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Thema des Tages Spürhunde mit Fokus: ARV gründet Mantrailer-Staffel in Göttingen
Thema Specials Thema des Tages Spürhunde mit Fokus: ARV gründet Mantrailer-Staffel in Göttingen
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21:23 11.12.2019
Mit voller Konzentration auf der Suche nach Carolin Wichmann: Hündin Keyla zieht Staffelleiter Udo Wichmann hinter sich her. Quelle: Niklas Richter
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Göttingen

Carolin Wichmann ist verschwunden – nur zur Postfiliale ein paar 100 Meter weiter und nur zu Übungszwecken, aber sie ist verschwunden. Keyla ist deshalb ziemlich aufgeregt. Das liegt aber nicht daran, dass sie sich Sorgen um die Verschwundene machte – im Gegenteil: Keyla darf gleich spielen.

Keyla ist Mantrailerin in Ausbildung, und sie ist ein Hund. Zusammen mit vier weiteren Hunden soll sie in naher Zukunft die neue Mantrailer-Staffel des Allgemeinen Rettungsverbandes Niedersachsen-Süd bilden. Mantrailing bezeichnet eine bestimmte Form des Einsatzes von Spürhunden, die zwar viele aus Film und Fernsehen kennen, aber nur wenige aus dem echten Leben. Das Tageblatt stellt Hunde, Menschen und Idee hinter dem Begriff vor.

Was macht eine Mantrailer-Staffel?

In zwei Worten: Menschen finden. Hunde können sehr gut riechen: Sie erschnüffeln die Geruchsspur von Menschen auch lange, nachdem eine Person an einem Ort war. Spürhunde werden eingesetzt, wenn Personen vermisst oder gesucht werden. Der Hund findet die Gesuchten – sein Herrchen oder Frauchen muss sich nur führen lassen und die Zeichen des Hundes richtig deuten. Mantrailer sind Spürhunde, die besonders häufig in Filmen zum Einsatz kommen: Sie brauchen einen Gegenstand, den die gesuchte Person berührt hat, um eine Fährte aufzunehmen, erschnüffeln sich dann den Weg der Person und ziehen ihre Hundeführer hinter sich her.

Vermisste anhand ihres Geruchs aufspüren: Das ist die Spezialität von Spürhunden. Besonders für diese Aufgabe geeignet sind sogenannte Mantrailer. Der Allgemeine Rettungsverband (ARV) gründet deshalb eine neue Staffel in Göttingen – so soll sie arbeiten.

Was unterscheidet Mantrailer von anderen Suchhunden?

Außer Mantrailern gibt es Flächenspürhunde und Trümmersuchhunde, die ein Areal durchsuchen und jeden Menschen anzeigen, den sie erschnüffeln. Mantrailer hingegen suchen ganz gezielt nach einer bestimmten Person, indem sie nur ihre persönliche Geruchsspur verfolgen. Weil sie gezielt suchen, haben sie laut Markus Kaczmarek, Vorsitzender des ARV Niedersachsen-Süd, eine wesentlich höhere Erfolgsquote als andere Hunde.

„Wenn ein Mensch verschwindet und niemand weiß, wohin, dann hat man zwei Möglichkeiten“, sagt Kaczmarek: „Man kann den Wald nebenan mit Flächenspürhunden absuchen, die dann alle Menschen anzeigen, die sie finden können. Oder man lässt einen Mantrailer vom Ort des Verschwindens aus suchen. Im besten Fall findet er den Vermissten direkt. Im schlechtesten Fall zeigt er an, dass der Mensch tatsächlich in den Wald gegangen ist – oder eben doch in die Stadt.“

Lesen Sie mehr: Das sind die angehenden Mantrailer in Göttingen

Wie läuft ein Einsatz für Mantrailer ab?

Wenn eine Mantrailer-Staffel zu einem Einsatz gerufen wird, rücke normalerweise die ganze Staffel aus, erklärt Kaczmarek. Am Ort, von dem die vermisste Person verschwunden ist, werde dann zunächst die Spurenlage bewertet: Gibt es „Geruchsartikel“, also Gegenstände, die die Vermissten berührt haben, von denen die Hunde eine Spur aufnehmen können? Wie lange ist die Person verschwunden?

Im Experiment ist das einfach: Carolin Wichmann ist erst seit fünf Minuten verschwunden und hat sogar absichtlich eine kleine Tasche zurückgelassen. Hündin Keyla ist schon aufgeregt. „Sie merkt daran, dass ich meine Einsatzkleidung anziehe, dass es gleich losgeht“, sagt Udo Wichmann. Für die Hunde sei die Suche nach einem Menschen ein großer Spaß, ergänzt Kaczmarek – so könnten sie ihrem Spieltrieb nachgehen.

Keyla wird ihr Geschirr angelegt, sie schnuppert am Täschchen, das Udo Wichmann ihr vor die Schnauze hält, schaut nach rechts – keine Geruchsspur – und dann nach links – Geruchsspur vorhanden. Keyla zieht Wichmann hinter sich her. Sie findet Carolin Wichmann vor dem Postamt. Zur Belohnung gibt es etwas Leckeres für die Hündin – das sei für die Motivation der Tiere entscheidend, sagt die eben noch „Vermisste“.

Welche Einsätze gibt es für Mantrailer-Staffeln?

Es gebe immer mehr Einsätze für Mantrailer, sagt Kaczmarek. Das liege daran, dass das Filmklischee vom Bluthund, der den entflohenen Häftling zerfleischen soll, langsam überwunden werde. Vor allem aber gebe es immer mehr Situationen, in denen vor allem alte Menschen vermisst würden – und das sei das Spezialgebiet der Mantrailer. Die tierischen Spezialisten würden auch dann eingesetzt, wenn technische Hilfsmittel nicht von Nutzen sind: Mit einer Wärmebildkamera ließe sich schlecht durch das Blätterdach eines Waldes nach Menschen suchen – oder nach Toten.

Welche Mantrailer-Staffeln gibt es noch in der Region?

Mit der Mantrailer-Staffel in Göttingen wolle man eine Lücke schließen, sagt Kaczmarek. Denn bislang ist die Landkarte der Mantrailer in der Region weitgehend leer. Die meisten anderen Rettungshundestaffeln bestehen aus Flächenspürhunden. Bettina König von den Johannitern sagt, Mantrailer seien zu spezialisiert – in den meisten Fällen könne man ebenso gut Flächenspürhunde einsetzen.

Die Johanniter-Rettungshundestaffel Südniedersachsen hat deshalb keine Mantrailer mehr, wie auch die Göttinger Staffel des Bundesverbandes Rettungshunde (BRH). Man habe sich auf Flächensuchhunde spezialisiert, sagt der Vorsitzende Benjamin Maksel. Die nächstgelegene Staffel mit Mantrailern ist die BRH-Staffel Werra-Meißner.

Wie läuft die Ausbildung eines Mantrailers?

Ein Mantrailer sollte schon früh ausgebildet werden, sagt Udo Wichmann. Mit vier oder fünf Monaten könne man beginnen, dem Hund die Grundlagen beizubringen. Die Ausbildung dauere zwei bis drei Jahre. Wichmann und sein Team trainieren zwei- bis dreimal in der Woche, immer an wechselnden Orten. Zwei Prüfungen müssen die Hunde bestehen: Die erste richtet die Organisation, zu der die Mantrailer-Staffel gehört, selbst aus.

Beim ARV bedeutet das: Der Hund muss eine 24 Stunden alte Spur über 1500 Meter verfolgen. Die zweite Prüfung läuft über die Polizei – nur, wenn der Hund diese Prüfung besteht, darf er als Mantrailer eingesetzt werden. Dabei müssen die Tiere eine 1200 Meter lange Spur verfolgen – die aber plötzlich endet, weil die gesuchte Person in ein Auto eingestiegen ist.

Wie kann ich mich und meinen Hund einbringen?

„Viele Leute wollen etwas mit ihren Hunden machen, aber wissen nicht, was“, sagt Wichmann. Die Ausbildung zum Mantrailer biete viele Vorteile: „Man gibt dem Hund eine sinnvolle Aufgabe und eine Beschäftigung, man kann etwas Gutes tun. Und es stärkt die Bindung zwischen Mensch und Hund.“ Wer es ausprobieren möchte, könne sich beim ARV Niedersachsen-Süd melden.

ARV existiert seit über 45 Jahren

Der Allgemeine Rettungsverband (ARV) ist eine Vereinigung gemeinnütziger Hilfsorganisationen der freien Wohlfahrtspflege und der Notfallhilfe in Deutschland. Die meisten Menschen im ARV engagierten sich ehrenamtlich, sagt der Vorsitzende des ARV Niedersachsen-Süd, Markus Kaczmarek. Der ARV wurde 1973 als „Allgemeiner Rettungsverein, Zentralverein für die BRD“ gegründet und später in „Allgemeiner Rettungsverband Deutschland“ umgetauft. Seit 1978 heißt der ARV-Dachverband „Bundesverband der Allgemeinen Rettungsverbände Deutschlands“. Die Arbeitsgemeinschaft der Hilfsorganisationen zeichnet sich nach Angaben des ARV durch die gleichen satzungsgemäßen Zielsetzungen der Teilorganisationen aus – gleichwohl nicht alle Organisationen mit „ARV“ im Namen auch zum Dachverband gehören. Aktionen wie die Gründung einer Mantrailer-Staffel, so wie sie nun für Göttingen geplant ist, seien nicht zuletzt auch eine Werbung für den ARV, sagt Kaczmarek.

Von Tammo Kohlwes

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