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Thema des Tages Die Uroma wurde von Löwen zerrissen
Thema Specials Thema des Tages Die Uroma wurde von Löwen zerrissen
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18:00 04.01.2019
Quelle: dpa
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Herzberg

Claus-Dieter Meyer kann eine recht schillernde Familiengeschichte erzählen: Einer seiner Vorfahren hat den einzigen aktenkundigen Hexenprozess in Osterode angestrengt - zum Glück für die arme Frau ging der glimpflich aus; ein Ururgroßonkel kämpfte in der King’s German Legion aufseiten des englischen Königs gegen Napoleon. Und seine Uroma wurde 1903 bei einer Zirkusvorstellung in Dessau von Löwen zerrissen. Über die Tragödie berichtete damals sogar eine französische Zeitung.

„Ich betreibe Ahnenforschung“, sagt Meyer, daher die interessanten Kenntnisse über die Geschicke seiner Vorfahren. „Ich bin gebürtiger Herzberger. Aber meine Familie ist über die ganze Welt verstreut, von Korea bis Argentinien, von Australien bis Kanada.“ Auf der bekannten Online-Plattform MyHeritage hat Meyer einen ansehnlichen Familienstammbaum wachsen lassen. Die Datenbank von MyHeritage hat ihm die Suche nach zeitlich oder räumlich entfernten Verwandten sehr erleichtert. „Dort bekommt man aus aller Welt Hinweise auf identische Personen in Ahnentafeln“, erklärt er. Nach Angabe des Unternehmens gibt es dort 3,2 Milliarden Nutzerprofile und 43 Millionen Stammbäume.

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Claus-Dieter Meyer mit seinem Stammbaum bei MyHeritage. Quelle: Baumgartner

Ihn interessiere es weniger, Familienzweige auf anderen Kontinenten aufzuspüren, sagt Meyer. Er will lieber die Vergangenheit erforschen und etwas über seine Ahnen herausfinden. Mitunter entdeckt man dabei düstere Geschichten, wie etwa, dass man einen Hexen-Denunzianten in der Familie hatte. „Ich will als Schlossführer anfangen“, berichtet der Herzberger, wie er darauf gestoßen ist. Dafür eignet er sich derzeit Fachwissen an. Ein gewisser Johannes Sindram ist als erster Prediger im Schloss aufgeführt, las Meyer in einer Chronik über das Schloss. „Das war mein Urgroßonkel in 12. Generation. Geboren in Eisdorf um 1520, der Vater war Vogt. Sindram kam als Hofprediger 1552 nach Herzberg“, weiß er inzwischen.

Seit zweieinhalb Jahren geforscht

Über den Pastor Johann Sindram und seinen Beitrag zur Hexenverfolgung in der Region hatte auch der Harz Kurier schon berichtet: Während seiner späteren Amtszeit an St. Aegidien in Osterode veranlasste er im Jahre 1572 die Verweisung einer Bürgerin aus der Stadt. „Er hat eine Grete Mahnkopf der Wahrsagerei beschuldigt“, berichtet der Nachfahre. „Sindram hat sie vor dem Stadtrat angeklagt und behauptet, der Teufel würde ihr in einer Glaskugel die Zukunft vorhersagen.“ Es ist der einzige in Osterode aktenkundig gewordene derartige Vorgang. Die arme Frau kam relativ glimpflich davon, Verhör und Folter blieben ihr erspart.

Seit etwa zweieinhalb Jahren beschäftige er sich inzwischen mit Ahnenforschung, sagt Meyer - aber ausschließlich in der dunklen Jahreszeit. Über einen Bericht im Harz Kurier sei er darauf gekommen. Es ging darin um das Landwehrbataillon, das 1816 aus Waterloo nach Osterode zurückgekehrt war. „Ich wollte wissen, ob ein Vorfahre von mir da gekämpft hat“, sagt Meyer. Und tatsächlich: Ein Urgroßonkel, etwa fünf Generationen zurück, hat eine Erinnerungsmedaille an die Schlacht erhalten, fand er heraus. Der Mann hieß Flachsbarth, stammte aus Eisdorf, und hatte 1809 auf Sizilien gekämpft. „Er gehörte der King’s German Legion an“, berichtet der Nachfahre.

Flachsbarth von der „King’s German Legion“

Die King’s German Legion (Königlich Deutsche Legion) war ein deutscher militärischer Großverband in britischen Diensten und bestand in der Zeit der napoleonischen Kriege von 1803 bis 1816. Sie gilt als der einzige deutsche Verband, der während der gesamten Zeit der französischen Besetzung der deutschen Staaten gegen die französischen Truppen gekämpft hat. „Die wurde unter König Georg III ins Leben gerufen“, sagt Meyer. Es hätten sich dafür viele Freiwillige gemeldet, denn es habe in der Region wenig Arbeit gegeben. Darunter auch Herr Flachsbarth, Meyers Vorfahre. „Bei der Armee gab es hohes Preisgeld, 1000 Taler. Die hat er in die Ehe eingebracht und einen Bauernhof mit Großköthnerstelle gekauft.“

Die Nachforschung über den Veteranen weckte Meyers Interesse an seiner Familiengeschichte und er begann, sie zu beleuchten. Damit steht er nicht allein: Genealogie oder Ahnenforschung erfreut sich als Hobby in Deutschland wachsender Beliebtheit, wenn auch noch längst nicht auf dem Niveau wie etwa in Großbritannien oder den USA, wo es laut eines Berichts des Magazins Spiegel geradezu ein Breitensport ist. Aber auch in Deutschland gibt es eine wachsende Szene, die sich mit Familiengeschichte beschäftigt. Viele Genealogen treten Vereinen in den Regionen bei, aus denen ihre Vorfahren stammen. Zu den nach Mitgliederzahl oder bearbeiteter Gegend größten und aktivsten regionalen genealogischen Vereinen für den deutschsprachigen Raum zählt der Niedersächsische Landesverein für Familienkunde (NLF), der mehr als 600 Mitglieder im In- und Ausland zählt. Der NLF mit Sitz in Hannover wurde im Jahr 1913 gegründet und zählt zu den ältesten familienkundlichen Vereinen in Deutschland. Er hat eine umfangreiche Zusammenstellung von Familiendaten für Niedersachsen im Internet zur Verfügung.

Teilweise echte Detektivarbeit

Diese Familiendatenbank nutzt auch Claus-Dieter Meyer für seine Recherche. Vieles lasse sich über das Internet ermitteln, etwa wo Familiennamen herstammen. Auch Kontakte zu anderen Ahnenforschern über Facebook seien hilfreich. Doch ein wesentlicher Teil ist echte Detektivarbeit: „Ich fahre viel zu Kirchenämtern, um Daten rauszufinden.“ Die Kirchenämter sind sehr hilfsbereit, hat er festgestellt. „Die sagen, dass die Nachfrage steigt.“ Meyer hat das Lesen der alten Schriften gelernt, um in Kirchenbüchern lesen zu können.

Die Vorfahren der meisten Deutschen sind in Kirchenbüchern verewigt. Taufen, Trauungen und Todesfälle finden sich dort präzise notiert. Kirchenbücher sind deshalb eine der wichtigsten Fundgruben für Ahnenforscher in Deutschland, berichtet der Evangelische Pressedienst. Sie enthalten seit dem 16. Jahrhundert akribisch notiert Namen und Daten zu Personen. Ein kirchliches Projekt hat diese Bücher online gestellt: die Kirchenbuchportal GmbH. Sie hat sich zur Aufgabe gesetzt, alle Kirchenbücher - evangelische wie katholische - nach und nach im Internet verfügbar zu machen. Von den rund 200 000 evangelischen und 100 000 katholischen Kirchenbüchern sind allerdings längst noch nicht alle elektronisch erfasst. Die Daten gehen bis ins 16. Jahrhundert zurück. Ihre Grenze liegt bei 1875. Was danach kommt, bleibt aus Datenschutzgründen verborgen. Rund 90 Prozent der Anfragen kommen aus Deutschland, auf Platz zwei folgen die USA. Viele Deutschstämmige in Übersee interessieren sich für ihren Stammbaum.

US-Amerikaner und Australier suchen noch lebende Angehörige

Auch Osterodes Stadtarchivar Ekkehard Eder kriegt regelmäßig Anfragen von Ahnenforschern: Manche wollen einfach ihren Ahnenpass ausfüllen, suchen nach Daten über Hochzeiten oder Todesfälle, „andere wollen mehr wissen, wie die Vorfahren gelebt haben, wo sie gewohnt haben“, berichtet Eder. Insbesondere aus den USA oder aus Australien kämen Anfragen von Menschen, die noch lebende Angehörige in Deutschland suchen: „Osteroder hat es in die ganze Welt verschlagen.“

Im Stadtarchiv kann man zum Beispiel in Steuerlisten oder Standesamtsregistern suchen. „Die ältesten Dokumente stammen aus dem Jahr 1238, da sind einzelne Personen genannt, „aber es wäre ein glücklicher Zufall, da jemanden zu finden“, sagt der Stadtarchivar. Die Trefferchancen wachsen ab dem 16. Jahrhundert: Nach dem großen Stadtbrand von 1545 wurden neue Steuerlisten angelegt. „Man wollte wissen, wer nach dem Brand überhaupt noch ansässig ist.“ Man könne selber vorbeikommen und in den Unterlagen recherchieren, sagt Eder.

„Ich kann die Linie meines Vaters nur bis 1812 zurückverfolgen“, berichtet Claus-Dieter Meyer. „Er hat eingeheiratet in eine Familie von Mühlenbesitzern. Denen gehörte die Wegesmühle in Erbprinzentannen, und in Clausthal die Pixhaier Mühle, das lässt sich bis 1550 zurückverfolgen.“

Die Schicksale der Menschen aus vergangenen Tagen sind nicht selten dramatisch. So etwa bei Johann Dietrich Otte oder Otto aus Wollershausen, Meyers Urgroßvater in sechster Generation, geboren 1774, gestorben 1845. In einem kirchlichen Verzeichnis ist dessen traurige Geschichte stichwortartig zusammengefasst: „gewesener preußischer Soldat, 1813 Polizeidiener, 1815-18 Flurschütz, 1845 Gänsehirt“ – ein krasser sozialer Abstieg. Am 26. April des Jahres 1818 war Ottes Frau Eleonore im Alter von 42 Jahren gestorben, heißt es dort.

Das Paar hatte sechs Kinder: Der erste Sohn Johann Andreas, geboren 1807, wurde 12 Tage alt, der vierte Spross Johann Christian lebte von Juni 1815 bis Mai 1816. Die Zwillinge Justine und Caroline kamen am 6. April 1818 auf die Welt und starben im Juni und im Oktober desselben Jahres - nur kurz nach ihrer Mutter. Claus-Dieter Meyer vermutet, dass Otte an dem tragischen Verlust zerbrochen ist. Die Bearbeiterin des Namensverzeichnisses schildert auch knapp das Ende des Mannes: „Der Gänsehirt Otto ertrank im Lindenbach zusammen mit dem Kind Mae-kler beim Gänsehüten während eines furchtbaren Gewitters, welches den hellen Tag in einer schauerliche Dämmerung verwandelt hatte.“

Spektakuläre und tragische Familiengeschichte

Die sicherlich spektakulärste und auch tragischste Episode aus Meyers Familiengeschichte ist aber zweifellos die von der Uroma, die die Löwen gefressen haben – im Zirkus. Das schreckliche Unglück ereignete sich in Dessau und schaffte es als Bericht sogar bis in die französische Presse. Meyers Urgroßmutter hieß Anna Mudrak und war von Beruf „Domtörin“. Ihr Mann Theodor Fischer war Schausteller und Menageriebesitzer. Meyer hat zwei kleine Bilder, die Fischer in einer Manege mit einem Eisbären und die Urgroßmutter mit einer Riesenschlange um die Schultern zeigen.

Meyers Urgroßmutter Anna Mudrak war Dompteurin. Quelle: Baumgartner

Über ihr grausiges Ende am 7. Dezember 1903 liegt Meyer ein alter Zeitungsbericht aus dem Anhaltischen Staats-Anzeiger vor. „Das war ein tragischer Unfall. Ihre drei Kinder waren in der Vorstellung dabei, meine Oma war knapp zwei Jahre alt.“

In den Zähnen der Bestie

Der Anhaltische Staats-Anzeiger berichtete: „Gegen Schluß der gestrigen Nachmittagsvorstellung begab sich die 26 Jahre alte Frau des Besitzers, die in einer Nummer als Löwenbändigerin auftritt, in den Käfig, in dem sich außer einem mächtigen Löwen noch drei Löwinnen befanden, um ihre Produktionen mit den wilden Tieren vorzunehmen. Der Löwe sollte durch einen Reifen springen, den die Dompteuse in der Hand hielt. Von einem Augenzeugen, der den ganzen Vorgang genau beobachtet hat, wird uns nun mitgeteilt, daß sich das Tier äußerst störrisch verhielt. Die Bändigerin nahm die Gerte zur Hilfe, um die Bestie gefügsam zu machen. Doch statt durch den Reifen zu springen, schlich sich das Tier katzenartig in dem Käfig herum, richtete sich hinter Frau Fischer empor und schlug dieselbe plötzlich mit einem Hieb der gewaltigen Pranken zu Boden.“

Mehrere Männer, mit Eisenstangen bewaffnet, versuchten, der Frau zu helfen, jedoch erfolglos: „Unter großen Anstrengungen gelang es endlich dem Menageriebesitzer, seine Frau den Zähnen der Bestie zu entreißen und aus dem Käfig zu schaffen. Die Unglückliche hatte aber so schwere Verletzungen erlitten, daß sie nach kurzer Zeit ihren Geist aufgab. Das Gehirn hatte der Löwe durch einen Biß freigelegt und ihr auch sonst noch erhebliche Fleischwunden beigebracht.“ Die Vorstellungen in der Menagerie mussten am Unglückstag eingestellt werden, vermerkt die Zeitung. Am nächsten Tag ging die Show aber weiter – „unter Wegfall der Dressurnummer.“

Eine alte Zeichnung zeigt den Löwenangriff im Zirkus, bei dem Meyers Urgroßmutter starb. Quelle: Meyer

Die Uroma stammte aus Tschechien, ihr Stammbaum lasse sich bis 1680 zurückverfolgen. Einige ihrer Nachfahren leben heute in Wien, Meyer hat beispielsweise über Facebook eine Cousine in dritter Generation kennengelernt. Viele Nachkommen sind heute noch Schausteller, hat er so erfahren. Über Facebook ist er auch an das Bild von dem Löwen-Vorfall aus einer französischen Zeitung gekommen.

Aktuell ist er damit beschäftigt, die Linie der Familien Rohrmann und Tolle nachzuforschen, die heute noch die Mühlen bewohnen. „Das sind entfernte Verwandte von mir. Ich bin da hingefahren. So findet man seine Familie wieder“, erzählt er schmunzelnd. Ein weiterer interessanter Ast in seinem Familienstammbaum reicht ins 15. Jahrhundert nach Förste zurück, zu einem Hans Wedemeyer: „Das ist mein Urgroßvater in der 14. Generation. Ein Bruder von ihm soll die Tante von Martin Luther geheiratet haben“, erzählt Claus-Dieter Meyer. „Ich habe aber noch keinen Nachweis gefunden.“

Von Martin Baumgartner