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Thema des Tages Der Frühling beginnt um 22.58 Uhr
Thema Specials Thema des Tages Der Frühling beginnt um 22.58 Uhr
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00:23 22.03.2019
Der Frühling langsam, aber sicher: rosafarbene Azaleen im alten Botanischen Garten in Göttingen. Quelle: Christina Hinzmann
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Göttingen

Die Narzissen blühen schon und die Pollen fliegen: Der Frühling hat endlich begonnen. Dabei startet die neue Jahreszeit, zumindest astronomisch gesehen, erst Mittwochnacht – und zwar exakt um 22.58 Uhr und 12 Sekunden.

Diese genaue Berechnung ist durch die Stellung der Erde, Sonne und der anderen Himmelskörper möglich. „Der astronomische Frühlingsanfang ist dadurch definiert, dass die Sonne den Himmelsäquator überschreitet“, sagt Klaus Reinsch. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Insitut für Astrophysik in Göttingen. „Durch die Neigung der Erdachse kommt es dazu, dass die Sonne mal mehr im Süden und mal mehr in Norden steht“, sagt er.

Auf elliptischer Bahn um die Sonne

Der Himmelsäquator verläuft parallel zum Äquator, er wird in den Weltraum hinein gedacht und dient der Astronomie als Rechenfläche. Während unser Planet auf seiner elliptischen Bahn um die Sonne kreist, ist er immer leicht geneigt. Je nach Stellung beider Himmelskörper steht die Sonne also manchmal nördlich und manchmal südlich des Himmelsäquators.

Im astronomischen Winter befindet sie sich in „südlichen Deklinationen, wie die Astronomen sagen“, also südlich des Himmelsäquators, erklärt Reinsch. Die nördliche Erdhalbkugel bekommt weniger Licht und die Tage sind kürzer. „Wenn die Sonne dann, von der Erde aus gesehen, den Himmelsäquator überschreitet, werden die Tage wieder länger“, sagt der Wissenschaftler. Dieses Ereignis ist der astronomische Frühlingsanfang.

Flugbahnen der Himmelskörper

Dessen exakte Uhrzeit können Astronomen anhand der Flugbahnen der Himmelskörper in unserem Planetensystem berechnen. Im vergangenen Jahr begann die Frühlingszeit am 20. März um 17.14 Uhr und 33 Sekunden. Im kommenden Jahr soll die Sonne am 20. März um 04.49 Uhr und 58 Sekunden den Himmelsäquator Richtung Norden überschreiten.

„Man kennt die Bahnelemente und kann es ausrechnen“, sagt Reinsch. Für die kommenden Jahre sei dies sehr genau möglich. Wenn ein Wissenschaftler die Uhrzeit auf 1000 Jahre im Voraus berechnen möchte, könne es aber aufgrund der Bahnungenauigkeiten zu kleinen Rechenfehlern kommen.

Lesergalerie der schönsten Frühlingsfotos.

Verschiebung der Uhrzeit

Bei der Berechnung spielt eine Rolle, wie lang das Jahr ist. Ein Jahr hat eigentlich genau 365,25 Tage, erklärt Reinsch. Nach unserem Kalender sieht das aber anders aus: Reguläre Jahr haben 365 Tage, Schaltjahre 366. So bleibe meist ein viertel Tag – oder etwa sechs Stunden – übrig. Dadurch verschiebe sich auch die Uhrzeit und das Datum des Frühlingsanfangs, der auf den 19., 20. oder 21. März fallen kann. Sobald ein Schaltjahr aufgetreten ist, korrigiert das die kalendarischen Ungenauigkeiten und die Berechnung startet quasi von vorn.

Nach Mittwochnacht wandert die Sonne in den kommenden Monaten aufgrund der Erdneigung immer weiter Richtung Norden. Im Juni, am längsten Tag des Jahres, hat sie ihren nördlichsten Punkt erreicht. Dann bewegt sie sich südwärts, bis im Herbst wieder eine Tag-und-Nacht-Gleiche und im Dezember die längste Nacht des Jahres vorkommen.

Zeitraum gilt überall auf der Welt

In der Meteorologie dagegen hat der Frühling bereits am 1. März begonnen – aus statistischen Gründen, erklärt Uwe Kirsche vom Deutschen Wetterdienst. Dass sich der astronomische Frühlingsanfang jedes Jahr verschiebt, sei für die Klimatologie schwierig. „Dann kann man nicht genau abrechnen“, sagt Kirsche.

Um zu sagen, wie warm oder kalt es zu einer bestimmten Jahreszeit war, muss ein genauer Zeitraum her, der statistisch festgehalten und verglichen werden kann. „Der Frühling ist also im März, April und Mai“, sagt Kirsche. Dieser Zeitraum gilt überall auf der Welt. „Dann kann man genau sagen, das Frühjahr 2018 ist vergleichbar mit anderen Jahren.“

 „1,5 Grad zu warm in den März gestartet“

Für den Frühling dieses Jahres kann Kirsche so aus den Statistiken ablesen, dass er bislang zu warm, zu nass und zu sonnenscheinarm ist. „Wir sind 1,5 Grad zu warm in den März gestartet“, berichtet er. Knapp 90 Prozent des typischen Niederschlags seien bereits in der ersten Monatshälfte gefallen. Währenddessen durchbrachen nur 33 Prozent des monatsdurchschnittlichen Sonnenscheins den Himmel.

Ein Frühlingsanfang mitten im Monat sei also aufgrund der fehlenden Vergleichbarkeit nicht praktisch. „Die Leute fragen immer, wie war der Frühling“, sagt Kirsche. „Das ist schwierig, wenn er jedes Jahr an einem anderen Tag beginnt.“

Ostern dieses Jahr eher spät

Jedes Jahr auf einen anderen Tag fällt auch das christliche Osterfest. Um sein Datum zu berechnen, spielt der Frühlingsanfang eine wichtige Rolle, erklärt Friedrich Selter. Er ist der Superintendent des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises in Göttingen. Die vier Evangelisten in der Bibel konnten sich nicht auf einen Ostertermin einigen, brachten das letzte Abendmahl Jesu und seine Kreuzigung aber mit dem jüdischen Pessachfest in Verbindung.

Dieses beginnt immer nach dem Vollmond im Monat Nissan des jüdischen Mondkalenders. Heute gilt, dass das Osterfest auf den ersten Sonntag nach dem Vollmond nach dem Frühlingsanfang am 21. März fällt und somit spätestens am 25. April stattfindet. Der diesjährige Ostertermin am 21. April liege damit vergleichsweise spät, sagt Selter.

Gleichnis für neues Leben

„Für uns als Kirche ist vielleicht die Analogie zwischen dem Erwachen der Natur im Frühling und dem Glauben an die Auferweckung Jesu bedeutsamer, als die Frage nach dem genauen Ostertermin“, meint Selter. „Dass aus scheinbar totem Gehölz Blätter und Blüten sprießen, kann als Gleichnis für neues Leben, das aus dem Tod entspringt, gelten.“

Die Auferweckung Jesu sei ein aktives Handeln Gottes, das von natürlichen Abläufen abzugrenzen sei. „Gott erweist sich als einer, der uns Menschen auch im Tod nicht alleine lässt, sondern durch den Tod in neues Leben führt“, erklärt Selter. Wenn aber die Natur „gleichnisfähig“ mit dem schöpferischen Handeln Gottes sei, entspringe daraus für den Menschen eine besondere Verpflichtung: „Wir müssen sie als intakten Lebensraum bewahren.“

Alles Erstarrte zum Leben erweckt

„Ich empfinde im Frühling echte Vorfreude auf Ostern, in der Natur bricht alles aus, erfüllt sich mit neuem Leben. So empfinde ich auch in der Tiefe meines Herzens das Vertrauen, dass Gott alles Erstarrte zum Leben erweckt. Das Leben, dass um uns herum zur neuen Blüte kommt, kann auch in uns selbst aufblühen. Das Gedenken an den Tod und die Feier der Auferstehung Jesu passen ganz hervorragend zum Frühling: Neues kann nur wachsen, wenn wir Altes loslassen. Das gilt für die gesamte Natur, den Menschen inbegriffen“, sagt Wigbert Schwarze, Dechant der katholischen Kirche im Dekanat Göttingen und Pfarrer in St. Godehard.

Aus botanischer Sicht hat der Beginn des Frühlings viel mit Tageslänge, vorherrschenden Temperaturen sowie klimatischen Bedingungen zu tun. „Manche Pflanzen fangen früh an, andere brauchen andere Auslöser“, erläutert Lars Köhler, der Kustos des Experimentellen Botanischen Gartens der Georg-August-Universität. Die typischen Frühblüher wie Scharbockskraut und Schneeglöckchen sprießen und blühen natürlich längst, sagt er. Für die heutigen Menschen sei es in aller Regel nicht mehr so wichtig, wann genau der Frühling beginnt beziehungsweise wann der ideale Zeitpunkt des Säens und Pflanzens ist. „Wir leben nicht mehr so sehr in den Rhythmen der Natur wie unsere Vorfahren“, resümiert Köhler, vieles spiele sich in geschlossenen Räumen ab. „Früher waren die Menschen darauf angewiesen, die Zyklen der Natur zu kennen.“ Heute würden Lebensmittel importiert, wenn es mit der Ernte nicht so gut läuft.

Göttinger Falle fängt Pollen aus der Luft

Mit dem Frühling beginnt für Allergiker die Zeit der tränenden Augen und des Heuschnupfens. Doch nicht erst mit dem offiziellen Frühlingsanfang fliegen die Pollen – bereits seit Mitte Februar werten die Mitarbeiter des Evangelischen Krankenhauses Göttingen-Weende (EKW) ihre Pollenfalle aus.

„Trotz der frühen warmen Tage vor einem Monat hat der Pollenflug in diesem Jahr nicht eher begonnen als in anderen Jahren“, sagt Stefan Rampfel vom EKW. Auf einem Gebäude des Krankenhauses in Lenglern steht eine von bundesweit 42 Pollenfallen. „Bereits Mitte und Ende Februar wurden hier bei frühlingshaften Temperaturen alleine an einem Tag fast 1400 Erlenpollen und knapp 800 Haselpollen gezählt.“

Die Falle saugt mit einer Vakuumpumpe zehn Liter Luft pro Minute ein, erklärt Rampfel. In einer Trommel im Inneren, in der ein mit Vaseline beschichteter Plastikstreifen gespannt ist, werden die Pollen aus der Luft abgefangen. Die Trommel dreht sich dafür kontinuierlich mit einer Geschwindigkeit von 2 Millimetern pro Stunde.

Leerung der Pollenfalle

Vier speziell geschulte Mitarbeiter des EKW werten den Fang aus. Drei Mal pro Woche wird die Pollenfalle geleert. Dann kommen die eingesogenen Pollen unter das Mikroskop. Die einzelnen Arten zu unterscheiden, sei gar nicht so einfach. „Die Birkenpollen kann man gut an den Auswölbungen erkennen“, sagt Britta Plessow. Ihr Kollege Edgar Mönkeberg nenne sie „Schlangenköpfe“.

Edgar Mönkeberg und Nancy Hoffmann sind zwei von vier Mitarbeitern des Ev. Krankenhauses Göttingen-Weende, die die Pollenauszählung durchführen. Quelle: r

Haseln und Erlen stäuben bereits weniger, dafür nimmt nun der Pollenflug der Pappeln, Weiden und Ulmen zu. Auch die Birkenpollen können schon in der Falle dabei sein. Außerdem fangen Eiben, Eschen und Lärchen zu dieser Jahreszeit an, ihre Pollen abzuwerfen.

Trotz des Frühlingsanfangs: Während des Regens der vergangenen Tage seien kaum Pollen in der Luft gewesen. „Wir haben am Sonntag, 17. März, lediglich acht Eiben-, 44 Eschen-, 24 Pappel-, zwölf Weiden- und zwei Ulmenpollen gezählt“, sagt die Arzthelferin Nancy Hoffmann. Die gezählten Pollen übermitteln die Mitarbeiter des EKW an den Deutschen Wetterdienst, der sie in seine Pollenflugvorhersage einbezieht.

Gegen die Pollen schützen können sich Allergiker nicht komplett, sagt Wolfgang Körber. Er ist der Chefarzt der Abteilung Pneumologie, Beatmungsmedizin und Schlaflabor des EKW. „Im Haus bieten geschlossene Fenster und Türen den besten Schutz“, erklärt er. „Lüften sollte man in den frühen Morgenstunden, spät abends oder nach einem Regenguss, weil dann die Pollenbelastung in der Luft am geringsten ist.“

Antiallergika, Nasen- und Augentropfen können Abhilfe schaffen. Wer stark von Heuschnupfen betroffen ist, kann sich hyposensibilisieren lassen. Pollenschutzgitter vor den Fenstern, mobile Luftreiniger und Pollenfilter für Lüftungsanlagen bieten zudem Schutz.

Pollen aus den Haaren duschen

Wer vor dem zu Bett gehen duscht, wäscht sich die Pollen aus den Haaren und hält so seine Bettwäsche sauber. Die sollte dennoch öfter gewechselt werden, meint der Mediziner. Wäsche sollte nicht im Freien trocknen und Straßenkleidung nicht in Wohn- oder Schlafzimmer ausgezogen werden. Apps und Internetseiten informieren über den Pollenflug.

Von Norma Jean Levin