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Thema des Tages Natur im Städtebau: „Klimakonferenz“ in Duderstadt
Thema Specials Thema des Tages Natur im Städtebau: „Klimakonferenz“ in Duderstadt
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00:19 11.06.2019
Sozialminister Walter Hiller, Ministerpräsident Gerhard Schröder, Bürgermeister Lothar Koch und Stadtdirektor Wolfgang Nolte (von links) eröffnen am 22. April 1994 in Duderstadt die Landesausstellung Natur im Städtebau. Quelle: R
Duderstadt

Ihren größten Entwicklungsschub hat die Stadt Duderstadt in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre erlebt. Ausschlaggebend hierfür war die Ausrichtung der Landesausstellung „Natur im Städtebau“ (LNS) im Jahr 1994.

„Die LNS war die Grundlage für das heutige attraktive Erscheinungsbild der Stadt“, erklärt Bürgermeister Wolfgang Nolte, damals Stadtdirektor. Die Ausstellung habe den Bekanntheitsgrad der Stadt erheblich gesteigert. „Wir wurden beschenkt, dass wir noch vor Braunschweig bedacht wurden“, sagt der damalige Bürgermeister Lothar Koch. Die LNS habe der Entwicklung der Stadt einen Riesenschub gegeben. „Unter anderem ist damals die Fußgängerzone entstanden“, so Koch. Nicht nur auf der Marktstraße, sondern auch in den Nebenstraßen. Außerdem habe die Stadt durch die Verbindung bis über den Adenauerring hinaus eine ganz andere Dimension erhalten.

Ein Schild erinnert an die LNS 1994. Quelle: Niklas Richter

„Ausgangspunkt für das Rankommen an die Landesausstellung war der Landeswettbewerb Familienfreundliche Gemeinde 1988“, erinnert sich Nolte. Damals habe der Abschluss in Duderstadt stattgefunden. Bei einem Termin mit Ministerialrat Edgar van Schayck sei im darauffolgenden Jahr die Frage aufgekommen: „Was machen wir als nächstes?“ Van Schayck verwies auf einen Erlass aus dem Sozialministerium zur Ausschreibung der Landesausstellung Natur im Städtebau im Jahr 1994. „Bereits am nächsten Tag habe ich mich in Hannover über die Inhalte erkundigt.“ In Duderstadt sei dann die Entscheidung gefallen, am Wettbewerb teilzunehmen.

Vier Tage vor Schluss

Viel Zeit für eine Bewerbung blieb nicht. Die Duderstädter reizten die Frist bis zum Bewerbungsende am 31. Oktober 1989 fast komplett aus. Vier Tage vor dem Ende reichten sie ihre Bewerbung ein – als letzte von 24 Gemeinden. Am 15. März 1990 erfüllte sich das Sprichwort „Die Letzten werden die Ersten sein.“ Sozialminister Hermann Schnipkoweit verkündete, dass Duderstadt der Ausrichter für 1994 werde. Gleichzeitig fiel die Entscheidung, dass Braunschweig zwei Jahre später an der Reihe sei. „Wir waren beschenkt worden, dass wir vor Braunschweig an die Reihe kamen“, sagt Koch. Am Ende wurde die Landesausstellung in Braunschweig nicht ausgerichtet.

„Große Freude, großer Jubel und viel Arbeit“, kommentiert Nolte rückblickend die Entscheidung. In der Zeit sei das Jugendgästehaus gebaut und fertiggestellt worden und auch die innerdeutsche Grenze war noch kein halbes Jahr geöffnet. Nachdem mit der Landtagswahl 1990 mit Gerhard Schröder ein neuer Ministerpräsident in Hannover regierte, kamen alle getroffenen Entscheidungen zunächst auf den Prüfstand. Erst am 3. Dezember 1991 sei die Auswahl Duderstadts durch einen Kabinettsbeschluss bestätigt worden. Es folgte die Aussage, die Schwerpunkte noch mehr auf ökologische Themen zu legen. „Wir hatten während der LNS Vorträge zu Themen, die uns heute bewegen“, erzählt Koch. „Wir hatten in Duderstadt fast schon eine Klimakonferenz.“ Insgesamt seien es mehr als 1000 Veranstaltungen in 170 Tagen gewesen.

Im Hallenbad wurde eine Umweltfabrik eingerichtet. Quelle: R

Doch auf dem Weg dorthin wurde die Vorbereitungszeit immer knapper. „Als am 2. Februar 1993 die verbindliche Finanzierung vom Kabinett Schröder beschlossen wurde, blieben uns bis zur Eröffnung nur 444 Tage“, erzählt Nolte. „Und da waren die Samstage, Sonntage, Weihnachten und Ostern mit drin. Das hätten wir sonst nicht mehr geschafft.“ Zwischendurch habe die Stadt auf eigenes Risiko schon mit den Planungen begonnen, 1990 eine Gesellschaft gegründet und mit dem Verwaltungsmitarbeiter Dieter Ballhausen einen Projektleiter und mit Frank Widera einen Diplom-Landespfleger eingestellt.

Hilfe von Vorgängern

Die Stadt habe viel von den Vorgängerstädten profitiert. „Wir haben uns ein wenig in Munster, dem Ausrichter von 1988, und in Bremervörde, dem Ausrichter 1991, umgeschaut.“ Bremervörde habe viel geholfen. „Von dort haben wir auch viele Dinge wie zum Beispiel die Mülleimer und die Einlasstore“, erzählt Widera. Auch habe man auf das Planungsbüro Adam zurückgegriffen, dass auch für Bremervörde geplant hatte. An einer Stelle habe Duderstadt Glück gehabt, erzählt Nolte. „Während Bremervörde rund 100000 Euro für Briefbögen und Logo ausgegeben hat, konnten wir den Duderstädter Studenten Oliver Ziesing begeistern.“ Dieser habe dem seine Diplomarbeit gewidmet und die LNS habe dessen Ergebnisse übernehmen können.

Bürgergärten Quelle: Niklas Richter

Die Finanzierung über das Land Niedersachsen sei über verschiedene Töpfe erfolgt, erzählt Koch. So sei die Stadt in der Lage gewesen, dass die Gärten im späteren LNS-Gelände zu erwerben. So konnte das Gesamtgelände mit der Spiellandschaft entstehen. Von der Stadtmauer über den Spielplatz am Obertorteich vorbei erstreckte sich das LNS-Gelände. Der Eingang war im heutigen Kiosk am Parkplatz am Adenauerring. Entstanden seien die Bürgergärten, die Wege, der Kurpark, der ökologische Erlebnispark. „Einen Punkt möchte ich noch herausgreifen“, so Nolte. „Die Umweltfabrik, die wir in der Schwimmhalle eingerichtet hatten.“ Thema seien die Elemente gewesen, mit dem Schwerpunkt Wasser, dem „Gold der Zukunft“. Wasser sei auch in der Stadt ein Thema gewesen, als der Lauf der Brehme freigelegt wurde.

Steuerforderungen

Im Anschluss an die Landesausstellung habe es bei der Abrechnung erst einmal einen Schock gegeben. „Das Finanzamt hat festgestellt, dass wir steuerpflichtig sind“, erinnert sich Koch. Bei 50 Millionen Mark für Direktinvestitionen und Folgemaßnahmen wäre ein fast siebenstelliger Betrag nachzuzahlen gewesen. „Es waren rund 900000 Mark“, so Koch. Regierungspräsident Karl-Wilhelm Lange habe den Duderstädtern den Rücken gestärkt und mit Hilfe von von Staatssekretär Lothar Hagebölling habe sich die Summe in langen Verhandlungen fast auf Null senken lassen. „Das war wichtig, denn wir hatten als LNS ja kein Geld.“

Nach der Landesausstellung war nicht Schluss. „Wir hatten uns zu mindestens zehn Jahren Nachhaltigkeit verpflichtet.“ Daraus sei der Duderstädter Kultursommer entstanden, der in diesem Jahr zum 25. Mal im Stadtpark ausgerichtet wird. Die Eröffnung der Jubiläumsauflage findet am Sonntag, 16. Juni, statt – traditionell mit einem Familienfest von 14 bis 18 Uhr. Dabei wird um 14.30 Uhr der neu gestaltete Spielplatz eröffnet. Um 15 Uhr präsentiert das Complizen-Figurentheater den Krimi „Ein Fall für Freunde – Neues aus Mullewapp“ und ab 16 Uhr spielt das Solling Swing Orchestra.

Mehr als 150 Kinder haben den Spielplatz im Duderstädter Stadtpark getestet. Quelle: Rüdiger Franke

Nolte hat auch eine Vision für das Stadtjubiläum im Jahr 2029 angeregt. Zum 1100. Geburtstag soll Duderstadt sich für die Landesgartenschau bewerben. „Ich bin dankbar, dass das Land nicht mehr von Landesausstellung Natur im Städtebau spricht“, sagt er. Das sei ein deutlich bekannterer Name. Während der LNS 1994 seien etwa 300000 Besuche gezählt worden. „Ich bin überzeugt, wenn es schon damals Landesgartenschau geheißen hätte, wären es mehr als 100000 Besuche mehr gewesen.“

Der Weg zur Landesausstellung

Für Duderstadt war die Landesausstellung Natur im Städtebau im Jahr 1994 ein nachhaltig prägendes Ereignis. Der Weg dorthin begann fünf Jahre vorher.

1989

Am 20. Juli veröffentlicht das Sozialministerium den Erlass zur Ausschreibung der Landesausstellung Natur im Städtebau im Jahr 1994

Am 27. Oktober gibt Duderstadt vier Tage vor dem Bewerbungsschluss als letzte von 24 Gemeinden seine Bewerbung ab.

1990

Am 15. März verkündet Sozialminister Hermann Schnipkoweit die Entscheidung: Duderstadt wird Austragungsort 1994, Braunschweig 1996.

Am 13. Mai sind Landtagswahlen. Gerhard Schröder wird neuer Ministerpräsident.

Im Lauf des Jahres wird die LNS-Gesellschaft wird gegründet.

1991

Zum 1. Juli stellt die LNS-Gesellschaft Dieter Ballhausen als Projektmanager und Diplom-Landespfleger Frank Widera ein.

Am 3. Dezember wird in einer Kabinettsentscheidung die Auswahl Duderstadt bestätigt.

1993

Am 2. Februar fällt der endgültige Startschuss: Das Kabinett beschließt die verbindliche Finanzierung für die Landesausstellung. Es bleiben 444 Tage bis zur Eröffnung.

1994

Am 22. April eröffnen Ministerpräsident Gerhard Schröder, Sozialminister Walter Hiller mit Duderstadts Bürgermeister Lothar Koch und Stadtdirektor Wolfgang Nolte die Landesausstellung Natur im Städtebau.

Am 12. April erfolgt der Erstkontakt zu Heinz und Inge Sielmann.

Am 1. Juni gründen Sielmanns ihre Stiftung im Berliner Zoo im Beisein von Duderstadts Bürgermeister Lothar Koch und Stadtdirektor Wolfgang Nolte. Noch im gleichen Jahr wird ein Vorvertrag für einen Erbpachtrechtsvertrag für Gut Herbigshagen abgeschlossen.

 

Weitere Höhepunkte im Nachklang der LNS:

1996

Silbermedaille im europäischen Blumenwettbewerb Entente Florale

1998

Biotop des Jahres (Streuobstwiese)

2000

Sonderpreis des NDR im Wettbewerb "Niedersachsen blüht auf"

2012

Tag der Niedersachsen

Von Rüdiger Franke

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