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Thema des Tages 30 Jahre Grünes Band: Ehemaliger Todesstreifen wird Refugium für die Natur
Thema Specials Thema des Tages 30 Jahre Grünes Band: Ehemaliger Todesstreifen wird Refugium für die Natur
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22:00 08.04.2019
Das Naturschutz-Großprojekt Grünes Band führt durch viele Waldgebiete und dient seltenen Tierarten als Refugium. Quelle: Klaus Leidorf
Duderstadt

Nur einen Monat nach der Grenzöffnung haben sich Natur- und Umweltschützer aus Ost und West auf Initiative des BUND (Bund für Umwelt- und Naturschutz) Bayern in Hof getroffen, um den Grenzstreifen als „ökologisches Rückgrat Mitteleuropas“ zu sichern. Das Treffen gilt als Geburtsstunde des Naturschutz-Großprojektes „Grünes Band“.

Die Atempause der Natur im Schatten des Eisernen Vorhangs wurde als Chance begriffen, das Refugium für Tiere und Pflanzen dauerhaft zu sichern, den einstigen Todesstreifen in eine Lebenslinie zu verwandeln. Das entsprach auch der viel zitierten Vision, die Naturfilm-Pionier Heinz Sielmann bereits 1988 im Abspann seines Films „Tiere im Schatten der Grenze“ beschworen hatte. Am Grünen Band bei Duderstadt hat Sielmann, der für seine „Expeditionen ins Tierreich“ die ganze Welt bereist hat, auch seine letzte Ruhestätte gefunden – an der Franz-von-Assisi-Fachwerkkapelle. Am 26. April wird dort die Urne seiner Frau Inge beigesetzt.

Wanderungen am Grünen Band

Eine naturkundliche Wanderung„Grünes Band“ bietet die Sielmann-Stiftung am Sonntag, 12. Mai, an. Die Wanderung „ins Rotmilan-Land“ startet um 10 Uhr auf dem Parkplatz am Waldschwimmbad in Reiffenhausen. Eine geführte Gedenkwanderung mit Zeitzeugen soll am Sonntag, 26. Mai, an die Grenzabriegelung im Mai 1952 erinnern, aber auch über Flora und Fauna am Grünen Band informieren. Treffpunkt ist der Besucherparkplatz von Gut Herbigshagen. Infos und Anmeldungen unter Telefon 0 55 27 / 91 42 15.

Das Grüne Band soll nicht nur als Biotopverbund eine Vernetzungsfunktion erfüllen und ökologische Akzente, sondern als Erlebnisraum für Natur und Geschichte auch touristische Impulse setzen. Ein Pavillon am Grenzlandmuseum Eichsfeld setzt das Grüne Band ebenso in Szene wie die 2015 in der umgebauten Remise des Natur-Erlebniszentrums Gut Herbigshagen bei Duderstadt eröffnete interaktive Dauerausstellung zur Biodiversität „Es lebe die Vielfalt“.

Schluchten- und Auenwälder

Geprägt ist das 130 Kilometer Grenzstreifenlänge abdeckende Grüne Band Eichsfeld-Werratal von Buchenwäldern, Schluchten- und Auenwäldern. Das Bundesamt für Naturschutz weist darauf hin, dass mindestens 63 Prozent der Lebensräume im Fördergebiet als bedroht oder gefährdet gelten. Dort sei eine Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten vertreten, die auf der Roten Liste stehen. Dazu gehören vom Aussterben bedrohte Arten wie Schlankes Wollgras, Rötliche Fetthenne, Raubwürger, Mopsfledermaus und Kleine Hufeisennase. Als Bruthabitat für den Schwarzstorch und Refugium unter anderem für Bachneunauge, Quendel-Ameisenbläuling und Wildkatze komme dem Fördergebiet eine bundesweite Bedeutung zu.

Auch der Wolf wurde schon im Grünen Band Eichsfeld-Werratal gesichtet. Quelle: Heinz Sielmann

Viele seltene Tierarten – auch Luchs und Wolf – würden das Grüne Band als Wanderkorridor nutzen, ergänzt Dr. Heiko Schumacher, der bei der Sielmann-Stiftung in Duderstadt den Geschäftsbereich Biodiversität leitet und das Naturschutzprojekt fachlich begleitet. In größeren Kernflächen wie dem Nationalpark Harz sei das Grüne Band auch Bestandteil des Lebensraumes für den Luchs, für die Region Duderstadt sei im Rahmen des Wolfsmonitorings für 2018/2019 ein bestätigter Nachweis geführt worden. „In Niedersachsen gibt es 22 Wolfsrudel mit Schwerpunkt um die Lüneburger Heide“, sagt Schumacher: „Insofern ist es nicht verwunderlich, dass auch im Eichsfeld mal ein durchziehender Wolf auftaucht.“ Als weitere Tierarten in der Region nennt Schumacher Rebhuhn, Rotmilan,

Die Wildkatze ist am Grünen Band heimisch. Quelle: Sielmann-Stiftung

Feuersalamander, Braunkehlchen und Schwalbenschwanz.

Inventur in der Natur

Bei der 2012 abgeschlossenen Biotop-Kartierung und Arten-Inventur als Grundlage für den Pflege- und Entwicklungsplan wurden allein 390 Tierarten erfasst, die auf der Roten Liste stehen. Und dass, obwohl Reptilien, Wildbienen, Nachtfalter, Ameisen und Spinnen ausgeklammert wurden. Von Kalkmagerrasen bis zu Bachauen wurden Lebensräume durchforstet. Fachleute stellten Fensterfallen für Käfer, Reusen für Kamm-Molche und baldriangetränkte Lockstöcke für Wildkatzen auf, um durch DNA-Analyse hängengebliebener Haare auszuschließen, Hauskatzen auf den Leim gegangen zu sein. Schon bei der damaligen Volkszählung für Flora und Fauna zeichnete sich ein Artenwandel durch den Klimawandel ab. So wurde im Werratal die mediterrane Feuerlibelle entdeckt.

Liegt auf Thüringer Terrain: der sogenannte Kolonnenweg längs der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Quelle: R

Das Grüne Band habe nach der Wende zahlreiche Einengungen und Querungen durch Straßen und Bahnlinien erfahren, räumt Schumacher ein: „Es ist aber nach wie vor und mehr denn je eine ganz wichtige Biotopverbundlinie.“ Der unter dem Strich zu konstatierende Erfolg des Grünen Bandes sei auf jahrzehntelange intensive Anstrengungen regionaler und überregionaler Akteure zurückzuführen, auch weiterhin gemeinsame Anstrengungen von Naturschutz über Landnutzer bis zu Bildungseinrichtungen gefragt. Für das Nationale Naturmonument auf Thüringer Seite entstehe ein Ranger-System, weitere Wanderwege seien geplant, die Schäferei zur Offenhaltung der Landschaft werde durch maschinelle Einsätze ergänzt.

Grünes Band bleibt rotes Tuch für Bauern

Von „kalter Enteigung“war die Rede, als mehr als 250 Landwirte vor sechs Jahren in Duderstadt gegen das Grüne Band demonstrierten. Inzwischen ist der Ton moderater geworden, der Interessenkonflikt gärt aber weiter. „Der eigentliche Grenzstreifen ist schützenswert, die Ausweitung darüber hinaus sehen wir kritisch“, sagt der Göttinger Landvolk-Geschäftsführer Achim Hübner: „Wir haben ein Problem mit der Dimension des Großprojektes.“ Vor Beginn der Projektphase II seien Nachbesserungen mit Flächenreduzierung in Aussicht gestellt worden, um die Akzeptanz zu erhöhen: „Auf den Abschlussbericht warten wir seit Jahren.“ Hübner verweist auch auf eine Resolution vom 27. März gegen die Ausweisung des Grünen Bandes Thüringen als Nationales Naturmonument. „Unter dem Deckmantel der Erinnerungskultur soll ein Naturschutzgesetz installiert werden“, heißt es in der Unterschriftenaktion, die sich gegen „erhebliche Nutzungseinschränkungen“ für Gewerbetreibende, Landwirte, Jäger und Waldbesitzer durch den Sonderstatus richtet. Die Beantragung der zweiten Förderphase sei von der Sielmann-Stiftung nach den Protesten der Landwirte zunächst ausgesetzt worden, bestätigt Bärbel Diebel-Geries. Das Ingenieurbüro Geries sei für das Projektgebiet in Niedersachsen mit einer Machbarkeitsstudie beauftragt worden, die Ergebnisse bislang nicht veröffentlicht. Als Erfolg wertet Diebel-Geries das Projekt „Grüne Flächenbewirtschaftung in der Rhumeaue“, das in enger Abstimmung über Bewirtschaftungsaufgaben mit Partnern aus der Landwirtschaft umgesetzt werde.

Lücken im Biotopverbund

Vom 2. bis 4. April hat sich eine Fachtagung in Oberfranken mit „Management des Nationalen Naturerbes Grünes Band“ befasst. Als ein Problem nennt Prof. Kai Frobel vom BUND Bayern die intensive landwirtschaftliche Nutzung in Teilbereichen: „Das Schließen von Lücken ist die große Herausforderung, erschwert durch kleinräumige Besitzverhältnisse, Nutzungsdruck von benachbarten Flächen und den derzeitigen massiven Flächenhunger.“ Das bereitet auch Dr. Uwe Riecken, Abteilungsleiter im Bundesamt für Naturschutz, Sorgen: „Weitere Lücken müssen geschlossen, Defizite bei der Pflege der Lebensräume angegangen und nicht naturschutz-konforme Nutzungen beendet werden.“ Der Tagungsort Mitwitz gilt als Geburtsort der Grüne-Band-Idee. Bereits seit Mitte der 1970er-Jahre haben dort ehrenamtliche Naturschützer den damaligen Grenzbereich kartiert, um dessen herausragenden ökologischen Wert zu dokumentieren.

Chronik: Das Grüne Band im Dreiländereck

– März 1989: Erstausstrahlung des Sielmann-Films „Tiere im Schatten der Grenze“

– Dezember 1989: Gesamtdeutsches Treffen von Natur- und Umweltschützern mit Resolution für das Grüne Band, an die 1990 Umweltminister Klaus Töpfer anknüpft

– August 1994: Gründung der Heinz-Sielmann-Stiftung

– 1995/1996: Bundespräsident Roman Herzog und Bundesumweltministerin Angela Merkel setzen sich für das Grüne Band als modellhaftes Naturschutzprojekt ein

– Juni 1996: Eröffnung des Natur-Erlebniszentrums der Sielmann-Stiftung auf Gut Herbigshagen bei Duderstadt, Bemühungen um Sicherung des acht Kilometer langen repräsentativen Abschnitts zwischen Ecklingerode und Teistungen

– 1998: Thüringen bekennt sich zum „Grünen Band“, BUND baut Projektbüro in Nürnberg auf

–2000: Grenzstreifen zwischen Teistungen und Ecklingerode wird Naturschutzgebiet, Sielmann-Stiftung erwirbt erste Flächen

– April 2001: Bundesamt für Naturschutz genehmigt Entwicklungsvorhaben Grünes Band

– 2002: Einweihung des WestÖstlichen Tores bei Duderstadt mit Michail Gorbatschow

– 2003/2004: Die Sielmann-Stiftung initiiert mit der HAWK Göttingen (Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst) das Naturschutzprojekt „Grünes Band Eichsfeld“, auf europäischer Ebene wird der „European Green Belt“ festgelegt

– 2005: Gebietskulisse in der Region wird vergrößert, für „Grünes Band Eichsfeld-Werratal“ wird nach Niedersachsen und Thüringen als drittes Bundesland Hessen an Bord geholt

– 2009: Bewilligungsbescheid wird an die drei Länder und die Sielmann-Stiftung übergeben

– 2010: Pflege- und Entwicklungsplan für „Grünes Band Eichsfeld-Werratal“ startet

– 2011/2012: Proteste von Waldbesitzern aus Thüringen, Unterschriftenaktion des Göttinger Landvolks

– 2013: Förderphase I wird abgeschlossen, Förderkulisse reduziert

– 2016/2017: Förderphase II soll weiterverfolgt werden, Auftakt des Projektes „Grüne Flächenbewirtschaftung in der Rhumeaue“

– November 2018: „Grünes Band Thüringen“ wird auf Länge von 763 Kilometern als „Nationales Naturmonument“ ausgewiesen

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Das Grüne Band Europa hat eine Gesamtlänge von mehr als 12500 Kilometern, führt durch 24 europäische Staaten vom Norden Norwegens bis zum Schwarzen Meer. In Deutschland hat das Grüne Band eine Länge von knapp 1400 Kilometern, im Herbst wurde das 763 Kilometer lange Grüne Band Thüringen als Nationales Naturmonument ausgewiesen. Das wertet BUND-Fachbereichsleiterin Dr. Liana Geidezis als Meilenstein. In Sachsen-Anhalt solle die Ausweisung des Grünen Bandes als Nationales Naturmonument noch in diesem Herbst zum 30-jährigen Jubiläum des Mauerfalls erfolgen, Hessen habe als erstes westliches Bundesland die Ausweisung des Grünen Bandes als Nationales Naturmonument im Koalitionsvertrag stehen.

Der Luchs nutzt das Grüne Band als Wanderkorridor, im Harz als Lebensraum. Quelle: Sielmann-Stiftung

Von Kuno Mahnkopf

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