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Thema des Tages So sieht der Alltag eines Krankenpflegers in Göttingen aus
Thema Specials Thema des Tages So sieht der Alltag eines Krankenpflegers in Göttingen aus
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15:23 06.01.2019
Krankenpfleger Stefan Wolf (re.) und der Azubi zum Krankenpfleger Justin Middeke (li.), erzählen von ihrer Arbeit. Quelle: Hinzmann
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Göttingen

 Das, was einem die Patienten zurückgeben, sei das Schönste an seinem Beruf. Von ihnen fühlt er sich wertgeschätzt, sagt Justin Middeke. Seit anderthalb Jahren macht der 21-Jährige bei der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) eine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger. Ein Lehramtsstudium hat Middeke abgebrochen, weil er lieber etwas Praktisches, etwas mit mehr Struktur machen wollte. Da er gerne mit Menschen arbeite, handwerklich aber nicht begabt sei, habe für ihn relativ schnell festgestanden, dass er in der Pflege arbeiten möchte. „Natürlich hört man Dinge wie ‚Plegenotstand‘, ich bin trotzdem mit einem guten Gefühl reingegangen“, sagt er.

Ganz unvorbereitet hat der 21-Jährige seine Ausbildung aber nicht begonnen. In einem vierwöchigen Praktikum habe er gemerkt, dass der Job anstrengend und stressig sein könne, trotzdem habe es ihm gut gefallen. Von Kollegen höre er oft, dass es früher besser gewesen sei. Viele, die schon länger im Beruf sind, seien unzufrieden.

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Künftig mehr Schüler auf einen Lehrer

Manchmal sei es wegen des Zeitdrucks schwer, ausreichend Anleitung zu bekommen, auch wenn sich alle Kollegen darum bemühten, erzählt Middeke. Einige Auszubildende aus anderen Häusern hätten hingegen berichtet, dass sie über einen längeren Zeitpunkt für bestimmte Aufgaben eingesetzt werden, beispielsweise in der Körperpflege der Patienten. Das sei zwar Teil der Ausbildung, allerdings nicht in dem Umfang. „Dann kommt die Ausbildung zu kurz.“ Auch die neue Pflegeausbildung, die ab dem kommenden Jahr Alten-, Kranken und Kinderpflege vereinen will, sieht Middeke kritisch. Bisher kämen 15 Schüler auf einen Lehrer, künftig seien es 20. „Wie so die theoretische Ausbildung qualitativ hochwertiger werden soll, weiß ich nicht.“

Middeke engagiert sich in der Auszubildendenvertretung der UMG. Er hofft, dass „Pflege sich ein Format sucht, um sich zu organisieren.“ Es gebe bisher zu wenig Pflegekräfte, die sich in Gewerkschaften zusammengeschlossen hätten. Das mache es beispielsweise schwer, ein höheres Gehalt zu fordern. Zudem klagten viele über die Umstände, aber nur wenige versuchten, aktiv etwas dagegen zu tun.

In der neuen niedersächsischen Pflegekammer sieht der 21-Jährige eine Chance, auch wenn er viele negative Kommentare von Kollegen mitbekommen habe, die sich unter anderem zu wenig informiert gefühlt hätten. Wie der NDR berichtet, drohen einige Pfleger damit, aus Protest gegen die Pflegekammer ihre Examensurkunden zurückzugeben. Doch Middeke findet: „Es kann ja nicht besser werden, wenn niemand den Beruf mehr ergreift.“

Verschlechterung nach zunehmender Privatisierung

Mit seinen 23 Jahren Erfahrung gehört Stefan Wolf zu den alten Hasen. Der Fachkrankenpfleger für Onkologie (ebenfalls bei der UMG) arbeitet gerne in seinem Beruf, ist aber besorgt darüber, wie sich die Situation in der Pflege seit der „Privatisierungswelle“ vor etwa zehn Jahren entwickelt habe: zu wenig Zeit für die Patienten, zu viel Papierkram, eine zu starke Konzentration auf das Finanzielle.

Ganz vorn dabei sieht er die Pflicht zur Dokumentation, die „sehr viel der Finanzierung der neuen DRG“, diene – des neuen Abrechnungssystems, das nicht mehr die Dauer eines Patientenaufenthaltes vergütet, sondern pro Fall abrechnet. Für Wolf bedeutet das: „Jeden Handgriff, den ich mache, muss ich dokumentieren.“

Gleicher Personalschlüssel, aber mehr Aufgaben

Die Zahl der Pfleger sei in den vergangenen Jahren etwa gleich geblieben, die Aufgaben aber hätten zugenommen. Dass der Personalschlüssel knapp bemessen sei, merke man dann, wenn jemand ausfällt. „Dann ist kein Polster da, um das wettzumachen. Das geht oft auf die Knochen der Beschäftigten.“

Seine Arbeit mache ihm immer noch Spaß, auch wenn die Umstände schlechter geworden seien. „Aber es ist auch ein bisschen Angst mit dabei, dass man Sachen nicht mehr schafft.“ Wenn der Entwicklung nicht entgegengesteuert wird, könne er sich nicht vorstellen, die 13 Jahre bis zu seiner Rente noch so weiterzumachen. Damit sich die Situation verbessert, müssten auch die Kollegen „solidarisch werden in der Belastung“, sagt Wolf. Dazu gehöre für ihn, dass sie unter einander die Belastungsgrenzen des anderen akzeptieren, aber auch, dass sie sich gemeinsam dafür einsetzen, „dass man sich nicht so ausnutzen lässt“.

Funktionierendes System werde geändert

Dass die neue niedersächsische Pflegekammer die Situation in der Pflege verbessern kann, glaubt Wolf nicht. Diese würde Aufgaben für sich beanspruchen, die bisher gut von den Gesundheitsämtern, medizinischen Diensten und dem zuständigen Ministerium erledigt worden seien. „Das sind staatliche Aufgaben, die jetzt übernommen werden, und die Pflege muss es bezahlen“, sagt er mit Blick auf die Mitgliedsbeiträge.

Jungen Menschen würde er trotzdem noch empfehlen, einen Pflegeberuf zu ergreifen. „Aber geht in die Gewerkschaft, macht es nicht alleine“, sagt Wolf.

„Nein zur Pflegekammer 2018 Niedersachsen

Schwester Jeannette Kasel Quelle: Markus Leiser

Die niedersächsische Pflegekammer hat ihren Betrieb im August 2018 aufgenommen, nach eigenen Angaben mit dem Ziel, die Interessen von Pflegefachkräften zu vertreten, die Qualitätsentwicklung und -sicherung der Berufsausübung zu fördern und die Weiterbildung der Mitglieder zu regeln. Doch seitdem die Kammer eingerichtet wurde, ist sie umstritten.

Insbesondere die Pflichtmitgliedschaft lehnen viele Pflegekräfte ab. Zuletzt gab es heftige Kritik für die kurz vor Weihnachten versendeten Beitragsbescheide. Diese legten ein Jahreseinkommen von 70000 Euro, das kaum eine Pflegefachperson erreicht, mit einem entsprechenden Höchstmitgliedsbeitrag von 280 Euro jährlich zugrunde. Pflegekräfte, die weniger verdienen, müssen dies nachweisen.

Jeannette Kasel ist seit 1987 Krankenschwester, seit 2006 Fachkrankenschwester, und arbeitet für die Universitätsmedizin Göttingen (UMG). Sie ist eine von über 35000 Menschen, die die Petition des 33-jährigen Krankenpflegers Stefan Cornelius aus Berge bei Osnabrück zur Abschaffung der Pflegekammer unterzeichnet haben. In dem sozialen Netzwerk Facebook betreut sie zudem eine Göttinger Gruppe, in der sich die Mitglieder über lokale Protestaktionen informieren können. Im Interview erklärt sie, weshalb sie gegen den Fortbestand der Kammer kämpft.

Wo sehen Sie die größten Nachteile, die den Pflegekräften durch eine Pflichtmitgliedschaft in der Pflegekammer entstehen?

Die Frage muss anders gestellt werden. Welchen Nutzen sehen Sie in der Pflegekammer? Keinen. Die Pflegekammer bedeutet für mich eine Überwachung meiner beruflichen Arbeit und Fortbildung. Sie verpflichtet mich zur Mitgliedschaft gegen meinen freien Willen, welches ich als Menschenrechtsverletzung empfinde. Bestraft mich mit 2500 Euro, falls ich den Pflichtbeitrag nicht zahle. Sie wird mich reglementieren, falls ich meine kostenpflichtigen Fortbildungen in meiner Freizeit nicht erbringe. In meinen 31 Berufsjahren brauchte ich keine Pflegekammer und werde sie auch nicht brauchen.

Innerhalb von etwas mehr als einer Woche hat die Petition von Stefan Cornelius „Nein zur Pflegekammer 2018 Niedersachsen“ ihr Ziel von 30000 Unterschriften erreicht. Wie soll es jetzt weitergehen?

Für die Petition wurde mehrmals die Zielsetzung der Unterschriften nach oben korrigiert. Zur Zeit wollen wir 40000 Unterschriften sammeln. Jeder ist dazu herzlich aufgerufen. Zur Zeit ist eine Kundgebung am Samstag, den 12. Januar ab 12 Uhr am Haupteingang der Uniklinik Göttingen geplant.

Könnte die Pflegekammer nicht auch eine Möglichkeit sein, eine Lobby für Pflegekräfte zu schaffen, die viele bisher vermisst haben?

Ob die Pflegekammer eine Lobby für unseren Berufsstand wird, bleibt abzuwarten. Ich sehe es kritisch und erwarte keine großen Veränderungen in unserem Berufsbild.

Gibt es eine Alternative zur Pflegekammer, die Sie sich vorstellen können?

Um unseren Beruf attraktiver zu gestalten, bedarf es keiner Pflegekammer und schon gar keiner Zwangsmitgliedschaft. Ich wünsche mir für meine Kollegen und mich eine Vereinigung, die für ausreichend Pflegepersonal, höhere Löhne, maßgebliche Steuervergünstigungen und Versicherungen für Pflegekräfte, genügend Ausbildungsplätze, eine bestimmte Anzahl Fortbildungstage, die verpflichtend für die Arbeitgeber im Dienstplan festgelegt und finanziert werden, Sondervergütungen für Urlaub sowie ein 13. Monatsgehalt und die Wieder-Einführung der traditionellen Bezeichnung „Krankenschwester“ sorgt. Das wäre ein Anfang, damit sich junge Menschen für diesen schweren und verantwortungsvollen Beruf begeistern können.

Fehlende Pfleger in Niedersachsen/ Göttingen verhältnismäßig gut versorgt

Die Pflegekammer Niedersachsen hat im Dezember einen „Bericht zur Lage der Pflegefachpersonen in Niedersachsen veröffentlicht. Daraus geht hervor, dass der Altersdurchschnitt der registrierten Pflegefachpersonen, also Altenpfleger, Gesundheits- und Krankenpfleger sowie Kinderkrankenpfleger, in Niedersachsen bei 44,6 Jahren liegt (zum Zeitpunkt der Auswertung waren 60000 Pflegefachpersonen registriert, die Kammer geht davon aus, dass noch etwa 30000 weitere, bisher nicht registrierte dazukommen). Mehr als ein Drittel, (38,35 Prozent), ist über 50 Jahre alt. Das habe unter anderem zur Folge, dass in 15 Jahren mehr als zwei Fünftel der heutigen Pflegefachpersonen ihren Beruf nicht mehr ausüben werden. Bereits jetzt könnten die Anzahl der Berufszulassungen und die Schülerzahlen „den Bedarf aktuell und schon gar nicht langfristig decken“.

Nach Angaben des Berichts liegt der Altersdurchschnitt im Landkreis Göttingen bei knapp 44 Jahren (43,89). Bei 90000 angenommenen Pflegefachpersonen in Niedersachsen gibt es dort mit 16,29 Pflegefachpersonen auf 1000 Einwohner im Verhältnis die meisten Pflegekräfte. Zum Vergleich: Der niedersächsische Durchschnitt liegt bei 11,33 Pflegefachpersonen. Die Anzahl der Pflegefachpersonen auf einen pflegebedürftigen Menschen liegt bei 0,57. Damit belegt Göttingen im niedersachsenweiten Vergleich den dritten Platz, nur die Stadt Oldenburg und die Region Osnabrück schneiden besser ab.

Von Nora Garben