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Thema des Tages Die erste Fahrt über die innerdeutsche Grenze bleibt unvergessen
Thema Specials Thema des Tages Die erste Fahrt über die innerdeutsche Grenze bleibt unvergessen
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09:24 09.08.2019
Die ehemaligen Zugführer Hans-Werner Reichardt (links) und Albert Koch schwelgen in Erinnerungen. Quelle: Kjell Sonnemann
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Herzberg

6,60 Ostmark kostete eine Fahrkarte für die 29 Kilometer lange Zugstrecke von Ellrich in der DDR nach Herzberg in der Bundesrepublik. Das war Ende 1989. Wenige Wochen zuvor, am 12. November, fuhr erstmals nach 44 Jahren wieder ein Personenzug über die innerdeutsche Grenze. Zugbegleiter an dem Sonntagmorgen war Albert Koch. Sein Kollege Hans-Werner Reichardt war an dem historischen Tag ebenfalls im Dienst. Drei Jahrzehnte danach schwelgen die beiden Herzberger in Erinnerung – und sind natürlich dabei, wenn am Sonntag, 11. August, das Jubiläum zu 150 Jahre Südharzstrecke auf dem Herzberger Bahnhof gefeiert wird.

Ein historischer Schienenbus kommt zum Geburtstag der Südharzstrecke nach Herzberg. Quelle: R

„Schon am Samstag herrschte eine gewisse Aufbruchsstimmung“, erinnert sich Koch an den Vortag der ersten Überfahrt im November vor 30 Jahren. Die Reichsbahn-Chefs im thüringischen Erfurt hätten Personenzugfahrten über die Grenze bereits zugestimmt, die der Bundesbahndirektion in Hannover aber noch nicht. Am 9. November, ein Donnerstag, war allen Menschen der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) erlaubt worden, nach Westdeutschland zu gehen oder zu fahren.

Zugbegleiter Koch pendelte an dem Sonnabend drei Mal zwischen Walkenried und Nordhausen in Thüringen – es wurden Güter transportiert. Vor seiner letzten Rückfahrt um kurz nach 20 Uhr sah er Menschen am Gleis stehen. Einige wollten nach Herzberg, andere nach Bad Sachsa. Manche hatten noch ihre Arbeitskleidung an, berichtet Koch. Er traf später eine Frau aus der DDR, die ihre Cousine in der Kornstraße in Herzberg besuchen wollte. Sie fragte ihn, wie sie dahin käme. „Ich habe sie dahin gefahren, wurde freundlich begrüßt und habe ein Bier mitgetrunken.“

War es etwa ein Scherz?

Noch am Abend klingelte Kochs Telefon. Der Fahrdienstleiter bat ihn, am nächsten Tag eine Stunde früher zur Arbeit zu kommen: „Wahrscheinlich fahrt ihr rüber.“ Koch, der Sonntag Frühschicht hatte, informierte telefonisch den Lokführer, der in Schwiegershausen wohnte. „Er glaubte, ich scherze.“

Sonntagmorgen gab es noch immer kein „grünes Licht“ aus Hannover. Trotzdem sei ihnen vom Fahrdienstleiter ein Fahrbefehl bis nach Ellrich ausgestellt worden. Am DDR-Grenzbahnhof „stand keine Menschenseele“, erinnert sich Koch, „sie warteten alle vor der Ausgangspforte der Bahnhofshalle.“ Es seien mindestens 150 Männer, Frauen und Kinder gewesen. Staatsbedienstete bauten einen Tisch auf, sie wollten die Ausweise aller Reisenden kontrollieren und Erlaubnisse für jeden abstempeln. Doch dann hätten sie eingesehen, berichtet Koch, dass der westdeutsche Zug seinen Fahrplan einhalten müsse und sahen von ihrem Vorhaben ab.

Besucher können Sonderfahrten mit dem historischen Schienenbus erleben. Quelle: R

Der erste Zug, der Personen an diesem 12. November 1989 über die deutsch-deutsche Grenze fuhr, war voll besetzt: „Es ging nichts mehr!“ Koch erzählt von einer alten Frau, die noch einmal den Westen sehen wollte, und von einer Passagierin, die ihm selbstgemachte Topflappen schenkte.

Riesige Freude in Westdeutschland

Die meisten Fahrgäste stiegen gleich an Bahnhöfen im Kreis Osterode aus, nur gut 30 fuhren weiter nach Northeim. In Westdeutschland war die Freude über die Menschen aus dem Nachbarstaat riesig, wie der Herzberger sagt: „Die Landfrauen begrüßten sie am Bahnhof. Es gab unter anderem Apfelsinen, jeder hat was auf die Schnelle mitgebracht.“

Die zweite Zugfahrt an dem historischen Tag begleitete Hans-Werner Reichardt. Koch und er seien sich begegnet. „Es war alles improvisiert unter den Fahrdienstleitern“, sagt Reichardt. Der eigentliche Güterverkehr durfte nicht leiden.

Weil die westdeutschen Eisenbahner auch in den Jahrzehnten zuvor den Ellricher Bahnhof nicht verlassen duften, konnten sie stets beobachten, was dort beim Abladen der Fracht geschah. Getreidezüge, die auch mal Mais geladen hatten, seien teilweise zu einem Viertel voll wieder zurück in die Bundesrepublik geschickt worden. Reichardt erläutert: „Sie haben einen Plan bekommen, der die Zeit zum Ausladen vorgab. Er musste erfüllt werden. Teilweise hat die Zeit nicht gereicht.“

Vor allem hatte die DDR-Führung Angst, dass Bürger den Staat verlassen. Darum kontrollierte die Transportpolizei – das war die Bahnpolizei der DDR – jeden einzelnen Wagen mit Hunden. Sie ließen die Spürhunde auf die Fracht klettern, inspizierten Kisten und Kartons, schauten unter Planen und in jeden Kesselwagen. Und auf einer Brücke über den Gleisen am Ellricher Bahnhof – dem „Tor zum Westen“ – standen bewaffnete DDR-Polizisten.

Karbid gegen Spürhunde

Der Herzberger Reichardt hat ganze Ordner mit Fotos, Dokumenten und Informationen über die Geschichte der Südharzstrecke zusammengestellt. So kann er berichten, dass trotz der Kontrollen ein paar DDR-Bürger in den Westen flohen, zum Beispiel im August 1979, als ein Flüchtling in Herzberg ankam. Und Koch erinnert sich an einen Fall während einer seiner Schichten: In einem mit Holz beladenen Wagen hatte sich ein Mann einen kleinen Verschlag gebaut. Er hatte etwas Karbid dabei, das er mit Spucke befeuchtete – so entwickelte es einen Geruch, der die Spürhunde ablenkte. Der Flüchtling kam in Westdeutschland an.

Reichardt berichtet zudem vom 14. August 1968, als ein ganzer Zug in Ellrich nicht abgeladen und zurück geschickt wurde: „Auf dem Kesselwagen hatte irgendwer mit Kreide etwas gegen die Obrigkeit der DDR geschrieben.“

Das war vor dem besonderen Sonntag im November vor 30 Jahren. Wenige Tage danach verkaufte die DDR-Reichsbahn Fahrkarten in den Westen. „Jede musste handschriftlich ausgefüllt werden. Darum haben sie sie in größerer Menge vorgeschrieben“, berichtet Reichardt. Erst später gab es die kleineren Tickets mit Aufdruck, die die Bundesbürger schon kannten.

Darüber und auch zum Beispiel wie BRD-Bahner ihre Kollegen aus der DDR im Dezember 1989 zur Weihnachtsfeier nach Herzberg einluden, erzählen Albert Koch und Hans-Werner Reichardt sicher gern, wenn sie die Sonderzugfahrten beim Jubiläum begleiten. 150 Jahre Südharzstrecke wird am Sonntag, 11. August, um 10 Uhr auf dem Herzberger Bahnhof, Bahnhofstraße 44, gefeiert.

150-Jahr-Feier am Bahnhof

„Von Blasorchester über Modelleisenbahn, Kinderkarussell und Kinderschminken bis hin zu einer Bilderausstellung über die Streckengeschichte ist für jeden etwas dabei“, heißt es in einer Mitteilung der Bahn über das Programm der Jubiläumsfeier. Um 10.30 Uhr wird ein auf der Südharzstrecke eingesetzter Triebwagen der Baureihe VT648 vom Bad Lauterberger Bürgermeister Thomas Gans auf den Namen „Bad Lauterberg im Harz“ getauft. Um 11.05 Uhr fährt der Triebwagen nach Walkenried. An Bord gibt es eine ökumenische Andacht. Bei seiner Rückkehr nach Herzberg um 12.04 Uhr können die Besucher den Führerstand besichtigen.

Um 10.43 Uhr wird ein sogenannter „Schienenbus“, der über Jahrzehnte hinweg das Bild der Strecke zwischen Northeim und Walkenried dominierte, von Nordhausen kommend in den Bahnhof einfahren. Er pendelt an dem Tag zwei Mal zwischen Herzberg und Northeim, bevor er zurück nach Nordhausen fährt. Außerdem gibt es einen Flohmarkt für Bahngegenstände, Info- und Verpflegungsstände und eine Bilderausstellung über die Streckengeschichte.

Das Fest beginnt am Sonntag, 11. August, um 10 Uhr auf dem Herzberger Bahnhof, Bahnhofstraße 44. Fahrkarten für die Sonderfahrten werden vor Ort im Zug verkauft.

Von Kjell Sonnemann

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