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Thema des Tages Wie sich Berufe verändern: Die digitale Buchbinderei Fischbach in Göttingen
Thema Specials Thema des Tages Wie sich Berufe verändern: Die digitale Buchbinderei Fischbach in Göttingen
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08:16 02.01.2020
Dieter Fischbach (links) und sein Mitarbeiter Michael Bernt sprechen über besondere Aufträge, die in die Buchbinderei eintrafen. Quelle: Anja Semonjek
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Göttingen

Am Maschmühlenweg befindet sich die Buchbinderei des 76-jährigen Inhabers Dieter Fischbach. Die Universität Göttingen ist nur wenige Meter entfernt, und doch dürften nur wenige Studenten die etwas versteckte Buchbinderei kennen.

Dabei werden hier einige der Bestände gebunden, die später in den Bibliotheken der Universitäten stehen werden: Unter anderem werden Zeitschriften aus ihren Einbänden herausgenommen und zu Sammelbänden zusammengestellt. Außerdem werden Buchumschläge erneuert oder stabilisiert.

Die juristischen Wochenzeitschriften werden zu einem gesammelten Jahresband gebunden, wenn sie vollständig sind. Quelle: Anja Semonjek

Fischbach hätte bereits vor einigen Jahren in Ruhestand gehen können. „Aber hier habe ich eine Aufgabe und ich bin mit Leuten zusammen“, sagt er. 1958 hat er mit der Lehre begonnen, die er mit dem Meisterbrief abschloss. Heute blickt er auf 59 Jahre zurück, in denen sich der Beruf des Buchbinders „enorm verändert“ habe. Gemeinsam mit seinem langjährigen Mitarbeiter Michael Bernt schildert Fischbach, wie der Beruf damals im Vergleich zu heute aussieht.

Geschichtliche Einblicke

„Der Beruf des Buchbinders gehört wohl zu den ältesten überhaupt – bereits die Mönche haben damals das Pergament zusammengebunden“, berichten die Experten. Schließlich siedelten sich die Geschäfte dort an, wo Bedarf war: In der Nähe von Universitäten, Rechtsanwälten und Ärzten, die ihre eigenen Schriften zusammenbanden.

Früher war der Name „Buchbinderei“ geschützt, schildern Fischbach und Bernt: „Erst nach dem Erlangen des Meisterbriefes durfte man seinen Betrieb derartig bezeichnen.“ Es gab einige Druckereien und Buchbindereien in Göttingen – die wenigsten bestehen noch heute. Diese arbeiteten früher kollegial zusammen: „Wenn der eine Betrieb mal spezielle Maschinen eines anderen benutzte, war das kein Problem. Es gab ja Arbeit genug“, sagt Fischbach.

Der Beginn des digitalen Zeitalters

Vor zehn bis fünfzehn Jahren habe sich die Digitalisierung zunächst schleichend, und dann plötzlich, mit Wucht, bemerkbar gemacht: „Zunächst fiel uns auf, dass immer mehr Aufträge ausblieben“, so Bernt. Außerdem bemerkten Fischbach und Bernt, dass keine neuen Bibliothekare an Universität und Instituten eingestellt wurden.

Schlagartig verlor die Buchbinderei einige der Göttinger Max-Planck-Institute als bedeutende Kunden. Viele Bibliotheken schlossen, das Interesse an gedruckten Büchern war auf einmal sehr gering. „Die Leitung an den Instituten und an der Universität war dabei, einen neuen Plan umzusetzen: Die Bücher zu digitalisieren, und sie nicht mehr zu drucken und zu binden“, erzählt Bernt. Sie hätten geradezu Container bestellt, in die sie die Bücher entsorgten: „Die Bücher, die wir kurz zuvor gebunden hatten“, erinnert sich Fischbach.

„Die Digitalisierung hat eine neue Arbeitsweise ermöglicht: Die Menschen müssen nicht mehr durch Zeitschriften blättern, um zu recherchieren“, sagt Bernt. Vielmehr könnten sie auf dem Computer nach einem Stichwort suchen und so den passenden Artikel finden.

Rundgang durch die Sortimentsbuchbinderei

Fischbach beschäftigt in seinem Betrieb vier Angestellte, drei in Vollzeit und eine Teilzeitkraft. Er leitet eine „Sortimentsbuchbinderei“, bindet also unterschiedliche Einzelstücke. „Die Universität ist unser größter Kunde, außerdem Rechtsanwälte und Privatkunden. Diese liefern uns Kartons an Materialien“, erzählt er.

Sie seien flexibel geworden, was ihre Aufträge angeht, betonen Fischbach und Bernt wiederholt. Bei einem Rundgang durch ihre Werkstatt wird deutlich, was sie damit meinen: Der eine Kunde habe originelle Wünsche, wie einen Ledereinband für seine Fotoalben. Der andere benötige seine Ware „ganz schnell“ Dadurch müsse die Werkstatt umplanen und nicht dringende Arbeiten aufschieben.

Die Kunden geben stets die Anweisung, mit welchem Material die Bücher eingebunden werden sollen. Quelle: Anja Semonjek

Aufträge fordern räumliche Flexibilität

Außerdem zeigt Bernt auf einen Stapel an Zeitschriften, die für die Universität Erfurt gebunden werden sollen. Flexibel zu sein bedeute auch, Aufträge von außerhalb Göttingens anzunehmen. „Auch hätte ich vor zehn Jahren nicht für möglich gehalten, dass ich nach Hildesheim, Wolfenbüttel und Erfurt fahre, um Aufträge einzuholen“, so Fischbach.

Am Ende ihres Rundgangs bleiben Fischbach und Bernt bei zwei ganz besonderen Büchern stehen, die ihre Meisterkünste in Anspruch nahmen. Eines handelt von einem arabischen König: „Eine Ausgabe mussten wir in echtem Leder einbinden. Ich vermute, dass wir das für den Scheich höchstpersönlich binden sollten“, erzählt Bernd. Der andere Einband wurde mit echtem Pergament verarbeitet. „Das Buch kommt in den Vatikan“, sind sich Bernt und Fischbach sicher.

Prognosen der Buchbinder

Wie geht es also weiter mit dem Beruf des Buchbinders? Fischbach und Bernt wissen es nicht. Doch sie vermuten, dass es immer eine Anzahl an gedruckten Büchern geben wird – die es zu reparieren und neu zu binden gilt. Nur werde die Arbeit vermutlich immer weniger. Dadurch nehme auch das Wissen und die Kenntnis des Buchbinderhandwerks ab, glaubt Fischbach

„Ich merke, dass das Wissen und Können von Generation zu Generation weniger wird. Ich kann nämlich bloß zwei Drittel von dem, was mein damaliger Meister konnte“, sagt er. Das Abschaffen der Meisterpflicht bedauere er zudem sehr. Er könne jedoch keine Interessierten ausbilden, denn die Berufsaussichten in Göttingen sähen schlecht aus. Da der Bedarf nicht mehr groß ist, finde die Ausbildung daher zentralisierter, in größeren Städten statt.

Kontakt: Buchbinderei Fischbach

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Von Anja Semonjek

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