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Thema des Tages Besucherzahl beim Göttinger Literaturherbst bleibt auf Rekordniveau
Thema Specials Thema des Tages Besucherzahl beim Göttinger Literaturherbst bleibt auf Rekordniveau
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19:22 28.10.2019
Volles Haus im Deutschen Theater bei der „Toleranz“-Lesung von Joachim Gauck. Quelle: Dietrich Kühne
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Göttingen

19 400 Besucher haben im vergangenen Jahr den Weg zu den Veranstaltungen des Göttinger Literaturherbstes gefunden. Dieses Rekordergebnis werde 2019 trotz einiger Ausfälle publikumsstarker Veranstaltungen und der nicht verfügbaren Stadthalle voraussichtlich noch einmal leicht überschritten, sagt Geschäftsführer Johannes-Peter Herberhold. Endgültige Zahlen liegen erst nach der Lesung von Andreas Dresen am Montagabend vor. Nicht nachgeholt werden können die Lesungen von Jostein Gaarder, Frank Goosen und Nicolas Matthieu.

Schauspieler Ulrich Tukur hat seinen Debutroman „Der Ursprung der Welt“ im ausverkauften Deutschen Theater vorgestellt. Quelle: Linnhoff

Nobelpreisträgerin Herta Müller, Doris Dörrie, Stewart O’Nan, Ulrich Tukur, Joachim Gauck, Wolf Biermann, Peter Prange, Sophie Passmann ... Die Liste namhafter Autorinnen und Autoren bei der 28. Auflage des Göttinger Literaturherbstes ist lang. Die Zahl der Veranstaltungen ist noch einmal gesteigert worden – von 70 im Vorjahr auf 80, die Zahl der 37 Spielstätten so hoch wie nie zuvor. Bei der vorhandenen Dimension soll es auch bleiben, die Kapazität ist qualitativ und quantitativ ausgereift. „Viel mehr ist nicht drin, wir haben ein stimmiges Format erreicht“, sagt Herberhold und freut sich über viele Stammbesucher, die jedes Jahr dabei sind. Allenfalls könne noch die Kapazität in der Fläche bedingt ausgebaut werden.

Literaturherbst-Geschäftsführer Johannes-Peter Herberhold Quelle: Dietrich Kühne

Schub durch Ausweitung aufs Umland

Vor einigen Jahren habe die Literaturherbst GmbH mit einer Programmerneuerung und -ausweitung begonnen – in der Breite, Tiefe und Fläche, berichtet Herberhold. Die Ausweitung der Spielstätten auf das Göttinger Umland – von Hann. Münden über Duderstadt und Einbeck bis Walkenried – habe den Literaturherbst beflügelt, zu einem Schub von noch einmal bis zu 4000 Besuchern geführt. Die Bevölkerung in der Region sei aufgeschlossen, eine derartige Win-Win-Situation so nicht absehbar gewesen: „Die Göttinger gehen ins Umland, die Umländer nach Göttingen.“ Die auf hohem Niveau stabile Besucherzahl bestätige die positive Entwicklung und belohne die viele Mühe, die ins Programm gesteckt werde.

Mehr als bewährt hat sich auch die vor 13 Jahren gestartete Wissenschaftsreihe mit Sachbuch-Autoren. Herberhold spricht von der erfolgreichsten Bereicherung, die der Literaturherbst je erfahren habe. Alle neun Veranstaltungen aus Sachbuch-Perspektive in diesem Jahr seien sehr gut besucht bis ausverkauft gewesen, ergänzt GmbH-Mitarbeiterin Nina Hornig. Auch das Interesse an Belletristik sei gleichbleibend hoch: „Das Buch als Medium hat sich stabilisiert, vom Abgesang auf die Literatur ist nichts zu spüren.“

Herzstücke des Literaturherbstes blieben die täglich zwei Abendveranstaltungen im Alten Rathaus, die Vortragsreihe Wissenschaft in der Paulinerkirche und große Literatur im Deutschen Theater, versichert Herberhold. Einen Ausblick auf 2020 kann er noch nicht geben, nur das Zeitfenster vom 17. Oktober bis 1. November nennen: „Nach Abschluss des Literaturherbstes schauen wir mit Macht nach vorne.“ Es sei davon auszugehen, dass auch große Jubiläen einbezogen würden: „Am 250. Geburtstag Beethovens werden wir nicht vorbeikommen.“

Hoher Aufwand und Ausfälle

Das Benennen persönlicher Highlights in diesem Literaturherbst fällt Herberhold schwer. Er outet sich allerdings als Fontane-Fan („Effi Briest gehörte zu meiner Lieblingslektüre“) und zeigt sich begeistert von der Sprachkunst eines Max Goldt. Als ein herausragendes Ereignis des Literaturherbstes auch für das gesamte Publikum nennt er die Bühnenshow „Von der Erde zum Mond“ nach dem Roman von Jules Verne mit Rufus Beck und dem Göttinger Symphonie Orchester im Deutschen Theater und im PS-Speicher in Einbeck. „Das war großes Kino mit Standing Ovations“, sagt Hornig: „Einen derart hohen Aufwand mit einem Dreivierteljahr Vorbereitungszeit können wir uns nur selten leisten.“

Die drei krankheitsbedingten Ausfälle erklärt sich Herberhold auch mit dem Timing des Göttinger Literaturherbstes, der sich an die Frankfurter Buchmesse anschließt und häufig mit der ersten Erkältungswelle kollidiert: „Bei Lesungen kommt es auf die Stimme an, und die Autoren haben schon auf der Buchmesse viel reden müssen.“ Ausfälle könne es bei allen Großveranstaltungen geben, eine Quote von hochgerechnet zwei Prozent sei noch ein guter Wert. Autoren seien erpicht darauf, ihr Publikum nicht zu enttäuschen, würden häufig auch erkrankt zu Veranstaltungen kommen.

Klimawandel und Klimaschutz seien schon in den Vorjahren ein großes Thema im Sachbuchbereich gewesen, in diesem Jahr mit Luisa Neubauer und Fridays for Future fortgesetzt worden: „Das zukunftsbestimmende Thema wird uns auch beim Literaturherbst in den nächsten Jahren stark beschäftigen.“

Dem Zeitgeist nicht gebeugt haben sich die Literaturherbst-Organisatoren beim Gendersternchen. Das hat aber keine inhaltlichen, sondern formale Gründe. „Unser Fokus liegt auf dem Inhalt und der Lesbarkeit unseres Programmheftes“, heißt es in selbigem: „Daher müssen wir leider auf Gendersternchen verzichten. Unsere Texte richten sich aber ausdrücklich an Personen aller Geschlechtsidentitäten.“ Herberhold ergänzt: „Alles, was sich hinter dem Sternchen verbirgt, findet Eingang ins Programm und in unsere Köpfe.“

Blockierer haben die Lesung von Thomas de Maizière im Alten Rathaus am 21. Oktober verhindert. Quelle: el

Gespräch mit Thomas de Maiziére wird nachgeholt

Um viele – auch politische – Themen ist es beim Göttinger Literaturherbst gegangen. Überlagert wurde die Vielfalt durch die von linken Demonstranten blockierte und vereitelte Gesprächsveranstaltung mit dem ehemaligen Bundesinnen- und Verteidigungsminister Thomas de Maizière, die bundesweit Wellen geschlagen, eine aktuelle Stunde im Bundestag und eine Diskussion über Meinungsfreiheit ausgelöst hat. Statt Innenansichten aus der Politik, die der CDU-Politiker in seinem Buch „Regieren“ beschrieben hat, gab es Fotos mit Außenansichten des Alten Rathauses als Kulisse für die Störaktion.

Dort verhinderten Demonstranten mit Trillerpfeifen und Kriegsgeräuschen aus dem Lautsprecher die Lesung, verwehrten Besuchern den Zugang. Auch Literaturherbst-Geschäftsführer Johannes-Peter Herberhold wurde körperlich daran gehindert, ins Rathaus zu gelangen, dabei sein Sakko und Oberhemd beschädigt. Maizière musste unter Polizeischutz das Rathaus-Restaurant Bullerjahn verlassen, in das er sich geflüchtet hatte und hinter einer Säule verbarg, als vermummte Demonstranten vor den Butzenscheiben auftauchten.

Um die Situation nicht eskalieren zu lassen, verzichteten Veranstalter und Mazière darauf, den Platz vor dem Alten Rathaus von der Polizei räumen zu lassen. In 28 Jahren Literaturherbst habe er so etwas noch nicht erlebt, sagte Herberhold: „Das war eine absolute Premiere – im negativen Sinn.“ Es sei frustrierend, dass „man in Göttingen nicht über Politik reden kann“. Die Situation sei nicht absehbar gewesen, im Vorfeld habe es keine Anzeichen oder Signale gegeben, dass die Veranstaltung blockiert werde.

Einzelne Proteste in der Vergangenheit

„Der ganze deutsche Blätterwald hat darüber berichtet, von der Welt bis zur Zeit“, sagt Herberhold: „Wir können, dürfen und werden uns beim Programm nicht von Dritten hereinreden, uns keine Meinung aufdiktieren lassen.“ Das betreffe auch die Auswahl der Teilnehmer beim Literaturherbst. Für rassistische, frauenfeindliche und gewaltverherrlichende Positionen gebe es dort selbstverständlich keinen Platz.

Auch in der Vergangenheit habe es beim Literaturherbst immer wieder einmal einzelne Protestaktionen und Störmanöver gegeben – von Zwischenrufen über das Entrollen von Transparenten bis zu Megafonansagen. Es sei zuvor aber nie vorgekommen, dass eine Veranstaltung verhindert worden sei. Ob im Vorfeld oder bei den Veranstaltungen selbst könne sich jeder zu allem kritisch äußern, betont der Geschäftsführer der Literaturherbst GmbH.

Literaturherbst sonst nicht durchführbar

Bei Mazière sei es um eine Buchvorstellung gegangen, nicht um Parteipolitik. „Jeder, der hier auftritt, ist eine streitbare Persönlichkeit und hat auch Gegner“, meint Herberhold: „Da hätten sich auch bosnische Serben bei der Lesung von Buchpreis-Gewinner Saša Stanišić auf die Rathaustreppe setzen können.“ Stanišić hat scharfe Kritik an der Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Peter Handke geäußert.

„Würden Aktionen wie bei Mazière Schule machen, könnten wir den Literaturherbst nicht mehr durchführen“, sagt Herberhold. Deshalb werde die Veranstaltung mit Mazière auch nachgeholt. Voraussichtlicher Termin im Alten Rathaus – vorbehaltlich der Entscheidung des Verwaltungsausschusses der Stadt als Hausherr – ist am Dienstag, 26. November, um 19 Uhr. „Die Stadtverwaltung hat bereits Zustimmung signalisiert, die Veranstaltung ist ausverkauft.“ Das Sicherheitskonzept sei stimmig, die Polizei eingebunden, sagt Herberhold und geht davon aus, dass diesmal alles reibungslos über die Bühne geht.

Internationales Literaturfestival mit Strahlkraft ins Umland

Mit einer Lesereihe im damaligen „Ballsaal“ in Grone ist 1991 der erste Göttinger Literaturherbst gestartet – eröffnet von Max Goldt. 1992 wurde der Literaturherbst dann von Christoph Reisner als Unternehmen etabliert, 2006 in eine GmbH mit Förderverein umgewandelt. Mit dem Umzug in die Innenstadt erfolgte in den 1990er-Jahren auch die Internationalisierung des Programms. Seit 1997 gibt es ein zehntägiges Festivalformat im Anschluss an die Frankfurter Buchmesse, seit 2014 ist Johannes-Peter Herberhold Geschäftsführer der GmbH. Unterstützt wird der Literaturherbst von Helfern des Literarischen Zentrums, der Universitätsbibliothek und den Max-Planck-Instituten, die die Vortragsreihe Wissenschaft veranstalten. Seit der 23. Auflage des Festivals werden auch Spielstätten außerhalb der Stadtgrenzen berücksichtigt. Zum Beirat des Literaturherbstes unter Vorsitz von Klaus Wettig gehören unter anderem der Göttinger Oberbürgermeister, der Landrat und der Verleger Gerhard Steidl.

Tageblatt-Artikel vom Literaturherbst, eine Auswahl:

Nobelpreisträgerin liest beim Literaturherbst

Demonstranten verhindern Lesung von Thomas de Mazière

Ein Soziologe und ein Verleger auf Spurensuche

Ulrich Tukur stellt Debütroman vor

Rufus Beck und das GSO auf dem Weg zum Mond

Träger des Deutschen Buchpreises beim Literaturherbst

Von Kuno Mahnkopf

Für Michael Hamacher aus Rosdorf ging mit seinem Spiel gegen Phil Taylor ein Traum in Erfüllung. Wie er in Hann. Münden sein Idol besiegte und was er der Dartlegende auf der Bühne erklären musste.

19.10.2019

Der Göttinger Literaturherbst hat 80 Veranstaltungen an zehn Tagen zu bieten. Bekannte Autoren wie Buchpreisträger Saša Stanišić stellen ihre Literatur ebenso vor wie Newcomer ab dem 18. Oktober.

17.10.2019

Der Herbst lädt zu Spaziergängen ein. Perfekt verbinden lassen sich diese mit dem Besuch in einem Tierpark. In Göttingen und der Region gibt es vom Wildschwein bis zum Alpaka einiges zu sehen.

16.10.2019