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Thema des Tages 70 Jahre Arbeit und Leben in Göttingen – bis zu 23000 Unterrichtsstunden
Thema Specials Thema des Tages 70 Jahre Arbeit und Leben in Göttingen – bis zu 23000 Unterrichtsstunden
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13:09 29.05.2019
70 Jahre Arbeit und Leben in Göttingen: Seit 1994 gibt es am Standort Lange-Geismar-Straße eine Lehrküche mit Restaurant für Fortbildungen und Umschulungen. Quelle: Christina Hinzmann / GT
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Göttingen, Göttingen

Sie gehört zu den größten Bildungseinrichtungen in der Region und organisiert jährlich 23 000 Unterrichtsstunden für mehr als 1500 Jugendliche und Erwachsene. In dieser Woche feiert die Bildungsvereinigung „Arbeit und Leben Niedersachsen Süd“ (A&L) ihren 70. Geburtstag.

70 Jahre A&L in Göttingen seien 70 Jahre steten Wandels, sagt Ludwig Pufal, Leiter für den Bereich berufliche Bildung und mit 28 Jahren Mitarbeit ein Urgestein im Team. „Wir haben uns immer wieder den gesellschaftlichen Erfordernissen im Bereich Erwachsenenbildung angepasst und unser Angebot entsprechend ausgerichtet“, fügt er an.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lag die Bildung in Deutschland brach. Schulen waren zerstört, Lehrer im Krieg gefallen. Viele Kinder und Jugendliche hatten nur sporadisch eine Schule besucht. Junge Kriegsheimkehrer waren erwachsen geworden, hatten aber keinen Schulabschluss.

In dieser Phase nahmen die Gewerkschaften ihre Tradition auch im Bildungsbereich wieder auf. Sie organisierten wieder Schulungen und Kurse zur Erwachsenenbildung – nicht nur für Mitglieder. Dabei holten sie in einigen Regionen Niedersachsens die Volkshochschulen (VHS) mit ins Boot – auch in Göttingen. Das klar definierte Ziel erklärt die Göttinger Regionalleiterin Petra Köster: „Eine Erwachsenenbildung, die zu einer demokratischen Republik passt.“ Dabei sollte eine kritisch-emanzipatorische Pädagogik zu einem demokratischen Denken und Handeln der Bürger beitragen.

Bildung für Arbeiter und Arbeiterinnen

Einen besonderen Fokus bildete dabei immer die Bildung von Arbeiterinnen und Arbeitern. Vor allem sie sollten in politischen Arbeitskreisen in die Lage versetzt werden, als mündige Bürger an einer demokratischen Gesellschaft teilzuhaben.

In anderen Regionen Niedersachsens erfolgte die offizielle Gründung des Bildungsvereins unter DGB- und VHS-Regie 1948, Göttingen zog ein Jahr später nach. Damit sei der Grundstein gelegt worden. Bis heute biete A&L ein breites Spektrum von Bildungsangeboten von beruflicher über allgemeine bis zu politischer Bildung, so Köster. Mit dieser Gründungsgeschichte lasse sich auch die bis heute anhaltende Nähe zur Gewerkschaft erklären, auch wenn „Arbeit und Leben“ zwischenzeitlich in eine eigenständige Bildungsvereinigung überführt wurde.

Das ehemalige Ruhstrat-Gebäude an der Lange-Geismar-Straße - heute Sitz von Arbeit & Leben. Quelle: R / Städtisches Museum

Schulabschlüsse und Pflegeschule

Neben der traditionellen politisch-kulturellen Bildung wurden im Laufe der Jahre immer neue Arbeitsschwerpunkte entwickelt, insbesondere in den Bereichen allgemeine und berufliche Bildung. Der Schwerpunkt habe dabei allerdings immer auf Angeboten für benachteiligte Jugendliche und Erwachsene gelegen, betont Pufal. Unter anderem können Erwachsene bei A&L einen Haupt- oder Realschulabschluss erwerben. An der Langen Geismar-Straße hat die Regionalstelle eine Berufsfachschule für Altenpflege und Pflegeassistenz etabliert – die größte in Niedersachsen.

Es gibt Umschulungsmaßnahmen im Pflege- und Gastronomiebereich – letztgenannte seit 1994 in einem eigenen Lehrrestaurant mit Küche. In den jüngsten Jahren hinzugekommen sind Sprachkurse für Migranten. Und immer noch gibt es ein breites Angebot von Bildungsurlauben.

Finanziert wird A&L und das Angebot aus verschiedenen Quellen. Als anerkannte Bildungseinrichtung bekommt die Einrichtung Landesmittel, Teilnehmer zahlen Beiträge und es gibt etliche projektbezogene Gelder unter anderem von den Arbeitsagenturen und Jobcentern sowie aus EU-Töpfen. Denn auch die europäische Dimension sei heute fester Bestandteil der Bildungsaktivitäten geworden, erklärt Köster und ergänzt: „Wir kooperieren mit Partnern in 13 europäischen Ländern.“

Drei Millionen Euro jährlich

Die jährlichen Einnahmen liegen zurzeit bei drei Millionen Euro, etwa 15 Prozent werden über das Niedersächsische Erwachsenenbildungsgesetz vom Land gedeckt. 42 Angestellte sorgen dafür, dass alles rund läuft, hinzu kommen nach Angaben von Köster etwa 115 Honorarkräfte in allen Bildungsbereichen. A&L ist in vier regionale Geschäftsbereiche unterteilt: Nord, Mitte, Ost und Süd. Zunächst war A&L im alten Gewerkschaftshaus untergebracht, später zog die Bildungseinrichtung in die Levinstraße.

Seit 1994 befinden sich die Geschäftsstelle und meisten Schulungsräumen an der Langen Geismarstraße. Weitere Kursräume gibt es an der Godehardstraße sowie in entfernteren Ortschaften in den Landkreisen Göttingen, Northeim und im Eichsfeldkreis.

In der Lehrküche wird täglich gekocht. Das Restaurant ist frei zugänglich. Quelle: Christina Hinzmann / GT

A&L ist in vier regionale Geschäftsbereiche unterteilt: Nord, Mitte, Ost und Süd. Zunächst war A&L im alten Gewerkschaftshaus untergebracht, später zog die Bildungseinrichtung in die Levinstraße. Seit 1994 befinden sich die Geschäftsstelle und meisten Schulungsräumen an der Langen-Geismar-Straße. Weitere Kursräume gibt es an der Godehardstraße sowie in entfernteren Ortschaften in den Landkreisen Göttingen, Northeim und im Eichsfeldkreis.

Den 70. Geburtstag feiert Arbeit & Leben an diesem Mittwoch mit geladenen Gästen im Alten Rathaus. Vorgesehen sind unter anderem Grußworte des Göttinger Oberbürgermeisters, des Bundestagsabgeordneten Thomas Oppermann (SPD), des Schul- und Sozialdezernenten des Landkreises Göttingen, Marcel Riethig und des A&L-Geschäftführers Maximilian Schmidt.

Das A&L-Angebot heute

Die Bildungsvereinigung Arbeit und Leben Niedersachsen ist eine vom Land anerkannte und geförderte Einrichtung der Erwachsenenbildung. Ihr aktuelles Bildungsangebot in Südniedersachsen – von Einbeck bis Göttingen – und Nordthüringen umfasst unter anderem:

Seminare im Bereich politisch-kultureller Bildung (auch als Bildungsurlaub);

Kurse zum nachträglichen Erwerb eines Schulabschlusses;

Berufsorientierung für junge Erwachsene;

Ausbildung und Umschulung in verschiedenen Berufen;

Berufliche Weiterbildungsmaßnahmen für Beschäftigte und Arbeitslose;

Qualifizierungsprojekte für Arbeitslose und Beschäftigte in unterschiedlichen Branchen, mit Förderung durch die Europäische Union;

Deutsch-Kurse und sonstige Integrationsmaßnahmen für Migranten

Kontakt und weitere Infos online unter gturl.de/ArbeitLeben

70 Jahre Arbeit und Leben – So fing es an

 Wenige Tage, nachdem am 8. April 1945 die US-Soldaten am Gänseliesel standen und die Engländer in Göttingen, in ihrer britischen Besatzungszone, nachrückten, beantragten Fritz Schmalz (1897–1964), Karl Arnholdt (1885–1951), Ernst Fahlbusch (1894–1964), Walter Hoppe und Karl Kühnemund, den Freien Gewerkschaftsbund in Göttingen wieder zuzulassen. Schmalz gehörte dem verfolgten Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK) an, Arnholdt organisierte den Widerstand der SPD, Fahlbusch (SPD), Hoppe und Kühnemund vertraten die Christlichen Gewerkschaften.

Fritz Schmalz, Mitbegründer der Gewerkschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Quelle: R / Städtisches Museum

Die britischen Offiziere hatten trotz allem Wohlwollen, in London regierte die Labour-Partei, noch keinen Plan, wie mit den Gewerkschaften umzugehen sei und lehnten das Ersuchen ab. Die wirtschaftlichen Problem in England führten dazu, dass die wirtschaftlich auf der Seite der Unternehmer stehenden Amerikaner das Heft in die Hand nahmen und die Gewerkschaftsarbeit erst einmal behinderten. Ein Jahr später erfolgte die Zulassung.

Die Göttinger Gewerkschafter begannen sofort die Tradition der Schulungskurse für ihre Mitglieder und Funktionäre in den Betrieben wiederaufzunehmen. Schon 1946 hatten sich 6187 Mitglieder hier eintragen lassen. Es galt die Indoktrination der Nazis in der Bildung und die Gleichschaltung in der Deutschen Arbeitsfront (DAF) zu überwinden. Das 1922 geschaffene Volksheim, das Göttinger Gewerkschafts- und SPD-Haus im Maschmühlenweg, war bei einem Bombenangriff zerstört worden, so begann die Arbeit in der Weender Straße 86 des nun auch in Göttingen ab 1947 sogenannten Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB).

Ein Jahr zuvor hatten Beratungen zur Wiedergründung der Volkshochschule (VHS) zwischen SPD, DGB und der Stadtverwaltung begonnen. Die Kontrahenten in dem ideologisch aufgeladenen Streit um die VHS waren für die Arbeiterbewegung der DGB-Sekretär Schmalz und für die Stadt der nach Jahren der KPD- und NSDAP-Zughörigkeit nun nach rechts orientierte Kulturdezernent Karl Pfauter.

Arbeitsplan 1949 für das erste Semester. Quelle: R / VHS Archiv

Letztgenannter wurde von dem Stadtdirektor Helmut Kuss (CDU) unterstützt. Der DGB wollte nicht zulassen, das die VHS in die Hände ehemaliger Nazis kommt, die Stadt nicht zulassen, dass einer der wenigen anständig gebliebenen gewerkschaftsnahen Persönlichkeiten die Leitung übernehmen sollte.

So eröffnete die VHS 1948 ohne einen Leiter ihre Tore, gleichzeitig wurde auf Landesebene auf Initiative der Gewerkschaften eine Bildungseinrichtung geschaffen, die die VHS und den DGB zusammenführten: die Bildungsvereinigung Arbeit und Leben. Die Göttinger ergriffen sofort die Chance, die diese Kooperation eröffnete. Die VHS hatte keine Lobby, aber das Wohlwollen der bürgerlichen Kreise und der Verwaltung, dazu zu wenig Geld für ihre Aufgaben.

Der DGB saß über seine Mitglieder in den politischen Entscheidungsgremien und konnte so die finanzielle Ausstattung nach und nach für die gemeinsame Bildungsarbeit verbessern. Die Leitung von Arbeit und Leben übernahm der Bildungsbeauftragte des DGB Ernst Gentsch. Der sinnvolle Versuch, ihn auch als Leiter der VHS zu installieren, scheiterte, da die rechten Kräfte im Rathaus dies verhinderten. Der DGB war ihnen zu „klassenkämpferisch“, wie es in den Akten zu lesen ist. Erst 1950 wurde mit Walter Städtler (1921–1976) ein VHS-Leiter eingestellt.

Arbeit und Leben Göttingen begann seine Bildungsarbeit am 1. April 1949. Das ging nach dem materiellen und geistigen Zusammenbruch, der auch in Göttingen Spuren der Not, des Elends und der sittlichen Verrohung zur Folge hatte, nicht ohne weitere heftige Auseinandersetzungen vor sich. Der DGB hatte 1948 ein großes eigenes Bildungsangebot veröffentlicht, die VHS, die noch zögerlich debattierte, ob Sprach- und Esperantokurse zu ihrem „Wesen“ gehören sollten, wollte die Zusammenarbeit aufkündigen. Im Mai 1949 kam dennoch das erste von vielen gemeinsamen Programmheften heraus. Im Vorwort hieß es, „daß im Mittelpunkt unserer Volkshochschularbeit der arbeitende Mensch steht“. Mit 71 Lehrgängen und fast 1000 Teilnehmern war Göttingen die erfolgreichste Einrichtung in Niedersachsen oder, wie es damals hieß, „an der Spitze“.

Die VHS übernahm die gemeinsame Verwaltung der Einrichtung und dies hielt insbesondere aufgrund der erfolgreichen Schulabschlusskurse bis 1970. In diesem Jahr trennte ein fortschrittliches Erwachsenenbildungsgesetz, das die Finanzierung sicherte, die VHS und Arbeit und Leben. Bis dahin leiteten AuL nach Ernst Gentsch, für die Jugendarbeit wurde Artur Levi (1922–2007) eingestellt, Bruno Urbaschek (1935–1967), Jörg Wollenberg, Dieter Germann (1936–2018), von 1991 bis 2016 Bernd Schütze und seit 2018 Petra Koester. Seit 1997 hat AuL in der ehemaligen Ruhstratschen Fabrik in der Langen Geismarstraße ein eigenes Schulungsgebäude und gehört weiter zu den größten Einrichtungen in Niedersachsen. Am 29 Mai feiert AuL im Alten Rathaus sein 70-jähriges Bestehen.

Von Günter Blümel

Der Verfasser war VHS-Leiter von 1977 bis 2010, er vertrat die Volkshochschulen im Landesvorstand von Arbeit und Leben Niedersachsen von 1982 bis 2004

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