stadt ist das Relief sicherlich und auffällig ohnehin im skulpturenarmen Göttingen.

Von Klaus Wettig

Überarbeitete Fassung eines Kapitels in: Spurensuche und Fundstücke. Göttinger Mosaik. Erschienen 2007 im Wallstein Verlag.