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Thema des Tages Fotografien der „Bilderkriegerin“ Anja Niedringhaus
Thema Specials Thema des Tages Fotografien der „Bilderkriegerin“ Anja Niedringhaus
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00:23 07.04.2019
Anja Niedringhaus (1965-2014). Quelle: AP
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Göttingen

Die Fahrgäste im Göttinger Stadtbus mussten früher aussteigen. Der Weg in die Innenstadt war versperrt von jungen Leuten, die vor dem Max-Planck-Gymnasium protestierten. Eine Szene von einem Göttinger Ereignis im Herbst 1987, das Anja Niedringhaus fotografierte. Sie war damals freie Mitarbeiterin der Redaktion vom Göttinger Tageblatt; sollte schreiben, wollte fotografieren. Das jedoch musste sie anfangs den Kollegen der Fotografie überlassen.

Fotografin Anja Niedringhaus wurde am 4. April 2014 in Afghanistan ermordet. Sie war seit 1990 international tätig und in Kriegs- und Krisengebieten im Einsatz.

Mit dem Tag der MPG-Besetzung änderte sich das: sie fotografierte und überzeugte. Eines der Fotos aus der Reihe zeigt das, was die Fotos von Anja Niedringhaus ausmachte: Alltägliches in einer außergewöhnlichen Situation. Die Schüler auf der Fahrbahn am Theaterplatz versperren den Weg für den Bus, der öffnet seine Türen und eine Frau mit einem Einkaufskorb steigt aus: das Alltagsutensil Korb und der Störfaktor Demonstration. Etliche Jahre später hat sie ein ähnliches Motiv: zwei Mädchen mit Einkaufstüten in der Hand eilen ängstlich blickend über eine Straße, im Hintergrund ist eine Demonstration zu sehen 2007 in Ramallah (Palästina).

Bis Ende 1989 war Niedringhaus neben ihrem Studium an der Universität Göttingen fürs Tageblatt als Fotografin tätig. Für die freien Fotografen waren damals wie heute vor allem die Wochenenden voll mit Aufträgen. Und die waren im Verbreitungsgebiet ebenso breit gestreut wie die Themen: Brände und Bälle, Mitgliederversammlungen und Musikwettbewerbe, Hörsaal und Hochwasser.

Truthahn mit besonderer Bedeutung

Bildkompositionen oder der besondere Augenblick, der jeden Betrachter in den Bann zieht, bildete Anja Niedringhaus ab. Mal mit einer Batterie von Kameras wie bei Sportereignissen oder mit nur kleiner Ausrüstung, mit der sie neben einem zubereiteten Truthahn auf einer großen Servierplatte stehen blieb. Dieser Truthahn habe eine Bedeutung, vermutete sie bei ihrem Einsatz 2003 in einem Lager der US-Army im Irak. Wenig später fotografierte Niedringhaus, wie der damalige US-Präsident George W. Bush die Platte mit dem Truthahn US-Soldaten serviert: Er kam am amerikanischen Feiertag Thanksgiving zum Truppenbesuch.

In zwei Ausstellungen werden bis Juni Fotografien von Anja Niedringhaus gezeigt. Im Kölner Käthe Kollwitz-Museum geht es um „Anja Niedringhaus. Bilderkriegerin“. Dort steht ihr Werdegang als international tätige Fotografin im Mittelpunkt. Vor allem die Fotos vom Balkan, aus dem Irak und Afghanistan dominieren die Präsentation. Diese zeigt auch Portrait- und Sportaufnahmen der Frau, die seit 1991 mit dem Beginn des Jugoslawienkriegs immer wieder in Kriegs- und Krisengebiete reist, um zu berichten. „Krisen sind nicht alles, was ich abdecke. Im Krieg endet die Geschichte nie. Ich mag die Olympischen Spiele und die Weltmeisterschaft. Im Sport gibt es einen Start und ein Ziel“, sagte sie, um die Unterschiede ihres Tuns zu beschreiben und auch in diesen Sätzen zu betonen, dass sie sich nicht als Kriegsfotografin verstand. Viele ihrer Fotografien zeigen auch im Krieg alltägliche Situationen; darunter sind immer wieder spielende Kinder.

Anja Niedringhaus (1965-2014)

Während ihrer Schulzeit in Höxter, wo sie am 12. Oktober 1965 geboren wurde, fasste Anja Niedringhaus den Entschluss, Pressefotografin werden zu wollen. Sie begann 1983 als freie Mitarbeiterin bei der Neuen Westfälischen Zeitung in Höxter. 1986 wechselte sie zum Studium an die Universität Göttingen und begann 1987 nach einem Praktikum beim Göttinger Tageblatt als freie Fotografin neben ihrem Studium zu arbeiten. 1990 entschied sie sich für eine Festanstellung als Fotografin bei der European Pressphoto Agency (EPA) in Frankfurt und ließ sich an der Georgia Augusta exmatrikulieren. Sie war international tätig, wurde Büroleiterin der EPA in Sarajevo und Moskau, war als Chife Photographer zuständig für 40 Fotografen. 2002 wechselte sie zur Associated Presse (AP) und war international von Genf aus tätig vor allem in Asien und bei großen Sportwettbewerben. Seit 1990 sind die fotografischen Arbeiten von Anja Niedringhaus mehrfach ausgezeichnet worden. Als erste deutsche Fotografin erhielt sie 2005 den Pulitzer-Preis für Aktuelle Fotoberichterstattung. Am 4. April 2014 wurde sie in Afghanistan von einem Attentäter erschossen.

Der Kunstpalast in Düsseldorf hat 74 Fotografien von Anja Niedringhaus in seiner Sammlung. Eine Auswahl davon ist jetzt in der Ausstellung „Fotografinnen an der Front“ zu sehen. Acht Fotografinnen werden vorgestellt, ihr unterschiedlicher Stil stellt sich in 140 Werken dar in einer sehr gut arrangierten Präsentation, die die Fotografien gelungen fokussiert. Der Überblick beeindruckt auch dadurch, weil es am Ende gelingt nachzuvollziehen, welche der Fotografinnen, was in den Mittelpunkt rückt. Die einen mit dem Blick aufs Ganze, die anderen lassen Details Geschichten erzählen. Vielleicht gilt für alle eine Aussage von Anja Niedringhaus: „Man muss den Leuten zeigen, was passiert ist. Wenn ich es nicht fotografiere, wird es nicht bekannt.“

Fall der Mauer: Einsatz in Berlin und Göttingen

Der Fall der Mauer 1989 brachte der Studentin und Fotografin den vorzeitigen Ortswechsel ein. Ihre Fotos von den feiernden Menschen auf der Mauer in Berlin machte sie als freie Fotografin für die Deutsche Presse Agentur. In Göttingen hatte sie im November fürs Tageblatt ebenso Aufnahmen von der Demonstration nach dem Tod der bei einer Polizeiverfolgung ums Leben gekommenen Conny W. gemacht wie von Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth im thüringischen Eichsfeld. Zu Beginn 1990 wechselte sie als Fotografin zu Europan Pressphoto Agency (EPA) nach Frankfurt. Im Februar gelang ihr das bekannte Foto von Willy Brandt vor einer Menschenmasse bei einer Kundgebung in Leipzig.

Zwölf Jahre später dann ist sie international tätig und wird von Associated Press (AP) angestellt. Afghanistan hat sie 2001 kennengelernt, es wird ihr Lieblingsland: Die Menschen, die Landschaft regen sie später an, sich auf Fotoessays zu konzentrieren. Manche sollen nur mit Texten von Kathy Gannon veröffentlicht werden. Gannon ist AP-Chefreporterin. Mit ihr reist Anja Niedringhaus einige Male durch Afghanistan. Im Frühjahr 2014 berichten die beiden über die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen in Afghanistan am Beispiel der von den Taliban bedrohten Menschen in der Bergregion Chost. Der Job ist getan, die beiden Frauen erreichen mit ihrem Fahrer den Ort Banda Khel an der Grenze zu Pakistan, als ein zu ihrem Schutz abgestellter Polizeioffizier ein Attentat auf sie verübt: Gannon überlebt mit schweren Verletzungen, Anja Niedringhaus stirbt am 4. April 2014.

Mustafi: „Es gibt keine Garantie, dass du überlebst“

Im November 2013 hat Anja Niedringhaus eine Porträtserie aufgenommen von Afghanen, die sich in Kabul ins Wählerverzeichnis für die Präsidentschaftswahlen eintragen ließen. Im März 2014 porträtiert sie aufwendig die afghanischen Parlamentarierinnen im Hohen Haus. Eine von ihnen ist Kubra Mustafi: „Es war das erste Mal, dass sich eine ausländische Fotografin für uns Frauen im Parlament interessierte. (…) Als sie kurze Zeit später getötet wurde, traf mich das sehr, und ich weinte viel. Das gleiche Schicksal erwartet mich, dass ich eines Tages getötet werde. Das ist Afghanistan. Es gibt keine Garantie, dass du überlebst.“ (Quelle: „Anja Niedringhaus. Bilderkriegerin“: Ausstellungskatalog, Wienand-Verlag 2019.)

Kamber: „Sie war ein absoluter Profi“

Der US-amerikanische Fotojournalist Michael Kamber über Anja Niedringhaus (1965-2014): „Sie war ein absoluter Profi. Sie war sich stets bewusst, was um sie herum vorging. Sie war eine gute Beobachterin. Ich habe Anja niemals auf Risiko gehen sehen, niemals nachlässig gesehen. Sie war niemand, um den ich mir Sorgen machte. Das da draußen ist ein Hasardspiel, das weiß ich. Das habe ich schon tausende Male gesehen. Aber es gibt einen bestimmten Menschenschlag von dem man denkt, dass er durchkommt, und ich dachte immer, Anja würde es schaffen.“ (Quelle: „Anja Niedringhaus. Bilderkriegerin“: Ausstellungskatalog, Wienand-Verlag 2019.)

Von Angela Brünjes

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