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Thema des Tages In Göttingen regt sich Widerstand gegen den Numerus Clausus
Thema Specials Thema des Tages In Göttingen regt sich Widerstand gegen den Numerus Clausus
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00:26 29.03.2018
Studenten demonstrieren 1973 in Hannover gegen den Numerus Clausus.
Studenten demonstrieren 1973 in Hannover gegen den Numerus Clausus. Quelle: Schilling
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Göttingen

Es ist das Spiel von Angebot und Nachfrage – steigt die Nachfrage, steigen die Preise. Im Falle der Hochschulen bekam der Preis 1968 einen Namen: Numerus Clausus, kurz NC. Weil die Zahl der Studieninteressenten die Zahl der Studienplätze bei weitem übertraf, wurde mit der Abiturnote ein einfaches Kriterium genommen, um den Hochschulzugang in den stark nachgefragten Fächern zu begrenzen.

Damals wie heute einer der beliebtesten Studiengänge: Medizin. Und damals wie heute ist der NC ein kontroverses Instrument. Begrenzung der beruflichen Wahlfreiheit, eine kalte Note statt persönlicher Eignung oder Motivation, kritisieren die einen. Praktische Notwendigkeit und Rechtssicherheit im Falle von Klagen, weil nun einmal nicht genügend Studienplätze zur Verfügung stehen, sagen die anderen.

1968: NC als Folge bildungspolitischen Versagens?

1968 schon wurde die Entscheidung, den NC ins Leben zu rufen, als Folge bildungspolitischen Versagens betrachtet. Die Studentenschwemme zeigte klar, dass es einen Bedarf nach einem Ausbau des Hochschulsystems gab – doch mehr Geld wurde nicht zur Verfügung gestellt. Über das Notenkriterium und Wartezeiten sollte stattdessen der Studentenberg „untertunnelt“ werden. Faktisch hat sich bis heute nicht viel daran geändert. Während die außeruniversitären Forschungseinrichtungen mit dem Bund feste jährliche Etatzuwächse vereinbart haben, müssen die Hochschulen direkt mit ihren Wissenschaftsministerien verhandeln – ein mühsames Geschäft angesichts chronisch leerer öffentlicher Kassen. Da bleibt der Ausbau von Studienplätzen mehr oder weniger auf der Strecke. Eine große Ausnahme, die allerdings der akuten Not geschuldet war, war der Hochschulpakt 2020. Darüber wurden zusätzliche Studienplätze finanziert, die aufgrund des doppelten Abiturjahrgangs notwendig wurden. Allein in Göttingen wurden jährlich so rund 970 zusätzliche Studienplätze in stark nachgefragten Studiengängen geschaffen.

Ist der NC also nur eine Folge der Unterfinanzierung der Hochschulen? Teilweise, aber dennoch ist das Argument zu kurz gesprungen. Es gibt derzeit vier bundesweit zulassungsbeschränkte Studiengänge, für die es ein zentrales Vergabeverfahren gibt: Humanmedizin, Zahnmedizin, Ziermedizin und Pharmazie. Daneben existiert eine unüberschaubare Zahl an örtlichen Zulassungsbeschränkungen in einzelnen Fächern – sehr beliebt sind unter anderem BWL, Jura oder Psychologie.

Uni Göttingen: im vergangenen Wintersemester 37 grundständige Studiengänge örtlich zulassungsbeschränkt

„Bei diesen örtlichen Zulassungsbeschränkungen sieht man regional große Unterschiede“, so Laura Berndt vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung in Hannover. „In Baden-Württemberg oder Hamburg liegt die Anzahl der zulassungsbeschränkten Bachelorstudiengänge bei über 50 Prozent. In Thüringen hingegen liegt deren Anteil bei knapp über zehn Prozent.“ Dies sei dem komplexen Verhältnis von Angebot und Nachfrage geschuldet – nach speziellen Studiengängen, aber auch nach bestimmten Regionen und Städten. Eine Hochschule mit einem unattraktiven Fächerspektrum in einer unattraktiven Stadt braucht keinen NC – da hilft dann auch nicht mehr Geld vom Land. An der Uni Göttingen waren im vergangenen Wintersemester 37 grundständige Studiengänge örtlich zulassungsbeschränkt – etwas über ein Drittel des Gesamtangebots. „Die Zahl kann sich aber verändern“, so Jörn Alphei, Leiter Studium an der Universität Göttingen.

Im Kern der NC-Diskussion steht jedoch eher die Frage, wie die Zulassungsbeschränkung ausgestaltet wird. Eine starke Fokussierung auf die Abiturnote oder ergänzend der Notendurchschnitt von für das jeweilige Studium relevanten Fächern – im Falle von BWL in Göttingen sind das Mathe, Englisch, Deutsch – wird kritisch gesehen, da Noten wenig über Eignung und Motivation eines Bewerbers aussagen. Allerdings stellen gute Schulnoten nach wie vor das beste Vorhersageinstrument für den erfolgreichen Abschluss eines Studiums dar. Und sie sind organisatorisch einfach zu handhaben. Jede Alternative, die eine stärkere Individualisierung des Auswahlprozesses vornimmt, ist mit einem hohen zeitlichen und personellen Aufwand verbunden.

Nachteil: reine Notenfixierung

„Universitäten nehmen aber gerne die bequemste Lösung, auch, wenn sie nicht die aussagekräftigste ist“, so Dominik Bollendorf, Außenreferent im AStA der Universität Göttingen. Er sieht den Nachteil einer reinen Notenfixierung nicht nur darin, dass man die individuelle Eignung und Motivation ignoriert, sondern auch darin, dass die Notendurchschnitte je nach Bundesland teils weit auseinanderliegen und daher schwer vergleichbar sind.

Bei 0,6 Notenpunkten liegt diese Spreizung, so Michael Brüggemann, Leiter des Felix-Klein-Gymnasiums in Göttingen. In der Kultusministerkonferenz gebe es entsprechend viele Gespräche über diesen Punkt. „Wenn jeder eine eins hat, ist eine eins nichts mehr wert.“

Landesgesetze regeln Zulassungsverfahren

Wie die Zulassungsverfahren an den einzelnen Hochschulen auszusehen haben, regeln Landesgesetze. Niedersachsen schreibt vor, dass die Note ein maßgebliches Kriterium sein muss, dass aber noch ein weiteres Kriterium heranzuziehen ist.

„Bei uns werden in den meisten Bachelorstudiengängen zur Abiturdurchschnittsnote noch die gewichteten Noten von Einzelfächern herangezogen“, sagt Ulrich Löffler, Leiter der Abteilung Studium und Lehre an der Universität Göttingen. In Einzelfällen gebe es allerdings auch Auswahltests und -gespräche. In Masterstudiengängen seien diese hingegen weit verbreitet. Zwischen 20.000 und 30.000 Bewerbungen gingen auf etwas über 3000 zulassungsbeschränkte Bachelorstudienplätze jährlich ein, so Löffler. Wie die jeweilige Auswahl der Bewerber geschieht, regeln die einzelnen Fakultäten – das ist von Fach zu Fach unterschiedlich.

Ob eine flächendeckende Einführung von Auswahlgesprächen bei der Bewerberlage überhaupt durchführbar ist? „Schwierig“, so Löfflers Kommentar. Aber es gibt Bewegung in diese Richtung, auch angestoßen durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts von Ende 2017 zur Vergabepraxis der Medizinstudienplätze. Man beobachte, wie die Neuregelung in der Medizin aussehen wird. „Natürlich gibt es auch bei uns verschiedene Überlegungen, wie man die Auswahlverfahren im Bachelor- und Masterbereich weiterentwickeln kann“, sagt Löffler. Noch im Laufe des Jahres 2018 soll es konkreter werden. Doch so oder so – die Note wird eine dominierende Rolle behalten.

An der PFH zählt nur das Gespräch

Einen konsequent anderen Weg ohne Numerus Clausus geht die Private Hochschule Göttingen (PFH). „Ein Schüler mit einer drei in der Abiturnote ist nicht zwangsläufig ein schlechter Student“, sagt Prof. Joachim Ahrens, Vizepräsident für Studium und Lehre der PFH. Seit ihrer Gründung 1995 bewahrheitet sich diese Erkenntnis immer wieder.

Natürlich ist die PFH in einer bequemeren Position als staatliche Massenuniversitäten: Studiengebühren reduzieren die Zahl der Bewerber. Das Verhältnis von Studieninteressenten zu vorhandenen Plätzen liegt bei etwa drei zu eins. „Die Abiturnote ist auch ein guter bis sehr guter Prädiktor für den Studienerfolg. Aber eben nicht der einzige“, sagt Ahrens. Deswegen lädt die PFH auch alle Bewerber zu einem Gespräch ein.

Nach der Bewerbung gibt es noch einen Allgemeinbildungstest. „Wir wollen wissen, was unsere Bewerber mitbringen“, erklärt Ahrens. „Aber entscheidend ist das Gespräch.“ Mit jedem Bewerber gibt es ein etwa halbstündiges Kennenlerngespräch mit zwei Mitarbeitern der PFH. „Es ist keine Prüfung. Wir möchten die Motivation der Bewerber kennenlernen und wir möchten, dass sie uns kennenlernen.“ Denn aufgrund der kleinen Kohorten sei die Atmosphäre sehr familiär, darauf müsse man sich einlassen.

Was hat der Bewerber ehrenamtlich gemacht, war er im Ausland, schaut er über den Tellerrand, wie empathisch ist er? „Uns interessiert, was die Note oder der Lebenslauf nicht mitteilen.“ Ahrens sieht das Konzept durch den Werdegang der PFH-Studenten bestätigt. Diese würden ihr Studium ausgesprochen selten abbrechen und wenn, dann in der Regel im ersten Semester, sie würden fast alle in der Regelstudienzeit fertig und finden so gut wie alle nahtlos nach dem Abschluss einen Job. Ungeachtet des Umstandes, dass sie einen eventuellen NC nicht geschafft haben.

In der Schule: „Kampf um Noten“

Louisa Beyer bereitet sich derzeit auf ihr Abitur am Göttinger Felix-Klein-Gymnasium vor. Bis März war sie noch Schülersprecherin, ab dem kommenden Wintersemester soll es an die Uni gehen, um Jura zu studieren. Der NC und das Bewerbungsverfahren sind für Louisa Beyer daher gerade sehr präsent, auch wenn diese aufgrund ihres guten Notendurchschnitts keine Hürden darstellen werden.

Bei ihren Mitschülern sieht das durchaus anders aus, denn ein ungebrochen hoher Anteil der Schüler eines Abi-Jahrgangs wollen studieren – im Jahr 2000 lag die Studierquote noch bei 33 Prozent eines jeweiligen Geburtsjahrgangs, 2017 lag sie bei 56 Prozent. Da die Finanzierung der Hochschulen und damit das Angebot an Studienplätzen in stark nachgefragten Fächern mit dieser Nachfrage nicht mithält, gibt es teils hohe Zugangsbeschränkungen. „Der Kampf um Noten existiert und der psychische Druck ist definitiv da“, beobachtet Beyer.

Ganz extrem sei das natürlich im Falle des Medizinstudiums. Nur mit einer Note von 1,0 oder 1,1 ist zurzeit ein Studienplatz garantiert. In ihrem Freundeskreis erlebe man stressbedingt „schon mal die eine oder andere mentale Krise. Dann sitzt man abends nur auf dem Bett und fragt sich: Wie soll ich das schaffen, wie bekomme ich eine gute Note?“ Wenig Verständnis hat sie entsprechend dafür, wenn jemand sagt, das sei ja nur Schule und sie sollten sich nicht so stressen. „Das gibt uns das Gefühl, dass es eigentlich keinen Grund gibt, uns zu stressen.“ Ähnlich in der Debatte über ein zu einfaches Abitur. „Ich muss sehr für die eins vor dem Komma kämpfen. Die Debatte relativiert meine Mühen dermaßen, weil der Eindruck vermittelt wird: Wenn du was lernst, dann ist das doch kein Problem.“

Diese starke Fixierung von Schülern auf die Abiturnote, gerade wenn sie beabsichtigen, ein NC-Fach zu studieren, beobachtet auch FKG-Schulleiter Michael Brüggemann. Das habe Folgen: „Das Gymnasium hat den Auftrag, eine Studierfähigkeit zu gewährleisten. Doch bei manchen Schulen hat das inzwischen eine geringere Bedeutung als die reine Note.“ Gleichzeitig verglichen Schüler zunehmend die Schulen untereinander und schauten, wo sie eventuell leichter eine gute Abiturnote bekommen. „Das ist aus meiner Sicht nachvollziehbar, aber schade“, so Brüggemann.

Dass an einer Zugangsbeschränkung für das Studium kein Weg vorbeiführt, ist für Beyer und ihren Schulleiter klar. Eine Mischform zwischen Note und Motivation beziehungsweise Eignung hält Brüggemann daher für erstrebenswert. Beyer würde es ebenfalls als hilfreich empfinden, wenn bei der Studiumszulassung nicht nur die Note herangezogen würde. „Die reine Note hat für mich keine Aussagekraft darüber, wie gut ein Mensch für einen Studiengang geeignet ist. Wir bekommen seit Jahren gesagt: Mit dem Abi in der Hand steht euch die Welt offen“, so Beyer. „Aber eigentlich steht sie uns nicht offen, beziehungsweise manche Studiengänge nicht.“

Von Sven Grünewald