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Thema des Tages Ausgezeichnete Lehre
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13:53 23.02.2017
Prof. Tobias Raupach, Oberarzt in der Klinik für Kardiologie und Pneumologie der Universitätsmedizin Göttingen wurde beriets mehrfach für "herausragende und beispielhafte medizinische Lehre" ausgezeichnet. Quelle: R
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Arbeit in der Notaufnahme als Computerspiel

Göttingen. Nur Frontalunterricht im Hörsaal - das muss auch in der Medizin nicht sein. Für seine Lehre mehrfach ausgezeichnet worden ist Prof. Tobias Raupach, Oberarzt in der Klinik für Kardiologie und Pneumologie der Universitätsmedizin Göttingen und Professor für Lehrforschung und Lehrentwicklung. Schon 2008 erhielt er auf Vorschlag der Fachschaft Medizin den „Rainer-Herken-Preis für gute Lehre“, 2015 zeichnete ihn zuletzt der Stiftungsrat der Uni auf Vorschlag von Studierenden für seine "herausragende und beispielhafte medizinische Lehre" aus.

"Ich bin offen dafür, was die Studierenden interessiert", sagt der 40-Jährige, der gerade Elternzeit nimmt. Im März geht es wieder los mit der Arbeit - und auch mit der Fortsetzung seines Projekts, das zur Auszeichnung beigetragen hat: das Spiel Emerge. Es ist ein Computerspiel, eine Simulation einer Notaufnahme im Krankenhaus. "Ich bin zwar nicht mit Tablet und Smartphone aufgewachsen", sagt er, die Technik sinnvoll einzusetzen, ist aber Bestandteil seiner Unterrichtsphilosophie. "Ich frage mich immer, was das wesentliche Ausbildungsziel ist", sagt er. Und das sei für ihn nicht das reine Auswendiglernen von Fakten.

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"Wissen, Fertigkeit und Haltung", nennt der Mediziner als Ziele. Er will nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Ärzte ausbilden. Gute Lehre gelinge nicht, wenn die Lehrenden die Lernenden für ein bisschen faul und dumm halten. "So entsteht keine Gemeinschaft", sagt er. Als Dozent müsse man sich schon Mühe geben und Sachverhalte "auch mal anders erklären". Beispielsweise als Spiel.

In der Simulation Emerge müssen die Studenten erkennen, welches Krankheitsbild die virtuellen Patienten haben und was unter Zeitdruck zu tun ist. Derzeit sind internistische Erkrankungen hinterlegt, das Programm soll nun aber evaluiert und in Zusammenarbeit mit einem "studentischen Entwicklungspool" auf chirurgische Fälle ausgedehnt werden. 2016 ist es zum ersten Mal in der Ausbildung eingesetzt worden. "Das Feedback war durchweg positiv". Der Praxisbezug in der Ausbildung ist Raupach besonders wichtig.

Er ist aber auch der Ansicht, dass nicht nur Professoren den Studenten entgegen kommen sollten, sondern auch andersherum. "Das Lernen passiert schließlich im Kopf der Lernenden, nicht in dem der Lehrenden", sagt er. Bei einigen angehenden Medizinern beobachte er die Tendenz, dass sie nur das lernen, was sie für die Prüfung bauchen. Raupach geht es um mehr. Um ein tieferes und umfassenderes Verständnis der Medizin. Fragt er klinische Inhalte ab, für die es keine Punkte gibt, erhält er nicht selten die Antwort "keine Ahnung". Prüfungsfixiertes Lernen auf der einen und althergebrachter Frontalunterricht auf der anderen Seite hält er für wenig zielführend.  "Gute Lehre funktioniert nur dann, wenn beide Seiten mitmachen."

 

Von der Theorie zur echten Kuh

Göttingen. Eine Marmorplatte mit Spielzeugkühen darauf kann man süß finden, oder sich richtig darüber freuen: Letzteres tat Prof. Jürgen Hummel von der Uni Göttingen. Die Marmorplatte bekam er von der Fachschaft Agrarwissenschaften bei der Weihnachtsvorlesung überreicht – als Auszeichnung zum Professor des Jahres 2016.

„Ich habe mich extrem gefreut“, sagt der 47-jährige Agrar-Professor, der sich auf Wiederkäuerernährung spezialisiert hat. Die positive Rückmeldung der Studenten bedeute ihm viel. „Man hofft natürlich immer, dass die eigene Lehre gut ankommt“, sagt er, die Auszeichnung sei eine Bestätigung. Auch wenn Hummel nicht glaubt, dass die Auszeichnung nur für die Vorlesungen sei: „Da spielt bestimmt auch rein, wie man rüberkommt, ob man den Studenten hilft oder mal ein Späßchen macht.“

Sein Ziel in den Vorlesungen oder Seminaren sei es, den Spagat zwischen dem Beibringen der theoretischen Grundlagen („Wir sind hier eben an der Uni“) und der Agrarpraxis hinzubekommen. „Wir müssen gut vermitteln, wo die Theorie in der Praxis angewendet wird“, sagt er. Das sei natürlich einfacher, wenn es um die Milchkuhfütterung gehe als bei einer komplizierten Physik-Formel.

Auszeichnung zum Professor des Jahres 2016: Jürgen Hummel. Quelle: R

So thematisiert er mit seinen Studenten beispielsweise, wie schnell das Futter durch die Tiere hindurch geht, also verdaut wird. „Da stecken auch Mathematik und komplizierte Modelle dahinter“, sagt Hummel. Von den physiologischen Theorien nimmt er dann Bezug auf das, „was man im Stall sieht“.

Jedes Semester komplett neue Vorlesungen oder Seminare entwickele Hummel aber nicht. „Das ist auch nicht schlimm, es sind ja immer andere Studenten da“, sagt er. Trotzdem sei es ihm wichtig, die Vorlesungen weiterzuentwickeln mit neuen Untersuchungen. „Eine gute Vorlesung beinhaltet auch, dass man für die Zukunft spannende Sachen behandelt, die sich auch in zwei Jahren wieder als unsinnig herausstellen können“, findet Hummel. Diese würden dann aber nicht in Prüfungen abgefragt. Das freut bestimmt die Studenten – und bestätigt sie in ihrer Wahl des Profs des Jahres.

 

"Junge Menschen für Naturwissenschaft begeistern"

Leuchtende Gewürzgurken,explodierende Fässer: Die Faszination für Physik nicht nur Studenten, sondern auch einer breiten Öffentlichkeit nahe zu bringen, ist etwas, was Prof. Arnulf Quadt antreibt. Für sein gemeinsam mit der Deutschen Physikalischen Gesellschaft entwickeltes Projekt „PiA – Physik im Advent“ wurde der 47-Jährige unter anderem mit dem Stiftungspreis für „Wissenschaft und Öffentlichkeit“ ausgezeichnet.  Damit habe er es geschafft, "junge Menschen für Naturwissenschaft und Technik zu begeistern".  Aber wie?

Wenn Sie ihre Veranstaltungen "Physik im Advent" oder "Zauberhafte Physik" präsentieren, glauben die Zuschauer, Physik macht ernsthaft Spaß. Wie machen Sie das?

Physik beschäftigt sich mit Naturphänomenen.  Wir alle sind ständig von solchen Phänomenen umgeben, leben in der Natur, sind Teil dieses Systems. Auf der einen Seite ist entscheidend, nicht nur darüber zu reden, sondern sie experimentell auszuprobieren, sie buchstäblich zu begreifen. Nur Entdeckungen, die man selber macht, wird man nicht mehr vergessen. Kolumbus hat Amerika auch nicht mehr vergessen. Auf der anderen Seite wählen wir ästhetisch ansprechende Experimente aus, bei denen etwas passiert, was der Zuschauer nicht erwartet. Wir bringen Menschen mit Physik zum Staunen. Das macht allen Spaß. Ganz einfach.

Physikstudium

Physik macht Spaß. Das ist die wichtigste Erkenntnis. Wir alle haben als Kinder gespielt. Wir haben Steine ins Wasser geworfen, bestaunen den blauen Himmel oder den bunten Regenbogen. Wir bezahlen Geld, um Beschleunigungskräfte im Kettenkarussell, auf der Halfpipe, beim Motorradfahren oder auf der Skipiste zu spüren. Die Menschen lieben Physik. Wer die faszinierenden Zusammenhänge genauer kennenlernen möchte, sollte Physik studieren. Sie bietet ein breites Spektrum an Jobperspektiven auf dem Arbeitsmarkt. Physiker arbeiten nicht nur in der Forschung. Die Arbeitslosenquote ist verschwindend gering. Ein Physik-Studium lohnt sich also auf jeden Fall.

Sie sind Hochschullehrer und vermitteln jungen Menschen eine eher dröge und nicht gerade leicht zu verstehende Materie. Wie bereiten Sie sich auf die Vorlesungen vor?

Manche Menschen mögen Musik, andere Geschichte oder Sprachen. Unsere Studierenden mögen Physik und Mathematik. Ich versuche in den Vorlesungen, die Naturphänomene anhand eines Experimentes vorzustellen, die Beobachtungen und Schlussfolgerungen präzise zu formulieren und die Zusammenhänge durch theoretische Rechnungen in den Kontext zu stellen und daraus Vorhersagen abzuleiten. So lernen Studierende schon früh den Zyklus der Physik vom Experiment zur Theorie, von der Vorhersage zur Überprüfung und möglichen Falsifikation einer Aussage. Auch diese Inhalte enthalten oft Eindrücke zum Staunen. In einer Vorlesung ist es wichtig, immer in kleinen, auf einander aufbauenden Schritten vorzugehen und sich immer wieder zu vergegenwärtigen, an welchen Stellen man selber einmal Verständnisschwierigkeiten hatte. Alles andere ergibt sich aus dem Gespräch mit den Studierenden.
 
Sie sind nicht nur Lehrer, sondern auch Teilchen-Physiker, also so etwas wie der Nerd unter den Nerds. Springt Ihre Faszination fürs Fach im Hörsaal auf die Studenten über?

Die Frage, "was die Welt im Innersten zusammenhält" (Goethes Faust) hat die Menschen schon immer interessiert. In der Teilchenphysik untersuchen wir die Grundbausteine der Natur und die Kräfte zwischen ihnen. Das ist so ähnlich wie Lego-Spielen mit Bausteinen, die aus wenigen verschiedenen Farben oder Formen bestehen können. Dank Noppen und Löchern kann man sie zusammensetzen. Im Mikrokosmos der Natur gibt es auch wenige Grundbausteine, die durch vier fundamentale Kräfte miteinander wechselwirken und sich anziehen oder abstoßen können. Das ist ganz einfach, aber  auch unheimlich faszinierend. Wenn wir im Hörsaal oder in der Öffentlichkeit über unsere Forschung berichten, sind die Menschen begeistert. Physik macht einfach glücklich.

 

Mit dem Stiftungspreis für „Wissenschaft und Öffentlichkeit“ ausgezeichnet: Arnulf Quadt. Quelle: R

Videos zur "Zauberhaften Physik" finden Sie in unserer Youtube-Playlist.